Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 29/30 (Juni/Juli 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2M großen wirtschaftlichen Werten. Fähigkeiten und Möglichkeiten einem Volk in seinem Kampf um seine Existenz manchmal mehr zunutze kommen kann, als vorwiegend konservativ-agrarische Volksbestandteile. Diese letztere Erkenntnis, die noch jüngsten Datums ist. war nur dadurch möglich. daU man weniger als früher sich dagegen sträubte, aus der Geschichte anderer Völker zu lernen. Noch bis in die jetzigen Tage hinein gibt man sich dem Glauben hin. daß die Entwicklung des jüdischen Volkes, die ja bisher kaum ihresgleichen hatte, auch in Zukunft nicht in Hahnen gelenkt werden dürfe, die von anderen Völkern beschritten wurden. Das Dogma von der Auserwähltheit des Volkes hat gefährliche Formen angenommen: es ward zum Dogma der l'nvergleichbarkeit und führte zur blinden Ablehnung aller Dinge, von denen man wußte, daß sie bei anderen Nationen die wesentliche Rolle spielten. Erst Her/T war es. der dieses Dogma brach. Das wahrhaft Geniale, das Einzige auch, wodurch er sich von seinen Vorgängern unterschied, war die gedankliche Conception der Gleichstellung des jüdischen Volkes mit anderen Volkern. Er wollte nur eines: ein politisches Ziel und woll e es nur mit einem, dem politischen Mittel. Er wollte ein Ziel, wie es andere Staatsmänner für ihr Volk wollten: den Staat, und wollte es mit Mitteln, wie sie von allen Völkern verwendet werden: mit dem politischen Kampf um das Selbstbestimtnungsrecht seines Volkes und um das öffentliche Besitzrecht auf das Land dieses Volkes. Der Charter war ihm keine Erleichterung oder Ermöglichung eines Kolonisationszionismus, sondern er schwebte ihm vor als die Grundlage, von welcher aus er die Anerkennung des jüdischen Volkes als eines unabhängigen Volkes gleich anderen Völkern erzwingen konnte, und als die Möglichkeit, von den europäischen Regierungen das Recht auf staatliche Selbstbestimmung zugesprochen zu erhalten Aber Herzls großer Gedanke lief dem traditionellen Dogma der L'nvergleichbarkeit so entgegen, daß er weder von seinen Freunden, noch von seinen Gegnern verstanden ward: Charter und Staat, womöglich gar mit europäisch moderner Regierungsform, waren so „uniüdische" Begriffe, daß man. wie Nordau in Hamburg sagte, sie ins Archiv legte. Erst wir reifenden Geschlechter, deren Erkenntnisse der Krieg bef'ügelte, beginnen wieder den Sinn dieses Gedankens zu ahnen und je mehr wir seiner Spur folgen, um so fruchtbarer erscheint das Feld. Was Herzl vorschwebte, war nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Entwicklung, wie sie beispielsweise das grie-