Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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J80 lieb macht — dieses unschuldig Fragende einer tiefen Unbefangenheit. Aus diesen Augen hier spricht nur die ganze Schwere und auch vielleicht der bittere Stolz des Wissens. Ja, diese Kinder sind alle Wissende, unbarmherzig Wissende. ... Nette Bilder sah ich später mal in Smigrod. Der Marktplatz ist auf der einen Seite begrenzt von den höher liegenden Verkaufenden, an denen Bogengänge entlang führen. Hinauf führen langgestreckte Stufen und überall sieht man Gruppierungen von Juden sitzen. Eines Morgens kamen wir durch das Städtchen Rimanow. Dort sah es schrecklich aus. Alles verwüstet, zerschlagen, verbrannt. Ich sprach mit~~einigen der zigarettenrauchenden Juden. Dann schaute ich mich etwas in den nahen schmutzigen Gäßchen um, bis mich einer fragte, was ich suche. Auf meinen Bescheid, daß ich nichts suche, sondern mir nur das .Wirkungsfeld" der Russen ansehen wolle, sagte er: .Ich werd Ihnen zeigen de Schul". Er führte mich in den Tempel, einen anspruchslosen, einfachen Bau. Wir durchschritten den leeren Vorraum und kamen in den Beetsaal. Ca. 10 Juden, alte Männer, waren bei der Morgenandacht und legten tief vermummt in ihren Tallis die Tfillim an. Ich sah mich neugierig ringsum und mancherlei ging mir durch den Sinn. Dann trat ich an ein Bult und nahm eins der dort liegenden Gebetbücher in die Hand. Sofort kam der Vorbeter, ein Mann mit wachsbleichem Gesicht und edlen Linien auf mich zu, sah mir prüfend ins Gesicht und streckte mir dann, als könne es gar keinen Irrtum geben, die Hand entgegen. Nach ihm alle andern. Ich war als Bruder erkannt und aufgenommen. Viel sprechen konnte ich nicht, denn man war beim Beten und ich mußte ab und zu raushuschen und nachsehen, ob die Batterie noch nicht weiterf;efahren war. Doch hatte ich noch ein nettes Erlebnis. Man ragte mich, woher der Fahrt. Als ich .Hannover" antwortete, kam freudestrahlend ein kleines altes Männchen zu mir. .Aus Hannover sein der Herr? Ich hab auch wohne eine Tochter in Hannover. Sie werden se kennen. Grill heißt mein Eidam." Ihr könnt Euch die Ereude denken, als ich ihm versichern konnte, daß Grill mir nicht unbekannt sei. Na, ich hab dem erfreuten Alten versprochen, wenn ich gesund heimkehre, seine Tochter zu besuchen und zu grüßen. — Es war ein nettes Erlebnis. — Tags darauf gingen wir beim Dorfe L. ins Biwak. Dort fand ich eine nette Judenfamilie. Der älteste Sohn (ca. 20 Jahre) sprach mit starkem Ingrimm und lebhaftem Haß von den Russen. Er war ein feiner Kerl. Auch seine schwarzhaarige Schwester (17 Jahre und .schon soviel Zores", wie sie sagte). Das hinderte aber nicht, daß sie froh und tapfer in die Welt hinausschaute. Ein liebes Ding. Nicht hübsch, aber nett, frisch, gut. 3 jüngere Brüder waren noch da, liebe Kerls. Verwunderlich