Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1916
- Issue
- 33 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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313 über den Aufschwung des Landes Ausdruck gab: „Und was wird sein, wenn die Regierung wieder mit Rußland geht?" Das kennen wir aus unserer Geschichte, das war alles schon da, und ist die Geschichte vom ewigen Juden. Die Zahl der Juden Bulgariens beträgt rund 40000 Seelen und steht im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wie bei uns (0,9 Prozent). Reichlich die Hälfte davon lebt in Sofia; große Gemeinden sind außerdem in Rustschuk und Philippopel. Da mir die Existenz eines Großrabbinats von Bulgarien erinnerlich war, betrat ich meinem Instinkt und der Firmenaufschrift vertrauend, mit meinem Unteroffizier das vornehme Herrenartikel-Geschäft gegenüber dem Kgl. Schloß, dessen Besitzer, ein untersetzter, liebenswürdiger Herr von 40 Jahren (Hausvogteiplatztyp) überaus erfreut tat, deutsche Soldaten und sogar Juden bei sich zu sehen. Im Verlauf des bald sehr lebhaften Oesprächs, erbot sich Herr Levy, bedauernd, daß wir am nächsten Tage schon abreisen mußten, uns die Stadt zu zeigen, so gut es die kurze Zeit möglich machte. Wir waren froh, einen deutschsprechenden Glaubensgenossen gefunden zu haben. Durch einige Exemplare der Wiener „Jüdischen Correspondenz" dokumentierte er seine jüdischen Interessen. Auf dem Wege erfuhren wir Näheres über die Sofioter Juden. Neben der größeren Gemeinde Spaniolen (den alteingesessenen Nachkommen der 1492 Vertriebenen), sind in den letzten Jahren aus Galizien, Rumänien und hauptsächlich zur Zeit der Pogrome aus Rußland Elemente eingewandert, die sich zu einer deutschen Judengemeinde zusammenschlössen. Gerade diese eingewanderten Juden assimilieren sich überschnell, wenn auch Taufen und Mischehen vorläufig noch selten sind. Charakteristisch ist, daß kürzlich anläßlich der Verbindung einer jungen Galizianerin mit einem Bulgaren die spaniolische Jugend vor dem Hause des Brautvaters demonstrierte, natürlich erfolglos. Aber die Kundgebung ist bemerkenswert für die Treue der „edelrassigen" Spaniolen. Nachdem wir in eine Nebenstraße eingebogen waren, sagte unser Cicerone plötzlich: „das Großrabbinat". Keineswegs freudig überrascht standen wir vor dem nüchternen, einstöckigen Häuschen mit den zahlreichen zerbrochenen Fensterscheiben, hinter denen die Räume unbenutzt zu liegen schienen. Das Oroßrabbinat, früher vertreten durch Dr. Ehrenpreis (seh dem Tode des Prof. Klein in Stockholm) ist personifiziert in Herrn Rabbiner Dr. Rabbiner, einem eingewanderten Ostjuden, der in der kurzen Zeit seiner Amtsführung verstanden hat, das Gemeindeleben zum Stillstehen zu bringen. Ihm ist u. a. zu verdanken, daß die in den oberen Räumen des Gebäudes gelegene Volksschule (eine Gründung von Zionisten, die von der Alliance subventioniert wurde) eingegangen ist. Dieser Herr, der sich zu kaum einem