Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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274 die wenigsten kannten einander. Ein junger Artillerist, mit einem Tal Iis bekleidet, dem einzigen der Versammlung, betete vor, ein älterer Sanitätssoldat unterstützte ihn. Der Jüngere sang nicht schön, aber mit soviel Ausdruck und Wärme, als wollte er keineSilbe unbeachtet lassen, in jedes Wort eine besondere Bedeutung hineinlegen. Eine große Andacht lag über allen. Einige beteten Wort für Wort mit, einige standen mit träumerischen Augen da und weilten wohl mit ihren Gedanken in der Heimat, bei ihren Freunden, ihrer Familie, dachten an vergangene Zeiten .... Wer wird heute eingeschrieben werden in das Buch des Lebens, wer wird als erster in die Erde sinken von denen, die hier zusammen kamen? Wer wird es sein? Aller Augen schimmerten feucht. Als man aber für die gefallenen Kameraden Kaddisch sagte und dann sich zum Schluß gegenseitig die Hände schüttelte und „Leschonoh tauwo" und .gut Jontef" wünschte, da liefen gar manchem die Tränen herunter. Aber man schämte sich dessen nicht. Wir verabschiedeten uns. und versprachen am nächsten Morgen wiederzukommen und fanden uns am nächsten und übernäJisteh Tage wieder Jedesmal aber nahmen wir das üetühl des Festtages mit uns. eine erhobene, feierliche Stimmung. Wir fühlten: es ist Rauschhaschonoh. Und war doch nur ein weißes Tischtuch, zwei Kerzen und ein Tallis, was diesen Festtagsglanz über uns verbreitete. Wer aber zurückkehren wird aus diesem Kriege, wird an :-päteren kauschhaschonohtagen denken an jenes einsame, zerschossene Haus mit dem Schild daran: Hier wird während der jüdischen Feiertage Gottesdienst abgehalten. Eine Predigt fand nicht statt, sie wurde auch nicht vermißt. Vielleicht aber hätte man diese Worte sagen können: .Kameraden, jüdische Krieger! In den eigentümlichen Umständen, unter denen wir uns heule hier zusammengefunden haben, können wir symbolisch das Schicksal unsres Volkes erkennen. Als Krieger und Kämpfer auch äußerlich als solche kenntlich, stehen wir hier, wie die Juden seit tausenden von Jahren Kämpfer waren in ewigem, aufgezwungenem Kriege mit der ganzen Welt. In fremdem Lande beten wir und flehen um Rückkehr in unsre Heimat, wie unser Volk seit Beginn seines Golus, in der Fremde um Rückkehr in sein Heimatland betet. Unser Gotteshaus ist ein zerstörtes, eingefallenes Haus, wie unser Tempel zerstört ist und in Trümmern hegt. Unversehrt aber haben wir hierher mitgenommen unsre alte Sprache, unsere Gebete, unsere Schrift. Was an Leiden. Prüfungen und Schicksaisschligeh in diesem furchtbarsten aller Kriege den Völkern auferlegt ist, das tragen wir Juden doppelt und dreifach Wir leiden nicht nur als