Mannheim
Compact Memory

Herzl-Bund-Blätter · 1916-08-01 · 33 (August 1916) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Herzl-Bund-Blätter
Volume
1916
Issue
33 (August 1916)
Date
1916-08-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4895413-5934801-5934884--347-4895735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

312 Schachteln Zigaretten, Seife, ein Samowar, ein paar Gläser von zweifelhafter Reinheit, darin ein jüdisches Mädchen, eine Frau mit Umschlagetuch oder ein alter Mann und die Teebude war fertig. So brachte in Serbien, wie ich es früher schon in Polen erlebte, jüdische Zähigkeit das stehengebliebene Rad gewerblichen Lebens wieder in Schwung. In Polen waren es ausschließlich Aschkenasim, in Serbien hauptsächlich Sephardim, eine Unterscheidung, die oft aus Torheit gemacht wird. Ich konnte mit der Oesinnung der Jugend da wie dort häufig sympatisieren, wenn ihnen auch leider manchmal „das Geschäft" berghoch über Ehre und Selbstbewußtsein steht. Das Geschäft blühte, das Geld begann zu rollen, mancher Soldat brachte damals aus Neusatz heimlich ein Paar Stiefelchen oder eine Bluse mit für den Dank - der Jüdinnen von Belgrad. Einem Zufall habe ich es zu verdanken, daß ich meine Balkanerinnerungen auf Bulgarien ausdehnen kann, in dessen Hauptstadt namentlich viel Juden wohnen. Ein Unteroffizier erhielt Befehl, den vorgeschobenen Werkstätten in Nisch, Uesküb, Sofia, sowie den Tankstellen an einigen Zwischenplätzen Post /u bringen. Dieser Unteroffizier bestimmte mich zum Begleiter auf dieser Reise, die überaus angenehm verlief und uns fast zu einem Abstecher nach Konstantinopel verleitet hätte, wenn nämlich die damals in Uesküb verbreiteten Friedensgerüchte wahr gewesen wären. Diesmal kann nur interessieren, was ich an jüdischem auf dieser Reise sah, daher zwangsweiser Ausschluß alles sonst Erzählenswerten. Immerhin muß mit dem Milieu vertraut gemacht werden, in dem eine größere Anzahl Juden leben. Sofia, am Fuße des 2300 Meter hohen Witoschgebirges (wir erstiegen die Höhe, eine unvergeßliche Tagestour) in einem weiten Talkessel gelegen, bietet in der Hauptsache ein Straßenbild von europäischem Gepräge, ausgenommen die malerischen Zigeunerviertel mit zahllosen vor Schmutz starrenden, nackten oder buchstäblich in Lumpen gehüllten, frohen, unverschämten, aber bildhübschen Kinderscharen, die mit Büffelwagen zu Markte fahrende Landbevölkerung, in grellen, bunten Trachten, das brutale bulgarische Militär, ein Leichenbegängnis, nach der Landessitte die Leiche im offenen Glassarge und manches unserm mitteleuropäischen Auge seither fremd Gebliebene. Am Tage zuvor in einem armen, geschlagenen Lande, nun plötzlich in einem andern im Mitternachtstaumel des Glücks. Die Juden in zwei solchen Ländern! Daß die bulgarischen Juden große Patrioten sind, ist selbstverständlich. Das waren die serbischen auch. Söhne desselben Volkes, eingeschworen auf die Fahne zweier Erbfeinde. Das Olück macht ihnen Zweifel, die beide wie Zwillinge gewachsen. Das Unglück ist ihre einzige Oewißheit. Ein Sofioter (oder wie ich auch sprechen hörte: ..Sofianer") Glaubensgenosse verriet mir, als ich meine Freude

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.