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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-07-23 · 14 (23.7.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
14 (23.7.1938)
Date
1938-07-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 ORMEINDEBLATT DKR ISRAFIJTISC FFN RF1 (GIONSGEMEINDE DRESDEN \r n , 23 7, eine Stockung in der eingetreten, die einige Organe, insbesondere ijlerz und Lunge, so daß für die Auswanderung nach Bolivien nur junge und kriiitige Menschen Iii Frage kommen. Gewisse Tcjlc Boliviens liegen allerdings erheblich niedriger, doch ist noch nicht zu ersehen, wie weit diese praktisch für die Kolonisation in Krage kommen Die wirtschaftliche Lage Boliviens ist z. '/.{. nicht ungünstig. Auswanderiingswillige' werden in ihrem eigenen Interesse dringend ersucht, sich z u - nächst heim Mi Iis verein beraten zu lassen, woraut auch auf Seiten der bolivianischen Konsulate Wert gelegt wird. Die Erteilung des hohvfauischen Visums dauert mehrere Monate. Der „Hills verein der Juden in Deutschland" teilt folgendes mit: Im Bereich des amerikanischen Generalkonsulats Berlin ist Annahme neuer Finwanderungsanträge TjfAX andauern dürfte. Dagegen nehmen die übrigen Generalkonsulate im Rahmen ihrer; Zuständigkeit weiter Affidavits entgegen. Das Unverlierbare. Die Auflösung dessen, was einmal jüdisches Gemeindeleben; . jüdisches Kulturschaffen in Deutschland geheißen hat. geht mit jedem Tag weiter, und: nach dem Gesetz vom Fäll umso schneller, je tiefer der Fall ist. Fs gibt heute keinen Juden mehr unter uns. der, wie es noch vor ein panr Monaten möglich schien, wenigstens noch t'ür seinen eigenen Lebensumkreis, für sich selbst und seine engste Familie, für sein Geschäft und seine Tätigkeiten eine Art Privatinsel geschaffen hatte, auf die er sich vor dem Zeitgeschehen und .seineu ■Konzequenzcn zurückzog, sich dorthin zurückziehen zu können glaubte oder doch vorgab, es zu können. Gerade diese Art Menschen ist es aber, die heute unter dieser Auflösung ein Chaos verstehen: sie tun alles, was ihre Familie! und sie selbst in einem anderen Lande in solche Lebensumstände bringen soll, die sie allein für wünschenswert halten, alter sie vergessen über dieser Sorge um sich seihst und die (Ihren sehr oit völlig, daß das jüdische Schicksal kein., Finzejlschicksal. sondern das 'einer Gemeinschaft ist. Von dieser Gemeinschaft her gesehen, gibt es in der Liiiuidation des Judentums in Deutschland sehr vieles, was sich unter die Begriffe Auflösung und Liquidation nicht einordnen läßt. Man kann einen Haushalt auflösen, ein Geschäft verkaufen, ein Büro schließen, man kann von der Berufstätigkeit' zu einer Art Rentnertum kommen, wenn das gesparte, erworbene oder ererbte Vermögen odjer die in langen Arbeitsiahren verdiente Pension, dazu ausreicht. Jüdische Gemeinden können ihre Gebäude und Grundstücke verkaufen. Synagogen zumachen und die Torarollen einer anderen jüdischen Gemeinde schenken. Schulen. Versorgungshäuser schließen oder zusammenlegen. Das , alles ist Liquidation. Das ist die anständige Lösung und : Abgeltung von Verbindlichkeiten, bei denen kein Gläubiger auch nur einen roten Heller einbüßt. Aber darüber hinaus gibt es Werte im jüdischen Gerpeinschatlsleben, die wir nicht liquidleren können, weil sie nicht abzuschätzen, nicht einzutauschen, nicht zii ändern und darum auch nicht zu verlieren sind. Schon die Erinnerung an die Tatsache, daß die zusammengeschmolzenen jüdischen Gemeinden bei ihrer Auflösung ihre Torarollcn einer Schiestergemeinde schenken, ist ein Gleichnis für dies Unverlierbare. Menschen können sterben, wegziehen, auswandern, der Name einer alten jüdischen Gemeinde kann erlöschen, aber ^hre Torarollen leben iti der Hut anderer Juden weiter, ein Sinnbild der Gesetzestreue und mit ihr aller jüdischen Lebenswerte. Wir. die den Gottesnamen nicht'aussprechen dürfen und selbst die erlaubten Bezeichnungen noch umschreiben, wir. in denen tief die Scheu davor wurzelt, uns für Geistiges ein körperliches Bild zu machen, w ir haben, un- ' sere Vorstellungen von den Werten des Menschlichen im all- | gemeinen und des Judentums innerhalb dieser Werte zu der gesteigert, die w ir uns erlauben, die wir zur Tat. \\ ir Heimatlosen mitten zw ischen den Völkern, die Heilnat. Staat und Reich haben, wir haben uns den unerschütterlichen Halt geschaffen, an den uns die Torarollen erinnern, den sienicht etwa verkörpern: II eili g tu nl. Zum Todestag Theodor Herzls. , Wir halben in diesem Jahre einen doppelten Anlaß, unsljier großen Gestalt von Theodor llerzl zu erinnern; Wir erwarten iur die Zukunft Palästinas eine Entscheidung von geschHhtsbesrimiiiendem Ausmaß. Wir erwarten sie in. derselben Epoche, hl der die Existenzfrage des gesamten mitteleuropäischen Judentums aufgerollt ist. / $1 Die Reicltsvertrciung erwartet daher von den luden Heutsehlands und ihren Gemeinden, daß sie in einer würdigen-Kundgebung des am 2fK laimnus (,19. Juli) Miederkehrenden Todestages von Theodor llefzl gedenken, des Mannes, der mit solcher Krait des - Voraussehen* und mit solcher Liebe zu seinem Volk den VAc. zu unterer Wiederanfrichtung gewiesen hat., Ueiehsverlretung der Juden in Deutschland, (gezl) L e o B a e ck. IRinWR^^ llll!lllllllll"!i!'|||t|IU!ll!|||||i||||| einzigen Sinnfälligkeit von einander fordern GEMEINDEABEND aus Anlah des Todestages Theodor Her/ls Theodor - Herzl - Gedenkfeier Dienstag, den 36. Juli, 20». Uhr im Henrlette-Schie-Saal. Redner: Rabbiner Dr. Jospe. Berlin El mole rachamim: Kantor Haimos Israelitische Religloneftcmcinde Dresden Zionistischer Ortsverband Dresden Aul ihn weist alles, was w ir in der Totti von Israel und seiner Berufung lesen. Auf ihn weist aber auch der uralte Gruß ..Schalom". der viel mehr wünscht als nur den Friedeii. der in sich die Forderung enthält, selbst wahrhaft ..im Bilde Gottes" zu leben und die Einheit des eigenen Daseins mit dem Schöpfer ulid seiner geschaffenen Welt durch unser sittliches Verhalten zu erreichen, zum mindesten und zunächst einmal für uns selbst und unser Judentum, für das 'wir verantwortlich'sind. Die Gegensätze in jedem Einzelnen, der Sjreit zwischen dem Jezer hätow und dem Jezer hara. dem ■guten und dem bösen T rieb, vollzieh! sich an jedem Tag neu in uns. Der Egoismus möchte uns dahin bringen, daß wir. wie die bekannten kleinen chinesischen Plastiken von den drei Affen. Augen. Ohren und Mund zuhalten, nicht weil wir ..nichts Böses sehen, nichts Böses hören und nicht Böses reden", möchten, sondern weil wir uns überhaupt vor allem zu verschließen .trachten, was uber unser persönliches Geschick und seine Lösung, hinaus Kräfte von uns verlangt, zu'geben und zu leisten. , Fs ist ein schlimmes Zeugnis für das sinkende Verantwortungsgefühl unserer/Menschen mag man auch noch so viel gute Lntschuldigungen dafür anfuhren . wenn man Leute -mit' befriedigter Miene feststellen sieht, daß sie ihr Affidavit, ihr Zertifikat. i!lr Permit m der Tasche haben: sie schlagen sichtbar \or unser aller -Vogen die Türe hinter sich zu. und die Judenfiage existiert nicht mehr für sie. Dabei sind gerade sie es, an denen sich die unverlierbaren Werte' des indischen Weltbilds erprobt haben, gerade sie erfahren. Sjfft die Baude der Familie noch weit entfernte Verwandte zusammenhalten und hilfsbereit machen., wie der Segen dafür, daß wir Juden die Familie immer als solch ein Unverlierbares .heilig gehalten haben, sich nun au ihnen neu auswirkt. Und die nicht mit Hilfe von" Verwandten über See gehen, die nach Ena Jisrael kommen, wird sich denen nicht bei ieder wohlgebauten Straße, bei jedem'tragenden Feld und Garten der'Beweisaufdrängen, daß hier ("haw eriit. das jüdische Gemeinschaftsgefühl der jüdische Wille zur \ erantwortung das jet'zt Besuchende geleistet haben, daß fortwährend der Jischuw, um seiner Verantwortung gegenüber der Not unseres .Volkes willen, die Türe für andere, die noch kommen sollen, offen hält? Was können wir also tun. damit unser Verhalten während der Liquidation nicht in Gegensatz et) der großartigen Haltung der anderen gerät, die für uns leisten und uns heben?

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