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Herzl-Bund-Blätter · 1915-12-01 · 31/32 (Dezember 1915) · p. [Seite]

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Journal
Herzl-Bund-Blätter
Volume
1915
Issue
31/32 (Dezember 1915)
Date
1915-12-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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270 wegungs- und Angriffskrieg läßt uns kaum Ruhe zur beschaulichen Betrachtung. In den letzten 10 Tagen habe ich überhaupt weder Juden noch PuUacken (außer heimatlos durch die Wälder irrenden) zu Gesichte bekommen. Die erste Zeit war es wenigstens etwas besser. Natürlich dort, wo man wirklich jüdisches Massenleben, jüdische Kultur und soziale Zustände der Juden hätte studieren können, in den kleinen und großen Städten, dorthin kamen wir überhaupt nicht oder nur so en passant, eine halbe Stunde Rast oder so (die Infanterie hats darin besser, die kommt doch dort mal für eine Nacht ins Quartier — aber wir mit unseren Pferden und Karren!). In den Dörfern aber, durch die wir kamen und bei denen wir lagerten, waren stets mehrere jüdische Familien. Einiges will ich Euch darüber erzählen: Die ersten galizischen Juden, die ich sah, begegneten mir noch auf der Bahnfahrt kurz vor Krakau. Sie kamen, wenn der Zug auf freiem Felde halten mußte, angerannt mit Körben und Säcken und verkauften Apfelsinen, Süßigkeiten und dergl., alte Juden. Jungens und Mädels. Alles Typen, die man auch bei uns als galizische Juden ansieht. — Aber weiter. Ich wunderte mich garnicht über ihr Erscheinen. Es war etwas selbstverständliches, auf das ich gewartet hatte und das nun so in Erscheinung trat, wie ich es erwartet halte. Nur, daß ich mir jetzt unsere Volksgenossen etwas intensiver betrachtete als die Pollacken, die nämlich genau denselben Handel (wahrscheinlich ohne Gewerbeschein) betrieben als die Juden. Auf unserem ersten Marschtage kamen wir bald durch das Städtchen B. — dasselbe, in dem unser lieber Max Baer, Hamburg, seinen Seder verlebte. Hier, als Etappengebiet, war ein ungeheuer lebhaftes Treiben. Ein Bild der buntesten Farben, wie es eben nur in Oesterreich möglich ist; ich will mich darauf beschränken zu sagen, daß so im Vorbeifahren die Juden auf mich einen guten Eindruck machten. Sie standen in Gruppen und redeten mehr oder weniger lebhaft aufeinander ein. Was mir dort und noch später wieder auffiel, angenehm auffiel, war dies: Sie mochten noch so lebhaft reden, gestikulieren mit den Händen, mit dem Kopfe, wohl auch mit ihrem ganzen Körper — ihre Gesichtszüge, ihre Augen behielten doch stets ihre Würde, ihren ruhigen, klug überlegenden Ausdruck Andere, Frauen, junge Mädels und Kinder standen oder saßen vor ihren Häusern oder in den Eingängen zu ihren Verkaufsbuden, dem .Gewölb", in denen das Geschäft recht flott zu gehen schien (der Soldat ist natürlich für gewisse Artikel ein guter und großzügiger Käufer). Die nächsten beiden Tage waren Marschtage, auf denen wir in keiner Ortschaft länger verweilten. Eine herrliche Gegend dort, die Uehergänge der Karpathen in die Beskiden — von überwältigender Schönheit, aber für die Landwirtschaft sicher

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