Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 23 (15.11.1937)
- Date
- 1937-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN DRESDEN MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN JL ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen R e i ch s g e b i e t.= XIII. Jahrgang Dresden, den 1. Dezember 1937 Nr. 23 Soziologie der Juden in Deutschland am die Jahrhundertwende. Ein Bericht ans unserer Lehrhausarbeit im vorigen Semester Vom ersten Abend an stand die Lebensnähe des Themas im Mittelpunkt der Arbeitsgemeinschaft Um „vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit" sein Leben zu gestalten, muß der Mensch die Fundamente seines Daseins kennen: Aus diesem Wissen, das kein theoretisches, sondern ein existentielles ist, wächst die Entscheidung, zu der jeder heute aufgerufen jst. Beschreibend (phänomenologisch) — nicht wertend — suchte man „das Dasein der Juden in ihrer Umwelt" zu erfassen. Gesellschaft wurde also verstanden als der Raum, in dem sich in den Beziehungen zwischen den Menschen das Gesetz der Zeit offenbart. Beispiele aus dem europäischen Mittelalter, der Reformations- und der Aufklärungsepoche erläuterten die Bedeutung dieses Gesellschaftsbegriffes und konfrontierten ihn den Ergebnissen anders gerichteter soziologischer Methoden. Von Anfang an wurde damit vermieden, unter „Gesellschaft" nur wirtschaftlich-materielle Verhältnisse, oder nur Berufsschichtung oder nur Geselligkeit zu verstehen, sondern dies alles zusammen und noch viel mehr: nämlich der gesamte Bereich zwischenmenschlichen Daseins ist „Gesellschaft". Auf die methodische und sachliche Klarlegung der Begriffe folgte ein Abriß der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Situation jener Epoche, in der die Krise unseres heutigen gesellschaftlichen Gefüges ihre Wurzeln hat: des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Gründerjahre, das Erstarken des politischen Liberalismus, der Kul turkampf — diese 3 Faktoren prägten den Menschen jener Zeit. Der Bürger wurde allmählich zum Bourgeois. Wie sehr — seit die Mauern des Ghetto fielen — die in Deutschland lebenden Juden in die Entwicklung des Bürgertums verflochten waren, wurde an vielen Beispielen aus Georg Herrmanns „Jettchen Gebert" anschaulich gemacht. Bildung und Besitz, die Kriterien des Bürgertums, wurden in ihrer Wandlung aufgewiesen und erläutert. Trotz des sogenannten wissenschaftlichen Fortschritts jener Zeit machten sich überall Anzeichen einer Krise bemerkbar, — am deutlichsten wohl im Wirschaftlichen, doch die Wirtschaft ist ja nur ein Teil des Ganzen und in steter Korrelation zum Geistigen. Die Fortschrittgläubigkeit nimmt dem Menschen nicht das Gefühl der „Ungesichertheit des Daseins". Diese Erkenntnis führte wieder auf die Aktualität der Arbeitsgemeinschaft, denn sie hatte eine doppelte Frage zur Folge: „Wie entstand die Krise und wie kann man sich ihr wieder entziehen?" Auf den ersten Teil der Frage antwortete die von Abend zu Abend weiter ausgeführte Beschreibung der geschichtlichen Wirklichkeit, aufgewiesen an verschiedenen Symptomen, z. B. an der Geselligkeit, an der Einstellung zur Familie, zum Beruf etc. Aus literarischen, philosophischen und anderen Quellen jener Zeit entstand das Bild von der gesellschaftlichen Situation der Juden in Deutschland um die Jahrhundertwende. Gottesdienstreform — Gründung des U. O. B. B., — des C. V. — jüdischer Studentenverbindungen — der erste Zionistenkonkreß wurden eingehend erörtert, Gastalten wie Jakob Wassermann, Walther Ratbenau, Theodor Herzl wurden zu deuten versucht, um die Vorstellung von jener Zeit zu ergänzen Noch anschaulicher wurde die westliche Situation der Juden, von Kein Gemeindemitglied versäume den Besuch der jüdischen Komödie „AMCHA" oder „Das große Los" von Scholem Alejchem (Deutsch von Me'ir Broser, Sonnabend, den 4. Dezember 1937 im Trianon Begeisterte Presseurteile über die reizende Inszenierung (Vergleiche Inserat auf Seite 51) „Isr Familienblatt" über die Ha-nhurger Premiere: Ueber dieses „Amcha" dürlte man eigentlich nichts schreiben, denn es darl in wenigen Wochen keinen Juden mehr in Hamburg geben, der es nicht gesehen hat. Und wozu sollte man ihnen die Vorfreude verdeiben, indem man ihnen zu viel erzählt? „Amcha" spielte diesmal wirklich im Jüdischen Kulturbund, und angesichts dieser Vorstellung muß jede Diskussion verstummen. Wäre der Kulturbund nur gegründet worden, um uns eine solche Vorstellung zu vermitteln — — dajenu! Sie sehen, es ist nicht so leicht, sich aus dieser Atmosphäre eines Scholem Alechem zu lösen. . Denn „Amcha" — dein Volk- — das sind, wir und seid ihr, das bist du, feiner Mann in der ersten Reihe, im Smoking, und du kleiner Junge oben in der Arbeilsbluse „Amctia", das sind sie alle, die nichts mehr davon wußten und die es heute doch so genau wissen. Ins „Amcha" haben sie alle zurückgefunden, die großen Schauspieler dort oben von ihrem König Lear und dem Rauber Franz, ebenso wie die Zuschauer mit ihren geschraubten Ansprüchen von früher. Sie entdecken ihre Gemeinschaft, sie sehen sich und ihre Nebenleute mit anderen Augen an, sie drückt alle die gleiche Sorge des Alltags, sie belebt alle die gleiche Hoffnung auf das große Glück, sie haben sogar als die verlernten Hauseigentümer den gleichen Kampf um die Miete durchzufechten. Sie tragen den Rücken gebeugt und sie richten den Rücken gerade, sie arbeiten oder sie sagen Tfhillim (was aus dem Scholaum Alechem in unser modern-jüdisches Leben übertrauen etwa heißen würde, sie lesen Buber) — und sie sind Juden, Amcha. Dein Volk, können sich nicht daraiis lösen, wollen sich auch gar nicht daraus lösen, sind es einfach, weil einer es ihnen so plausibel macht, Scholaum Alechem, der Zauberkünster, Alechem Scholaum Friede sei mit Euch . Helft uns helfen und Chanukka-Freude bereiten! Postscheck - Konto Dresden 10288 (Israelitische Religionsgemeinde „für Winterhilfe'') Bar Kochba Schild Wettspiele zugunsten der Jüdisch. Winterhilfe Dresden Sonntag, den 5. Dezember 1937 13 Uhr: Damen-Handball 14 Uhr: Einmarsch der Aktiven beider Vereine 14,15 Uhr: Fußball der I. Mannschaften Eintritt: 50 Reichspfennig zugunsten der Jüdischen Winterhilfe, Alle Gemeinde-Mitglieder werden erwartet!