Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 29/30 (Juni/Juli 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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232 chische Volk seit 1820 genommen hat. Ein Gedanke, den ich seinerzeit als die Säkularisierung des Judentums bezeichnete, als seine Verweltlichung, als eine Entkleidung von jenem geistigen (sei es religiösen, sei es intellektuellen) Mantel, in den es sich zum Schutz gegen den Unbillen der Diaspora seit Jahrhunderten gehüllt hat, als seine Rückführung auf das soziale Niveau aller Völker. In der Tat bin ich heute versucht, zu glauben, daß nur derjenige das Wesen des Herzlichen Zionismus (es ist, glaube ich. der Zionismus von übermorgen) erfassen kann, der eine so fruchtbare Parallele wie sie z. B. die griechische Entwicklung darstellt, so weit als möglich und gründlich verfolgt. Und an der Hand der Biografien und Correspondenzen eines Grafen Capodistria, der als geborener Grieche russischer Staatsmann wurde, um sich dann ganz der griechischen Bewegung hinzugeben und mit der Würde des ersten Präsidenten des neuen Staates Griechenland ihre Führung übernahm, wird man eher einen Maßstab für das Werk Herzls finden. Wenig gibt es in der Weltgeschichte, das dem jüdischen Preiheitskampf so ähnlich wäre als der griechische. Wieviel Dinge sind uns dort so getreu vorgeführt, daß wir versucht sind, sie einfach zu übertragen - hier ist ein Boden, ebenso fruchtbar wie ungepflügt, und es scheint, als ob allein hier unsere FÖhrer von morgen werden ernten können. Nur auf eines sei hier verwiesen, weil es zu dem Thema gehört, von dem diese Programmentwicklung hier ausging: daß nicht die Bauern, an denen Griechenland so arm war, wie wir, sondern daß allein die Kaufleute Griechenlands Wohlstand erwarben. Diese Kauflcute stellten gleich den unseren das eigentliche griechische Volk dar. Sie wohnten gleich den unseren über der ganzen Welt verstreut und bildeten dort die Exponenten, von denen dünne Fäden nach Griechenland gingen, um sich dort, der Wohnstälte der zahlenmäßigen Minorität, der geistig, kulturell und wirtschaftlich tiefstehenden Griechen zu vereinen. Sie waren es. die in London. Moskau, Odessa. Turin. Ancona. München. Leipzig. Paris Gelder ei warben und Gelder nach Griechenland sandten. Schulen gründeten, in denen neben der Pflege des Altgriechischen speziell das Neugriechische sorgsam behütet wurde: sie waren es, die die ersten wirtschaftlichen Beziehungen anknüpften zwischen Europa und dem werdenden Staat, und ihre Söhne waren die ersten, die selbst hinübergingen, um an der Entwicklung teilzuhaben. Von ihren Geldern (wie auch von seinen eigenen) bestritt Capodistria die ersten Ausgaben des Staates, bis die rechtliche