Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 7 (1.4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7/1.4.3«. GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Seite 3 •PP'SCM« WfMrtPHILff Um ihren eigenen Verpflichtungen nachkommen zu können, bittet die Jüdische Winterhilfe herzlich und dringend, die noch ausstehenden Beträge in den allernächsten Tagen zu überweisen auf das Postscheckkonto Dresden Nr. 10288 Israel. Religionsgemeinde Abt. Winterhilfe. Die Betreuung von mehr als 800 Hilfsbedürftigen erfordert grobe Mittel. ist es Ghettogeist, wenn wir Juden in Deutschland aus Entschluß und Erkenntnis jüdische Dinge pflegen, jüdische Themen beschreihen, jüdische Probleme behandeln, jüdische Menschen jüdisch erziehen wollen? Ist es die Enge hinter Mauern, oder ist es. nicht vielmehr ein. zwar schmaler Weg, von dem wir aber wissen, daß er in eine breite Heerstraße mündet: sie führt einem durchaus wirklichen und keineswegs erträumten Ziel entgegen — einem jüdischen Volk, das bewußt sich Reibst lebt, einem Volk mit seinen Schwächen und Fehlern, wie jedes Volk sie hat, mit seiner Not und Beiner Freude, mit seiner Kraft und seiner Arbeit. Wir wollen wieder „zu uaS selbst kommen". Sich vergleichen ist gut — es weist die eigenen Grenzen aus. Lernen ist gut — es'erweitert diese (irenzen. ohne sie zu verwischen. Aber sich selber totschweigen, weil einem ein anderer besser gefällt? Wef das tut, hat keine Lebenskraft mehr in sich. Wir aber spüren diese Kraft, wir glauben an sie, wir glauben an die jüdische Gegenwart und an unser langes Leben. Alles Lebendige ist lebensoffeil. Es hat Forin. Aber es i^t nicht eng. M. W. Die Gedichte von Anna Joachimsthal-Schwabe. (Philo-Vcrlag, Berlin-Amsterdam 10.17- Nr. 7/8. RM 1.60.) Ein Jahr ist vergangen, seit die frühvollendetc Dichterfn der vorliegenden Gedichtsammlung — erst 44jährig — aus unserer Mitte in Dresden geschieden ist. Zwar wußte schon bei ihren Lebzeiten ein Kreis von gleichgestimmten Freunden von ihrer besonderen Bedeutung als Lyrikerin: es kursierten sehr viele ' ihrer Gedichte in Abschriften, und andere waren in Zeitschriften und Tageszeitungen im Druck erschienen. Aber obwohl sie häufig um eime Sammelherausgabe gebeten wurde, schob die Verfasserin — wohl aus Mangel an Geltungsbedürfnis und irj(ihrer großen Demut — das immer hinaus; stattdessen wid-' mete sie sich intensiv der Förderung noch unbekannter anderer Talente: bekanntlich sind hochangesehene Namen unter jenen, denen sie eine starke Stütze war. Sowohl in ihren 'eigenen öffentlichen Rezitations-Abenden wie in den zahlreichen Kunstabenden im eigenen Hause stellte Anna Joachimsthal-Schwabe ihre eigenen Dichtungen nie in den Vordergrund, obwohl sie stets starken Widerhall fanden. Nun liegen sie gedruckt vor uns, — und es mag eine letzte irdische Freude der Verklärten in ihrem langen schweren Leiden gewesen sein, von der Herausgabe dieser Sammlung zu wissen, deren Auswahl in großen Linien auf sie selbst zurückgeht, und die uns deshalb wie eine ganz persönliche Gabe anmutet. In drei Teilen spricht dieses Vermächtnis zu uns: „Kwiger Wandel" „Begegnungen" — „Gott". Welch eine Welt wird in diesen 05 Ce.lichtenT durchfühlt, durchlebt! Vor dem tiei religiösen Hintergrund, der „Stille und Licht" ist, hebt sich die schöne und schmerzensreiche Welt mit jhrer Sehnsucht. Einsamkeit, der Liebe und dem Tode ab, und für alle diese ewigen Verwandlungen und. Zustände findet die Dichterin tröstende, den tiefsten Sinn und Zusammenhang erfassende Worte. In ihrer Sprache ist ein seltsamer Klang von eigener Sicherheit, die zugleich etwas „Flehendes", hat: von den anderen verstanden werden zu wollen. Diese starke, manchmal verfließende Bewegtheit unterscheidet ihre Lyrik von der ihr verwandten, aber fester geformten von Kainer Maria Rilke, dem in dem Band eine herrliche Trauer-Elegie gewidmet'ist: diese steht gleich hinter dem ergreifenden Gedicht „Kriegstod" (— ihrem gefallenen Bruder). ' ' „Ein Feld — —. ein fremdes Land, und Nacht — — und du allein, und Blut." In diesem zweiten Teil des Buchen „Begegnungen" erschauen wir wunderbare GestaltenVso den Arzt, den Dichter, die Tänzerin, ihre Töchter, Freunde, Arme und Reiche, Irrende und Fremde, — und alles liebt diese erfüllte Frau mit einer souveränen tiefblickenden Menschenliebe, \Vir Lesende fühlen 1111^ reicher werden, wenn wir, von ihr - geführt. Menschen und Dinge mit ihrem Auge apblicken. „Du bist — wie Blume. Stern und Licht — mir nah und gut." An die Juden Dresdens. Der Auflösungsprozeß der Judenheil in Deutschland si tj! sich fort. Etica ein Drittel des früheren Bestandes der jüdischen Bevölkerung hat Deutschland bereits verla/sen. Viele stehen vor ihrer Aiisnanderung, viele weitere müssen folgen. Die Notwendigkeit, diesen Vorgang zielbewußt durch zwetkmäßige Berufsausbildung, durch geeignete WanderungsplanunK und -finanzierung in geordnete Bahnen zu lenken und durch planm'dßige Aufbauarbeit den Weg in die Zukunft zu ebnen, besteht weiter. In gleichem Umfange verbleibt die Verpflichtung, der Not des Tages zu begegnen und für die . Zurückbleibenden zu sorgen. So ist es nötig, daß die Juden in Deutschland ihr großes konstruktives Werk sich erhalten. Dieses Werk heißt '.< Hilfe und Aufbau. Es gilt, die Energien ivachzuhalten, sich keiner unberechtigten Verzweiflungsstimmung hinzugeben, und nicht über den persönlichen Sorgen die Sorge über das Schicksal der Gemeinschaft zu vergessen. Es gilt, sich dessen bewußt zu bleiben, was diese unsere Gemeinschaft von uns allen fordern darf und fordern muß; Hilfe und Aufbau! Helft weiter! Dresden, Ende März 1938. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Hermann Schocken, Dr.WalterGrün. Rudolf Apt, David Maerzon, Samuel Weiger. v^L^mw^^m^^mmmm