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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-09-23 · 17 (23.9.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
17 (23.9.1938)
Date
1938-09-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17/23.9.38 GKMEINDRBLVIT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMKINDE DRESDKN ---*-- Seife 3 AN DIE JUDEN IN DEUTSCHLAND! Zehntausende von Juden verlassen das Land. Viele jüdische Gemeinden in Deutschland sind in der Auflösung. Aher sie sollen nicht vergessen werden. Wir wollen für kommende Geschlechter das Gedächtnis an diese lange und ereignisschwere Epoche jüdischer Entwicklung und auch an die Letzten, die sie abschlössen, bewahren. An der Schwelle eines neuen jüdischen Jahres ruft der Kcren r>ejemeth Lejisrael zu einem schonen und crohen Werk: Die Juden Deutschlands und ihre Gemeinden sollm M.h in em ..BUCH DER ERINNERUNG" - Sefer Sikaron eintragen und (gleichzeitig damit die Mittel für die Erlösung des Bodens schallen, aTil dem eine neue Siedlung von Juden aus Deutschland in Erez Jisrael stehen soll. Sie wird den Namen Tel Sikaron — .SIEDLUNG DES GEDENKENS" tragen. Tel Sikaron — Siedlung des Gedenkens — soll der Ausdruck einer gemeinsamen Kraftanstrengung sein, durch die Vergangenes bewahrt und zugleich ein in die Zukunft weisendes' Werk geschaffen wird. Wir treten diesem Plan, der würdig in seiner Absicht und kraftvoll in seinem Ziel ist. freudig bei und machen uns die Forderung, die der Keren Kejemeth Lejisrael aus diesem Anlab an die Juden Deutschlands richtet, zu eigen. REICHSVERBAND DER JUDEN IN DEUTSCHLAND Dr. Leo Baeck Dr. Otto Hirch VORSTAND DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU DRESDEN ZIONISTISCHE VEREINIGUNG FÜR DEUTSCHLAND Einzeichnungslisten liegen im Gemeindeamt auf. Sie werden nach Abschluß in Reinschrift in d.is ebenfalls dort einzusehende „Sefer Sikaron" der Gemeinde Dresden übertragen. Versöhnung mit der Welt. Eine Jörn Kippur-Betraehtung. Von Dr. Martha Wertheimer. Die Tage der Umkehr zwischen Rosch Haschana und Jörn Hakippurim, diese Tage des Besinnens und inneren Neubegiunens liegen zwischen Schofarrufen. An ihrem Anfang steht das Dröhnen des Aufbruchs, das an den beiden ersten Tagen des neuen jüdischen Jahrs die Rechenschaft für das Vergangene fordert, an ihrem Ende, am Ausgang des Versöhnungstages, schrillt jener letzte Aufschrei des Schofars, der nach einer jüdischen Legende die Deckendes Himmels durchstößt und endlich die Einheit zwischen Gott und seinem Volke erzwingt. Einen Tag lang hat Israel um die Versöhnung mit seinem Vater und König gefleht. Zwischen Gebet und Gebet kehrt wiederholt das Sündenbekenntnis wieder, von dem selbst manche unter uns meinen, sie müßten es ja nicht gerade so und nicht in allen seinen Teilen sprechen, sie könnten sich nicht, ohne zu lügen, selbst Taten vorwerfen, die sie nicht begangen haben. Aber gerade hier entfernen sich solche Menschen vom eigentlichen Wesen jüdischer Haltung. Der Jude, der am Versöhnungstag ein Schuldbekenntnis wiederholt, von dessen Einzelheiten er sich da und dort frei fühlen dürfte« nimmt bewußt die Schuld anderer auf sich, nicht weil er sie getan hat,.sondern weil er sie nicht verhindern konnte. Es wäre eine furchtbare Last, die. wir, mit solcher Lebensauffassung und Gesinnung, zu schleppen hatten, eine Last, die uns zu Trübsinnigen und völlig Verzweifelten machen müßte, wenn uns zum Adel eines solchen hochgespannten Verantwortungsbewußtseins nicht auch die Kraft zum Sich- Versöhnen gegeben worden wäre, die (inade eines solchen Tags der Versöhnung. Man darf den Unterschied nicht verkennen :es geht nicht um Sühne, es geht um Versöhnung. Sühnen heißt nur, für eine Tat so bezahlen, daß sie abgegolten ist. Versöhnung'aber ist mehr als ein äußeres Wiedergutmachen. Versöhnung ist nicht mit einer Handlung allein zu erreichen. Versöhnung verlangt eine Umformung der Gesitrhung und der persönlichen Haltung. Darum ist der Jörn Hakkipurim vor allem ein Tag des Friedenmachens, vor allem des Friedenmachens mit uns selbst. Das ist eine Aufgabe, die für den jüdischen Menschen immer wieder ausgesprochen werden muß, t'ur diesen Menschen, der unter dem Druck von Heimatlosigkeit und immer neuen Aufbruch überall da zu einem Unsichere!) geworden ist. WO ihn die Lehre und die Geschichte der Väter nicht standlest w enigstens im Irrealen gemacht haben, für diesen jüdischen Menschen, der sich erst in unseren Tagen wieder, mit aller Härte des Wegs und allem Glanz der neuen Aufgabe, die Realität eines neuen Volks- und Staatslebens zurückzuerobern w ünscht. Jeder Jude in unserer engeren Lebensgemeinschaft in Deutschland hat es in den letzten Jahren beweisen müssen und muß es täglich neu beweisen, daß er die Kraft zu diesem Frieden mit sich selbst in sich trägt. W er sie nicht hat. verfällt in das geduckte, unwürdige, feige Ausweichen \or sich seihst, in eine Sucht nach billiger Verbrämung seines Lehens mit den Werten anderer, weil er sich der eigenen unveräußerlichen Werte des Judentums nicht mehr bewußt zu werden vermag. Der Versöhnungstag, der die Erinnerung an alle Not Israels in seinen Gebeteil und Liedern heraufbringt, fordert angesichts des heldenhaften Bewahrens jüdischer Werte und jüdischer Gesinnung, w ie sie viele Generationen vor uns vermochten, den eigenen Einsatz, aber nicht als Notbehelf, sondern im Frieden mit sich selbst, im lebenbejahenden Glauben an sich selbst, im Entschluß, Jude zu sein, nicht als ein Trotzdem, sondern als eine blühende, kraftvollgegenwärtige Wirklichkeit. Wir wollen los von dem Typ des Zerrissenen und Gebrochenen unter uns. mit dem unsere Künstler noch zu oft kokettieren, los von der weinerlichen Beschönigung von Tatsachen, los von dem platten Mitleid mit uns seihst. Wir wollen Frieden machen, soweit es noch nicht geschehen ist. in uns selbst, mit uns selbst. Das heißt aber auch: Versöhnung mit der Welt Sie ist nicht nur ein Hinnehmen der gegebenen Tatsachen, nicht nur ein tüchtiges ..Maeh das Heste daraus". Sie ist auch die Bejahung der Werte überall wo wir sie sehen und finden. Man wächst nicht davon, daß ein anderer unter uns klein bleibt. Tausende von uns haben die Grenzen Deutschlands hinter sich gelassen und müssen zusehen, daß .sie in ihren neuen Wohnländern ihren rechten Frieden mit Brauen und Landessitte machen. Tausende leben noch neben uns im scheinbar gewohnten Leben oder seinen unbequemeren Abwandlungen und sollten zusehen,

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