Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 12 (15.6.1938)
- Date
- 1938-06-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIÜIONSGEMEINDE DRESDEN Nr 12 / 15 6 38 Gnade, ist mit Jenen, die vor dir wandeln. So hofft denn auf dich, o Herr! unsere Seele: wir bettinnen ein Werk, das ein Grundstein in der Frömmigkeit und der Bruderliebe sein soll, du wirst uns beistehen: du unser Wächter schlummerst nicht, du bist mit. uns des Taues und des Nachts, du wirst den Bau überwachen und mit den Bauenden sein: du wirst, uns Kraft Kehen. das Werk zu befördern, zu vollenden das fromme Unternehmen. Aus gering Begonnenem wird Großes hervorgehen: wir legen hier einen Stein, der ein Grundstein der Frömmigkeit und der Bruderliebe weiden soll: diese werden hier einst wohnen, dieses der Schmuck des Hauses sein, das w ir in deinem Namen erbauen werden. Amen. " Diese schönen Gehetsworte hat vor HM) Jahren Rabbiner Dr. Zacharias Frankel bei der Grundsteinlegung unseres Tempels gesprochen, und die Rede, die er gleich nach vollendeter Zeremonie der Grundsteinlegung «ehalten hat. wirkt heute nach UM) Jahren, wenn mau sie aus vergilbter Urkunde liest, begeisternd und doch zur gleichen Zeit in Anbetracht der Entwicklung der letzten Jahre .tief erschütternd. Hundert Jahre ziehen an unseren Augen vorbei. Hundert Jahre, das ist ein langer Zeitabschnitt, und doch ist es nur ein kleines Kapitel in der Geschichte unseres Volkes, das uns. von Dresden aus gesehen, auch ein Bild der Geschichte unserer Gemeinschaft in Deutschland vor Augen führt. 9~ ■» ' " * » Knapp ein Jahr vor der Grundsteinlegung dieses leihpcls wurde den Juden Sachsens das Recht erteilt, öffentliche Gottesdiensie abzuhalten. Welche Begeisterung muH diese öffentliche Anerkennung unseres Glaubens unter der kleinen Schar unserer damaligen Glaiihcnshruder hervorgerufen haben! Etwas über ■DOSeelen stark war die damaligeDresdnerGemeinde. Tatsachen sprechen die beste Sprache. Diese kleine Gruppe von Menschen bezahlte 5009 Thaler ihr einen grollen, w ürdigen Bauplatz. Sie gaben dem berühmtesten Architekten und Baumeister ihrer Zeit. Semper, den'Auftrag zur \jUsarbeituhx der Baupläne, und innerhalb zweier Jahre baute sie den Tempel, der das Vielfache des Preises des Bauplatzes, gekostet haben http.' Das waren vor ■0 Jahren ganz ungeheure Beträge. Mit welcher Begeisterung muß damals jedes Mitglied der Gemeinde an das Werk dieses Tempelbaucs herangetreten sein! Ich kann sie sehen, die Menschen, die bis vor kurzer Zeit noch unter beschrankenden Gesetzen gelebt und gelitten hatten' wie sie aufjauchzten in Freude und w ie sie bereit waren, jedes materielle Opfer zu bringen, um das Wahrzeichen ihrer Freiheit und Gleichberechtigung würdig zu bauen. Nun sind KM) Jahre dahingegangen, und jetzt drängt sich die Frage auf. die der Mensch so oft und immer stellt: Woher unj Wohin? Bis zu fast 6tMM) Seelen war die Zahl der Geiueiiidemitglieder gestiegen, und jetzt stellt sie in einer grollen, schnellen Abwärtsbewegung. Dunkel war die Zeit vor der Grundsteinlegung, und dunkel sieht die Zukunit dieser Gemeinde aus. Ul>er die Entwicklung dieser UM) Jahre kann man hundert verschiedene Meinungen hören, und es wäre falsch, über die Verfehlungen dieser Zeit des Aufschwunges den Stab zu brechen, so sehr man auch vieles heute — rückblickend - verurteilen möchte. Wenn man die Worjc des Rabbiners Frankel liest, die er bei der Grundsteinlegung sprach, dann weiß man, daß damals ein grobes Gottvertrauen in unserer Gemeinde bestand und daß eine große Liebe und Begeisterung für unsere Religion und für unser Volk — die damals unzertrennbar waren - in den Seelen jener Menschen herrschte, obgleich sie und ihre Väter und Vorväter w egen dieser Religion allerlei Beschränkungen und Verfolgungen ausgesetzt waren, die sie gar oft bis zum Rande der absoluten Vernichtung gebracht hatte. Wir wissen aus eigener Erfahrung, daß diese 100 Jahre des materiellen Aufschwunges und des Wohlergehens keine seelische Bereicherung im Gottvertrauen und keine große Liebe ihr Religion und Volk brachten, SQItdern daß das Gegenteil der Fall war. Ja. es wird vielfach vielleicht mit. vielleicht ohne Recht behauptet, daß ohne Zuzug von außerhalb nicht viel vom jüdischen Leben hier übrig geblieben wäre. Das i\l aber eine Erscheinung, die mau in einzelnen Menschen in Familien, in Völkern überall seit- Bestehen der Welt beobachten kann. Im Winter, in dunkler, kalter Erde, sammelt der Same Kraft und streckt die Wurzeln aus. und im hellen Sonnenschein und in warmer weicher Luft wächst alles schnell empor," Muht kurze Zeit, trägt mehr oder weniger Frucht und verwelkt. Ewiger Winter erstarr! alles Leben wie an den Brdpolen. Ew iger Sonneiiscljein schafft Wüsten. Iis ist ein ewiges Naturgesetz Gottes, dal! Leben nur gedeihen kann, wo Tag Nacht folgt. Regen Sonnenschein, wo Freud' und Leid gemischt sind und WO Tod und Leben einander abwechseln. Viel kann der menschliche Geist dazu beitragen. Leben und Freude und Glück zu fördern.-aber die ewigen Naturgesetze gehen ihren Gang.' weil sie zum ewigen Leben notwendig sind. Geplant von ' .Ott. dessen wundervolle Wege/Wir nur tastend fühlen und ahnen können. Deshalb wollen wir nicht allzuseharf zu Gericht gehen mit der Entwicklung der glücklichen Sommermonate unseres Lebens während der letzten hundert Jahre. Deshalb wollen wir nicht versagen Iii den dunklen lagen, in denen wir jetzt leben.' Deshalb wollen w ir zu Gott mit vollstem Vertrauen aufblicken, denn er hat unser Volk viele tausend Jahre geführt und erhalten. Deshalb wollen wir in dieser Wiuterzeit unseres Lebens neue Kräfte Sammeln und neue Wurzeln schlagen. Wir tun es schon heute bewußt oder unbewußt. Unsere Volkskrait ist heute sehr bedeutend erstarkt, und wir Führen die Bande unserer Zusammengehörigkeit mit allen Teilen unseres Volkes ganz anders wie in den Sommertagen unseres Lel>ens. Und unsere Kinder, die wieder in Bedrängnis durch Ausnahmegesetze leben müssen, lichten sich empor, und sie wurden vielleicht schon wieder dieselbe Begeisterung für einen neuen Tempelbau aufbringen können, der vor hundert Jahren hier möglich war. Aufgabe unserer Gemeinschaft ist es. diese neue Begeisterung der Jugend zu stärken und In, richtige Wege zu leiten, so daß sie überall in der Welt, wo sie auch hinkommen, neue Tempel aufbauen mögen. Plätze, von denen aus wieder ein irisches, lebendiges.jüdisches Leben ausstrahlen mag in viele neue Länder und in unser altes Heimatland Frcz Israel. - Aufgabe iedes Geuiemdenütglicdes ist es. treu und fest zusammenzuhalten und heute mehr denn je bereit zu sein, die Mittel zur Aufrechterhaltung der vielen notigen neuen Hinrichtungen der Gemeinde zu geben. Diese Gemeindeaufgaben haben sich vervielfältigt und werden immer dringender. Iis wird immer nötiger, daß jeder an seiner Stelle seine Pflicht ganz erfüllt. Nur so werden wir unserer Vorväter würdig sein, die bereit waren, nicht mir Hab und Gut. sondern, wenn nötig, auch ihr Leben für ihre Religion und für ihr Volk herzugeben. Wir leben in einer schweren Zeitwende, aber es kann und wird wohl auch der gottgewollte Weg sein, uns die Kraft zu geben, zurückzufinden zu unserem Volk und zur heiligen Religion unserer Vorvijter. Unsere Gemeinde, heult Dr. jur. Manfred Saalheimer. Wenn beim Synagogen-Jubiläum die Gedanken um 100 Jahre rückwärts schweifen, dann sucht man sich Rechenschaft zu geben über das. was in der Geipeinde im Laufe dieser 100 Jahre geleistet worden und was davon auf uns überkommen ist. Man Es ist doch so, daß wir uns daran gewöhnt haben, mit der für hier gemeinten Arbeit nicht mehr in längeren Zeitspannen zu denken. Deshalb könnte man nur zu leicht versucht sein, mit einem bitteren Scherz resignierend festzustellen, daß aus der will sich aber vor allem darüber klar werden, was uns die Ge- ..Religionsgemeinde-- eine „Liuuidationsgemeinde" geworden ist. meinde heute bedeutet und was von ihr in die Zukunft weist. Dies wäre aber gewill die falsche Einstellung. 'Wenn wir auch