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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-06-15 · 12 (15.6.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
12 (15.6.1938)
Date
1938-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12/15 6 3S GENEINDF.BLATT DER ISRAELITISCHEN Rhl.I()IONS( iEMEINDE DRESDEN Seite Die Synagoge selbst hat in dieser Zeit eine bedeutende Eri zogen. Immer isl das Opier der Ausdruck und der Bewi Weiterung und Veränderung erfahren. Der Umschwung der Verhältnisse hat es mit sielt gebracht, daß die Synagoge nicht mehr nur das Bethaus der Gemeinde ist. Sie ist wieder zu dem geworden, was einstmals in alter Zeit die Synagoge bedeutete: Vcrsanunlungsstätte der Gemeinde. Um diese innere Umwandlung auch äußerlich zu ermöglichen, war es notwendig, das Haus baulich zu erweitern. Der Zweck wurde eriüllt durch den Anbau' des Henriette-Schie-Saales. der mit der Sj hagoge verbunden ist. durch Einiiigung einer Wand aber auch als selbständiger Raum Verwendung finden kann. Mit dem Hau des Henriette-Schie-Saales ist nicht allein den Erfordernissen unserer Zeit Rechnung getragen worden; es hat damit auch ein altes Vermächtnis seine Erfüllung gefunden. Die Gemeinde hatte sich seit dem Bau der Synagoge weiter entwickelt. Schon nach wenigen Jahrzehnten genügte die Zahl der vorhandenen Plätze nicht mehr, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Hoffnung und der Wunsch wurden Immer stärker, ein größeres Gotteshaus an die Stelle des alten zu setzen. So entstanden Stiftungen, die den Zweck hatten, einen Fonds zu schaffen für die Errichtung eines neuen Hauses. Die bedeutsamste Stiftung war die der hochherzigen Frau Henriette 'Schie. Ihre Stiftung wie auch die anderen Fonds wurden allerdings durch die Inflation zu einem großen Teil entwertet, immerhin blieb ein Betrag übrig, der so groß war, daß aüs ihm die! Kosten für den Bau des ..Henriette-Schie-Saales" bestritten werden konnten. Durch , die Benennung des Saales mit diesem Namen ist auch eine Dankesschuld abgetragen au die Familie Schie, die mit der Geschichte unserer Synagoge und unserer Gemeinde eng verbunden ist. Bis zur Gründung des neuen Gotteshauses war die alte Schie-Synagoge die wichtigste Bet- ' Stätte innerhalb des Dresdner Judentums gewesen. Der Thoraschrank, der einst in. jener alten Synagoge gewesen w ar, hatte im Wochentagsbetrauni der Synagoge seinen Platz gefunden, j Jetzt dient er, in seinen alten Farben neu hergerichtet, als Thoraschrein im Hinriette-Schie-Saal. wenn dieser zu gottes-1 dienstlichen Zwecken Verwendung findet. So ist die älteste _ L , i Zeit der Gemeinde mit der*neuesten Zeit eng verbunden. Schon beim Bau unserer Synagoge hatte die Familie Schiel namhafte Spenden aufgebracht, um das Werk zu ermöglichen., Ihr Beispiel war für viele andere vorbildlich und bestimmend. | so daß es gelang, die notwendigen Summen aufzubringen. Auch j das Heiiriettenstift. das sich gerade in unserer Zeit als biesonders segensreich erweist, da viele alle Menschen dort eine ' Heimstätte iinden. ist ein Beweis des großen Edelmutes und Opfersinnes, der in dieser Familie lebendig war. Überhaupt dürfte es als ein Ruhmesblatt unserer Gemeinde angesehen werden, daß in ihr zu allen Zeiten Opfersiim und Edelmut vorhanden waren. Es war ja schon kein leichtes Unterfangen iur eine kleine und. wie es den Anschein hat. sehr arme Gemeinde, eine Synagoge zu errichten. Die die Herzen aufrüttelnden Worte Zacharias Frankels und die' emsige Tätigkeit der, damaligen Vorsteher haben es fettig gebracht, daß die Spenden reichlich flössen, daß auch die Ärmsten nicht zurückstehen' wollten'und auch ihrerseits ihre Gaben brachten. Wenn man die Kultgegenstände in unserem Gotteshaus«, von der einfachen Wimpel bis zum reichen Thorase'hinuCk. betrachtet, dann findet mau oft Namen verzeichnet, die den Ruhm der einstigen Träger des Namens noch heute künden. Die Zahl der Stiftungen unserer Gemeinde ist bedeutender, als es die Größe der Gemeinde eigentlich erwarten läßt. Wenn auch die Erträgnisse aus diesen Stiftungen durch die verschiedenen wertevernichtenden Ereignisse klein geworden, ia. manche Stiftungen überhaupt kapitalmäliig verschw unden und nur noch dem Namen nach erhalten sind. SO sind doch noch Beträge vorhanden, die es ermöglichen, in dieser Zeit manche Not zu lindern. Man dar! sagen: Durch den Opiersinn der Gemeinde wurde ein Gotteshaus gebaut. Dieses Gotteshaus hat durch das Wort, das in Ihm verkündet wurde, durch den Geist, der in ihm lebendig erhalten wurde, die Seelen aufgebaut uud sie zu Opferbereitschaft erechten religiösen Sinnes. Vielleicht hat nie eine Zeit in der Geschichte unserer Gemeinde so viel Opfer gefordert wie die um i ige. Wir handeln ganz im Sinne der Menschen, die unsere Synagoge auigebaut und unsere Gemeinde erhalten ilnd gefördert haben, wenn wir Heutigen die Opfer biriigen. die unsere Not erforderlich macht. * , Meie Namen, die von Stiftungen getragen werden oder die. wir auf Gegenständen, die dem Gotteshaus gespendet sind.'lesen, wirren aus dem Bewußtsein unserer Gemeinde verschwunden, wenn nicht ihr Opfer oder ihre Tat die Namen' lebendig erhalten hätte. Mit einer gewissen Wehmut denkt mau daran, daß sich nur wenige Familien aus der Zeit der Gründung unserer Gemeinde bis auf unseren Tag in unserer Gemeinde erhalten haben. Aber echte Geschichte ist dort, wo das Leben einer Gemeinschaft weitergeht, auch wenn der Tanzeine verschwindet. Es ist der eine Geist, der sich in einem lebendigen Gemeinwesen kundtut. Dieser Geist wurde im Gotteshans' wachgehalten-' durch die Männer, die in ihm wirkten, die berufen waren, diese geistige Geschichte der Gemeinde fortzupflanzen. Ms Zacharias Frankel nach seinem verdienstvollen Aufbauwerk In Dresden Juim Leiter des JttdiSCh-TheOlogischen Seminars . nach Breslau berufen wurde, folgte ihm im Amte Dr. Wolf Landau, nach dessen Tode Professor I »r. Winter zum Rabbiner der Gemeinde gew ählt wurde. Gleichzeitig mit diesem wirkte Dr. Leopold Stein, und nach dessen frühem Tode während des Kriegsjahres 11>W> wurde die zweite Rabbiuerstelle dem Unterzeichneten im Jahre 1'>3i übertragen, der. seitdem Professor Dr. Winter im Ruhestand ist. das Amt des Rabbiners innehat. Wenn auch jeder einzelne Rabbiher aus seiner eigenen Persönlichkeit und dem besonderen Charakter seiner Religiosität heraus sein Amt führte, so war doch jede Amtsführung bestimmt durch den geschichtlichen Geist der Gemeinde, der mit dir Gründung, der Synagoge gegeben war. der sich : entfaltet und entwickelt hat. aber doch ein einheitlicher gehlieben ist. Nur dort, wo ein Gotteshaus die Menschen einer Gemeinde umfaßt, ist die Gemeinde selbst ein einheitliches Gebilde. Neben der geistigen Pültruug bedarf eine Gemeinde immer der Männer, die. beseelt \(>in Willen zum Judentum uud erfüllt von seinen Idealen, darauf bedacht sind, das Wohl der'Gemeinde ZU förderte Wenn man deioSiizitugssaal der Gemeinde betritt, . sieht man die Bilder der Persönlichkeiten, die für die Gemeinde tätig waren und ihr Wohl gefordert haben. Da sieht man das durchgeistigte Gesicht Di. Bernhard Beer's. den mau den Vater unserer Synagoge nennen*dürfte. Da sieht .man die Bilder von Männern wie Jonas Bondi. Josef Meyer, die stolze Gestalt Emil Lehmanns, dessen Vorfahr einst der Gründer de> jüdischen Getueindewesens in Dresden war. Man sieht in das edle' Auge Wilhelm Siebte's, und mau sieht die Männer, die einem noch persönlich bekannt uuil vertraut, die in den letzten Jahrzehnten mit dem Schicksal der Gemeinde verbanden waren. Es sind unendlich schwere, fast unlösbare' Aufgaben, vor die die iührenden Männer unserer Gemeinde sich irr dieser Zeit gestellt sehen. Es ist in aller Not der, Zeit ein Trost, dal! die Menschen durch die Aufgabe, die ihnen gegeben ist. an Fähigkeiten und seelischer Größe emporw achsen. Der Geist unserer S\ nagoge ist lebendig auch in unseren 'Tagen und offenbart sich in der hingebenden \rbeit. die diese Männer leisten, und dem beglückenden Gefühl, das bei uliein Schmerz aber die Not die Arbeit für die Gemeinschaft bereitet. Uns ist in diesen Tagen fast nichts geblieben als unsere Synagoge. Sie ist uns unsere seelische Heimat geworden und der Ort., an dem sich unser ganzes geistiges und kulturelles Leben abspielt. Im Hole der Synagoge tummelt sich in den* Pausen die lugend Unserer jüdischen Schule, die in dem Hause der Gemeinde, das sich neben der Synagoge befindet .untergebracht ist.

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