Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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268 Vom lebendigen Organismus des Judentums in unsrer Zeit. Von Dr. Alfred WolH. hang erhebt sich, über eigenes Schicksal und die drohende Erscheinung des Todes hinaus, vor jedem von uns heute die zweifelsvolle Schicksalsfrage: Wie wird es morgen, nach diesem völkermordenden Weltenringen, das vielleicht das Antlitz der Erde ändern wird, um das Judentum und Judenvolk aussehen, wie wird in dieser Zeitenwende, die auch unser aller Schicksal in die Hand nimmt und so viele persönliche und nationale Hoffnungen umwirft, der Zionismus sich bewähren, der doch die lebendigsten Kräfte zukunftsfrohen Judentums zusammenfaßt, der unser Cjlück und Dasein bedeutet? Diese ängstlichen Fragen, in Brief und Wort häufig gestellt, zerren und zehren an unseren Seelen; wir empfinden, daß neben dem allgemeinen Kampf für den Juden noch ein ganz besonderes, qualvolles Ringen einhergeht, das nur der Jude, vielleicht nur der selbstbewußte Jude ganz in seiner Tragik erfassen kann. Diese Fragen erschüttern immer wieder unsere üedanken, versetzen uns bald in überschwängliche Hoffnung, lassen uns bald wieder in fast grenzenlose, verzweifelte Stimmung der Mutlosigkeit verfallen; diese Fragen heischen aber auch dringend Antwort, die ein jeder nach seinem Können aus der Tiefe seines Herzens und unserer Not heraus geben soll, wenn er sich der ganzen Schwere unserer Tage bewußt ist. Antworten aber soll man nicht so sehr, indem man an äußerlichen Tatsachen haften bleibt,sondern indem man mit ganzer Seele und Inbrunst tief in die Schächte des Judentums hinabsteigt, indem man die Quellen aufsucht, aus denen unser Zionismus seine Nahrung empfängt. So nur, indem man vom Augenblick einmal absieht, darf ein Jude die Zeit und unsere Zukunft beurteilen; solch Betrachtungsweise nur ziemt einem Juden, der älter ist als jedes Volk auf Erden, der der Ewigkeit ganz nahe steht, weil er das Werden und Wandern der Zeiten, den Hochmut, aber auch die Erniedrigung der einst mächtigen Völker mit seinem Segen, aber mehr noch mit seinem Fluch begleitet hat; vor dem Juden sind Völker und Staaten wie ein^Hauch und flüchtiges Vergehen und nur ein Atemzug der Weltgeschichte, der Jude aber bleibt ewiglich. Jude sein heißt zeitlos sein und die Geschlechter überdauern..... In solcher Auffassung liegt der Trost und die Zuversicht begründet, die die Erinnerung an die glorreichen Tage der Freiheits- und Einheitskämpfe in den Zeiten der Makkabäer stets erneuert und befestigt; in den Tagen, da ein paar gedrückte Männer aufstanden und sich vom Joch befreiten und ihr Leben