Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4895413-5934797-5934870--308-4895698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
279 Oie Mütter selbst, nun, ich habe das Gefühl, wäre ich ein besserer Zeichner, als ich bin. ich müßte solch ein Gesicht mit vier bis fünf Strichen zeichnen können. Denn diese paar Linien, das sind die Linien, die den Gesichtern ihr Gepräge aufdrücken, sie sind es, die ich hei allen Müttern hier gefunden habe. Auf einer durchweg kleinen, oft selir schmalen Figur ruht der Kopf, von dem das übliche Haubentuch nur das längliche, blasse Gesicht sehen läßt, darin stecken die 2 Augen, die einstmals wohl schön waren, heute nur noch müde sind. Und dann kommen jene 2 tiefgefurchten Linien, die von der Nasenmitte sich zu den Winkeln der schmalen, hlutlusen Lippen ziehen. Wie schwer, wie gemeinsam muß die Mütter dieser Juden ein großes Leid drücken, das alles andere kleine Weh mit zusammenfließt in die Zeichen dieser Furchen! Aber wie gütig sind sie auch alle, diese jüdischen Frauen, wie lieb und freundlich waren sie alle zu mir. Ich werde sie nie vergessen Die Hawdoloh wurde dann gemacht, ohne viel Feierlichkeit, eben, wie wenn man etwas altgewohntes tut. Nachher stillte ich noch dort nachtmahlen, aber ich begnügte mich mit einer Tasse süßen Kaffees, Dann unterhielt man sich über Viele* Ich sah das Bild dos Aeltesten, der Soldat ist, zeigte seihst das Bild meiner Mutter, mußte über meine Familien- und Geschäfts- Verhältnisse berichten und war so bald nicht mehr fremd. Die Tochter war gerade aus Ungarn zurückgekommen, nicht mehr ganz Unschuld vom Lande, aber trotzdem sehr nett. Um 9 Uhr schied ich. man wollte mich noch nicht we^iassen. Mit Rucksicht auf den Ruhetag versprach ich morgen wiederzukommen, und so entließ man mich herzlich, das letzte Wort der l-rau war: „Aber Sc werde bestimmet wiederkimmen!" Ich freute mich selber schon auf ein neues Stündchen bei den lieben Menschen. Aber Ruhetag — Scheibenhonig! Nachts .? Uhr wurden wir alarmiert und um 4 Uhr gin^s schon wieder ab, ohne daß ich von meinen Freunden Abschied nehmen konnte. Nur dem Alten konnte ich im Vorbeifahren noch zuwinken. Dann kam einer der anstrengendsten Tage Von morgens 4 Uhr bis abends 9 Uhr Eilmärsche, wir marschierten über Neu- Sandeck, Griebow. nach Ropah. wo wir über Nacht biwakierten. Das einzig Erwähnenswerte ist wohl unser Durchmarsch durch Neu-Sandeck. eine größere StaJt. Da gab es natürlich .luden in Unmasse. Interessierte Gruppen auf den Siraßcn. kleine Bochers. ihrer Größe nach auf höchstens 11 Jahr zu schätzen, in langen ernsten Kaftans. schwarzem Filzhut, unterm Arm ein Buch. So standen sie beisammen wie die Alten. Und aus ihren blassen, von schwarzen Fajes umrahmten Gesichtern leuchteten tiefe warme, schwarze und braune Augen Aber keines der Kinder hat das im Auge, was uns sonst hei uns die Kinder so