Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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273 der Zerstörung aufweist, zu begeben hätten. Die Enttäuschung war groß, denn nun war es uns nicht vergönnt, wenigstens an diesem Tage das Bild des Krieges mit dem des Friedens, der Kultur vertauschen und auch ein Wiedersehen mit Freunden und Bekannten feiern zu können, auf das wir schon so lange gewartet hatten. Und doch hatten wir keinen Grund uns darüber zu beklagen. Nie hätten wir in Roulers. einer mittleren Provinzstadt, einen Eindruck von solcher Wucht und Tiefe empfangen können, wie es hier in dem verlassenen Dorfe an der Front geschah. Wir wußten nicht, wo der Gottesdienst stattfinden sollte und suchten daher erst lange in dem großen Dorfe, wobei wir vornehmlich auf Gebäude achteten, die uns einigermaßen für den feierlichen Zweck würdig erschienen. Schließlich fanden wir jemand, der Bescheid wußte, und so hielten wir vor einem einsamen, alten, halb zerschossenen Hause, das von Schutt und Misthaufen umgeben war. Die Tür war mit Brettern vernagelt, daran befand sich ein Schildr'Hier wird während der jüdischen Feiertage Gottesdienst abgehalten. Von innen drang Stimmengewirr nach außen; man hatte bereits begonnen. Das also war unser Gotteshaus! Mir aber schien in diesem Augenblick, als dürfte es nicht anders sein, als wäre jede Pracht und Erhabenheit in dieser Gegend des Grauens und der Verwüstung stillos und sinnwidrig. Hier beteten ja Krieger. Jüdische Krieger, mit ihren Waffen und zerschlissenem Rock zu ihrem alten Gotte, der auch ein Gott des Krieges ist, der sein Volk so oft angeführt hat im Kriege gegen Mizraim und die Philister, gegen Assyrer und Babylon, gegen Syrer und Römer; und sie beteten ja im Hause des Krieges, in dem jeder Stein erzählt von den Greueln des Kampfes ringsumher, wo der Kanonendonner dröhnte, die dumpfe grollende Musik der Schlacht. Alle Sinneseindrücke vereinigten sich zu einem geschlossenen Bilde. Der Gott des Krieges spricht zu seinem Volke, sein Volk spricht zu ihm Wir mußten über einen Schutthaufen klettern, um so von hinten ins Haus zu kommen, und betraten dann eine kleine Stube, in der sich etwa 40 Leute befanden. Die Wände wiesen große Löcher auf. die Fenster waren mit Papier verklebt, die drei Türöffnungen mit Zeltbahnen verhangen. Durch einen Großen Spalt in der Decke konnte man auf den Dachboden sehen, nd doch war die Stube sauber. Ja sie gewährte sogar einen feiertagsmäßigen Eindruck, denn vor dem mit einem Plüschtuch bedeckten, aus einer Kiste hergestellten Gebetpult, auf dem ein paar Kerzen brannten, befand sich ein Tisch mit weißer Decke._ uns draußen ein ganz ungewohnter Anblick. — Soldaten aller Waffengattungen hatten sich zusammengefunden, Leute im Alter von 18—45 Jahren, und doch gleich durch Rang und Uniform: