Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 23 (15.11.1937)
- Date
- 1937-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 23/1.12. 37 Am Sornabend, den 11. Dezember 1937, findet im Trianon, Trabantengasse, Nähe Ostra Allee, ein <H ANUKK AH-BALL mnnnnnwnmtnmwnmuumumwmuinwmiuwuimitw statt. Kleinkunstbühne — Bar Kochba Studio Likörbüffet Sektzelt Stimmungssängerin und Tanz in der Bar Verstärktes Tanzorchester Sonnenschein Um recht zahlreichen Besuch bittet J.T. S.V. Bar Kochba Dresden Beginn 8 Uhr Eintritt RM 1.50 Im Vorverkauf RM 1.— bei Hermann Haugk Nachf, Prager Straße 37, Buchhandlung Strauß, WalsenhausstraSe 25 und Zigarrengeschaft Fischer, Große Brüdergasse 21 der einmal gesagt worden ist, sie sei „ohne Messiasglauben — ohne Kraft zum Martyrium" durch die Gegenüberstellung einer Schilde rung ostjüdischen Lebens. Haus, Bethaus, Lehrhaus — „die der Schutzburgen des Judentums" standen nicht mehr im Zentrum jü dischen Daseins in Deutschland. Mit der zunehmenden äußeren Freiheit und den besseren bürgerlichen Lebensbedingungen verband sich ein Verlust an religiösen Bindungen und Tradition. So wurde aus dem Juden des ausgehenden 19. Jahrhunderts „der gebildete Europäer." In vielen Fällen blieb bei allem Substanzverlust das Jüdische Herz; und Wohltätigkeit ersetzte die Religion. Traditionsgebundene Eltern, die das Gefühl hatten, nicht in die Zeit zu passen, suchten ihren Kindern „den Weg ins Leben" zu ebnen. Der Ausgleich zwischen Leben und Lehre erfolgte auf Kosten der Lehre. Die Taufe war dann nur noch der letzte Schritt, freilich ein wichtiger, denn er öffnete die sonst verschlossenen Türen in Verwaltung, Militär etc. Auch da, wo diese Konsequenz unterblieb, wurde durch den Zug in die Großstadt mit ihrer Betriebsamkeit und ihren Lockungen die Nivellierung gefördert. In mannigfachen Beziehungen mit der Umwelt teilten die Juden deren Errungenschaften und veiloren sich an die Zeit, die oberflächlich, schnellebig war, und in der alles „fertig" bereitstand. Einige Große, die gegen die Sattheit und Hohlheit dieser Epoche aufstanden, blieben lange einsam und ungehört, bis schließlich der Protest von einem Teil der Jugend aufgenommen und aus eigenem Erleben als Reaktion gegen Schule und Elternhaus gefördert wurde. Dies führte zum Entstehen der deutschen Jugendbewegung, mit der sich die Arbeitsgemeinschaft sehr eingehend befaßte, weil sie ein wesentliches soziologisches Phänomen ist, durch das viele jüdische Menschen geformt worden sind. Die Jugendbewegung ist die erste echte Umkehr aus der Vereinzelung, in die die Zeit fast in jedem Lebensgebiet geführt hatte. An die Stelle eines in Deutschland fehlenden gesellschaftlichen Vorbildes (wie es in England der Gentleman ist), setzte die Jugend einen neuen Typ, den „Kerl", das ist ein Mensch, »der anstatt von außen nach innen, Von innen nach außen lebt". Der einzelne sollte bei sich selbst mit der Erneuerung beginnen, aber der Wandel im Charakter bringt auch einen Wandel in den zwischenmenschlichen Beziehungen mit sich. Deshalb ist die Jugendbewegung eine gesellschaftliche Erscheinung. Man rechnete nicht nach „Stand und Rang der Väter", erstrebte eine sinnvolle Ordnung der Beziehung unter den Menschen, bei der wieder echte Bindung im Geistigen sowie im Alltäglichen (z. B. neues Berufsethos!) eine Rolle spielte. Man suchte auf Fahrt, in Heimabenden und bei Festen einen neuen Lebensstil zu schaffen. Das „Du" der Anrede wurde gewissermaßen zum Kristallisationspunkt für eine neuzugründende Gesellschaft. — Als '1918 ein großer Teil bisher allgemeingültiger Werte völlig zusammenbrach, strömten der Jugendbewegung viele zu, die ihr bisher noch ferngestanden hatten. Aber die Inflationsjahre mit ihrem sozialen Niedergang wurden zu einer Bewährungsprobe für die Bünde und ihre Menschen — wie es für die wenigen vorher der Weltkrieg gewesen war. Die Inflationszeit, in der die früher erbauten prunkvollen Hauser leer standen, Zeichen eines «dahinsiechenden Reichtums von einst, dem sein Gewand zu groß wird und der langsam, ganz langsam schon zu verwahrlosen beginnt," (Georg Herrmann) brachte einen völligen Zusammenbruch der bisherigen Gesellschaft und all ihrer Wertungen. Das Bewußtsein, auf einem sinkenden Schiff zu leben, führte auch die Juden jener Zeit häufig zum Selbstmord. „Übergangsgeneration" nannte sich jene Menschen, weil die Maßstäbe des Bürgertums, mit denen man groß geworden war, jetzt vor der Wirklichkeit versägten. Und doch verharrte die Mehrzahl in der bisherigen bürgerlichen Haltung, und nur einem Teil von denen, die aus den Bünden kamen, gelang die Wandlung. Nachdem die Arbeitsgemeinschaft Entwicklung und Wirkungskreis der deutschen Jugendbewegung bis in unsere Zeit hinein verfolgt hatte, befaßte sie sich eingehend mit den jüdischen Bünden in Deutschland, die —? ob zionistisch oder nichtzionistisch — in der Struktur und in ihrem Streben nach gesellschaftlicher Erneuerung mit der deutschen Jugendbewegung verwandt sind. Der „Blau-Weiß" und die „Werkleute" haben den neuen gesellschaftlichen Gedanken in den Palästinaaufbau hineingetragen. Auch in den anderen jüdischen Bünden spiegeln sich die Ideen der deutschen Jugendbewegund in Haltung und Aufgabe wider. Der „Chaluz" ist eine Überwindung der gesellschaftlichen Situation der Jahrhundertwende. Das Entstehen der jüdischen Jugendbewegung ist aber zugleich auch das Ergebnis einer ersten Scheidung jüdischer Jugend von nichtjüdischer Umwelt. Auf der Suche nach Bindung wie die andere Jugend entdeckte sie wieder das Judentum auf mancherlei Weise: als Religion, als Volkstum, oder als beides. Von Jahr zu Jahr wurde diese Rückkehr stärker und gab den jüdischen Menschen unserer Zeit ein neues Gesicht. In der Umwelt hat der zum Bourgeois gewordene Bürger einem neuen Typ Platz gemacht, der schon deutlich erkennbar ist: dem politischen Soldaten. Bei uns, ist die Wandlung vom gebildeten Europäer zum Juden noch nicht abgeschlossen. Manche Formen sehen wir — die deutlichste, weil die gegensätzlichste zum Bürger vergangener Jahrzehnte, ist wohl der Chaluz; die einzige ist sie nicht. Eine vollkommene Abkehr vom Bürgertum schlechthin ist nicht notwendig, wohl aber von seinen Entartungserscheinungen, wie sie das ausgehende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert zeigten, denen wir Juden in hohem Maße verfallen waren. Eines aber ist unerläßlich: die Erneuerung der jüdischen Gesellschaft aus der Rückkehr zum Judentum. Ob einer diese Rückkehr als Chaluz verwirklicht oder in den Formen eines geleuterten Bürgertums (Franz Rosenzweig! — die Erneuerung der Kehilla ist durchaus, vielleicht nur, unter bürgerlichen Voraussetzungen denkbar) — das ist im Grunde Sache des einzelnen. Wachsein muß jeder, d. h. wissen um die geschiehtgtuwJ^immÄrf Bitte besuchen Sie uns. Sl. w-nd.n von der 9«>»«" **"*■ " Un b.r,i MHC.« Ab,.. .»..» T-*— un<J Unoleun. .ntxOA» seml ftehihajrt ^««w*1^37