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Herzl-Bund-Blätter · 1915-04-01 · 27/28 (April/Mai 1915) · p. [Seite]

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Journal
Herzl-Bund-Blätter
Volume
1915
Issue
27/28 (April/Mai 1915)
Date
1915-04-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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216 die galizisch-judischc Geschichte, in der durch die jeizigen, so bedeutungsvollen Ereignisse ein wichtiger Wendepunkt eingetreten ist. Meine Ansichten über das hiesige Judentum machten einer neuen Orientierung Platz. Vor kurzem kam ich auf einer Strohrequiricrutigsfahrt in ein kleines, echt galizisches Dörfchen, das von einer verheißungsvollen Frühlingssonne freundlich bestrahlt wurde. Der Krieg hatte hier dem anmutigen Hilde noch nicht sein Schreckensgepräge aufgedrückt, und nur die auffallend vielen Flüchtlinge der bäuerischen Bevölkerung erinnerten, daß unweit die Kriegsfackel grausam wütete. Ein reger und doch dem (iroßstadt- Icbeii so grundverschiedener Verkehr herrschte auf den ausgefahrenen Wegen und kleinen „Straßen"; hier konnte man im wahrsten Sinuc des Wortes „von geruhigem Leben" sprechen. Und wahrend unser Wagen langsam weiterfuhr, immer der glitzernden Sonne entgegen, so daß ich geblendet die Augen schließen mußte, kamen mir unwillkürlich Zangwills wunderbare Novellen in Erinnerung, fühlte ich mich auf einmal mitten unter die „Kinder des (ihetto" versetzt, glaubte unter den niedrigen Weidenbäumen, die längs der Ufer eines sich durch das Städtchen hinziehenden Flüßchens standen und deren lange schon mit den sa nunc tu eichen Kätzchen geschmückten Zweige in dem laugsam dahinfließenden Wasser spielten, die festlich gekleideten Judenmädchen oder die lebhaft gestikulierenden und debattierenden (iemeindeväter wandeln zu sehen. Leider machte der mit einem jähen Kuck haltende Wagen meinen Träumen ein Ende. Nachdem unsere Arbeit getan, die Strohfuder sämtlich aufgeladen waren, blieb nur noch eine gute Stunde freie Zeit, die ich dazu benutzte, nach Herzenslust herumzuschlendern; unterwegs hatte ich wirklich die Freude, manch schönen Judcntypen zu begegnen; hätte ich eine Camera bei mir gehabt, so würde ich vor allem einen Juden, mit klugem, von einem ehrwürdigen, weißen Bart umrahmten (iesicht, der sich mit einer schweren Last auf dem Kücken abquälen mußte, photographiert haben; ferner ein wunderschönes, voll entwickeltes Judenmädchen, mit herrlich klug blitzenden, großen Augen und einem fast an die biblischen Ueberlieferungen erinnernden (iestalt; sie war die Tochter des Inhabers eines kleinen Kramladens, den ich mehr aus Neugier, als um etwas zu kaufen, betreten hatte, und wo ich nun mit dem klugen, sehr gut deutsch sprechenden Mädchen angeregt plauderte . . . . . . Also mir geht es nach wie vor sehr gut, nur habe ich jetzt mehr zu tun, da ein furchtbarer Sturm ist und viel Drähte reißen. Ich war neulich zwei Tage in Wloclawek zum Theater, Programm und Plakat einliegend; gespielt wurde deutsch, die komischen Rollen im Jargon, es waren ca. 800 Personen da, nur Zionisten und jüdische Sozialdemokraten, Chassidim und

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