Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1916
- Issue
- 34 (Dezember 1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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M9 jüdische," hieß es jüngst in einein Aufrufe zur Gründung eines jüdischen Siedlungsheimes in Berlin. Wir kennen unser Volk ganz und gar nicht. Wer von uns weiß denn etwas von dem Leben der großen jüdischen Massen im Osten, von ihrer Kultur, ihrer Wirtschaft, ihren sozialen und politischen Organisationen? Es gilt für uns alle, in diese Gebiete einzudringen, um einen klaren Blick zu bekommen und eine freie Uebersicht. Wissen wir denn, ob die zionistische Lösung richtig ist, wu wir so wenig um das wirkliche Leben und Leiden unseres Volkes wissen? Kanu nicht auch im Oahith unser Volk erlöst werden, eine nationale Kultur sich aufbauen, (wie die Jiddischisten es erwarten und erstreben)? Erst wenn wir wirklich die Lage der jüdischen Massen kenneu und so unsere Zugehörigkeit zu ihnen empfinden, werden wir bewußter als bisher an ihrer und unserer Erlösung arbeiten können. Erst wenn wir — auch in der praktischen sozialen Arbeit die Not unseres Volkes gesehen haben, werden wir wissen, was Oaluth heißt und was Palästina bedeuten kann.7) Und auch ein anderes werden wir hierbei spüren und erkennen. Daß, wenn wir erst einmal zu unserer ganzen Existenz Ja gesagt haben, „wir uns zur Vergangenheit des Judentums nicht stellen, als /u der Vergangenheit einer Gemeinschaft, der wir angehören, sondern wir werden darin die Vorgeschichte unseres Lebens sehen, jeder von uns die Vorgeschichte seines eigenen Lebens. Wenn wir von den Leiden unserer Brüder hören, dann wird ein jeder von uns fühlen: „Diese Menschen sind Stücke von mir. Ich leide nicht mit ihnen, sondern ich leide das. Meine Seele ist nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist meine Seele. Und in diesem gleichen Sinn wird dann jeder die Zukunft des Judentums fühlen. Er wird fühlen: Ich will weiterleben, ich will meine Zukunft, will ein neues, ganzes Leben, ein Leben für mich, für das Volk in mir, für mich im Volke."') D't Tatsachen, aus denen diese unsere entscheidende Erkenntnis sich bildet, sind unsere Geschichte und unsere Gegenwart. Die Forin, in der sie sich zunächst dokumentiert, ist das hebräische. Wir müssen hebräisch lernen. Nicht weil die Kinder in Palästina hebräisch sprechen, oder gar weil hebräisch die Sprache des Kongresses ist. Sondern weil hier ein Anfang gemacht wird, den jeder von uns tun kann, und der doch in jedem von uns gleiche Kräfte, gleiche Liebe und gleiche Hingabe zu unserem Volke und seiner Zukunft voraussetzt. Hebräisch lernen wir nicht, wie wir französisch, englisch oder sonst eine fremde :) Idt persönlich, der ich Khon früher viel mit ostiüdischen Studenten verkehrt hatte. muBte bei der Arbeit im Berliner „Jüdischen Volksheim" staunend feststellen, wie entsetzlich wenig ich vom Ottjudentum kannte und wußte. ") Martin Buber. Drei Reden über das Judentum, S. 28 M