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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1937-11-01 · 22 (1.11.1937) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIII (1937)
Issue
22 (1.11.1937)
Date
1937-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 OEM FINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 22/15. 11.37 Leicht müßte es für die leitenden Männer unserer „Reichsvertretung" sein, ihre Stimmen drüben hören zu lassen, besonders wenn man bedenkt, daß der Führer — inzwischen leider versterbendes Joints in Amerika -und der Präsident des Hilfsvercins der Juden in Deutschland leibliche Brüder sind. Die Leiter der Reichsvertretung sind hochgeschätzt gerade in Kreisen des Joints. Sie dürfen nicht zu bescheiden ihre Forderungen zurückstellen, das ist man drüben nicht gewöhnt. Wir haben auch jetzt schon viele Wortführer unter den Neueingewanderten. die ja zum Teil den ersten Familien Amerikas angehören. Wir haben unter Anderen auch einen Dr. Joachim Prinz drüben, der aiff Wunsch unserer Stellen laut und deutlich sprechen kann. .Weiner Ansicht nach sind die zwei Staaten des nordamerikanischen " Kontinents l' S.A. und Kanndien außer Palästina die allergeeignetsten Länder für unsere Auswanderer. Wirtschaftlich, politisch und auch in religiöser Hinsicht. Ich hoffe, daß die Reichsvertretung meine Ansicht teilen und daß sie diese Arbeit1 in jeder Weise fördern wird. L'nd' nun zum Schluß eine kleine Betrachtung der ganzen jüdischen Lage. Man ist sehr traurig gestimmt, wenn man nach längerer Abwesenheit hierher zurück ins Land kommt., - . Viele Verwandte, viele Freunde, viele Bekannte sind ausgewandert. UeberaH hin in die weite, ihnen unbekannte Welt, wo es gilt, geistig und wirtschaftlich neu Fuß zu fassen. Ich fahre fast jedes Jahr nach der früheren Provinz Posen, um die Gräber meiner Großeltern und vieler ' meiner Verwandten und früheren Schulkameraden zu besuchen, die hier und dort in verschiedenen Kleinstädten begraben liegen. Kleinstädte, die jüdische Gemeinden hatten mit fünfzig, hundert und zwei- bis fünfhundert jüdischen Familien, in denen ein lebendiges jüdisches Leben herrschte vor fünfzig und mehr Jahren. Jetzt ist überall das jüdische Leben fast ganz ausgestorben, und \ erlassen liegen jüdisches Bethaus, jüdische Schule und jüdischer Friedhof. Man steht am Grabe der Großeltern und steht vor halbverfallenen i räbern und Gedenksteinen von Menschen, die man alsGreise vorfünfzig und mehrjahren kannte. Gestalten ehrwürdiger Männer und Frauen tauchen im Gedächtnis auf beim Lesen ' der fast verlöschten Namen. Man sieht sie wieder würdevoll im alten schwarzen Gehrock und hohen Zylinderhut ins Bethaus gehen am Freitag Abend und Schabbos in der Früh'; obgleich sie die Woche hindurch als Handwerker oder Kleinkrämer oder1 Dotfgeher ihren, kargen Unterhalt verdienten. L'nd. jetzt ist das alles verschwunden, und die Grabsteine beugen sich und verfallen und -versinken. Man' würde ganz hoffnungslos und trostlos dastehen, wenn man nicht selbst alt und erfahren geworden wäre und wenn man nicht weit in der Welt herumgekommen wäre und nicht wüßte, daß trotz Verfall hier und dort das jüdische Leben weitergeht. Ich weiß, daß viele hundert Enkel und Urenkel meiner Großeltern in Amerika, in England, in Süd-Afrika, in Deutschland und in Palästina leben. Ich kenne viele hunderte der Nachkommen dieser einfachen, bescheidenen, frommen Juden, an deren Gräbern ich heute stehe. Dieser ist Präsident der größten jüdischen Gemeinde San Fraiictscos, und jener ist berühmter Professor in Washington ünd viele sind angesehene Bürger vieler Städte in verschiedenen Ländern. Im März dieses Jahres waren wir in New York. Dr. Kurt Lippmann, der früher hier in Dresden lebte, wollte uns am Sonnabend abend im Hotel besuchen. Er rief nachmittags ansind sagte am Telefon: .Ich hatte ganz vergessen, daß der Verein meiner Heimatstadt — der Verein der Jarotschiner Juden — heute-abend Wahl- und Jahresversammlung hält. Wir haben daran anschließend ein Festessen und Tanz. Bitte seien Sie unsere Gäste." Als wir um 8 Uhr hinkamen, hatte das Festessen begonnen. Ueber 250 Männer, und Frauen saßen festlich gekleidet an den Tischen. Ich wurde mit den meisten der Anwesenden im Laufe SchreiblTiaSChinen wieErika.Conti,Ideal,Olympiausw Rechenmaschinen, Farbbänder and Kohlepapiere bekannt preiswert Fachgeschäft Sally Mayer, Walpurgisstr.9, Ruf 12045 N. B. Auswanderer »olhen nicht verjäumeo, eine KoflerlCbreibrtUf Chine miliunebmen S. MATTERSDORFF oolwATOAK,,, Ä,,r- GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 1 8 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955 des Abends flüchtig bekannt. Einige der Aelteren waren injarotschin-Posen geboren, und alle anderen waren Kinder oder Enkel von Jarotschiner Juden. Ich kenne Jarotschin. Ich glaube nicht, daß in der Glanzzeit der Gemeinde so viele Juden dort wohnten. Ich könnte Dutzende solcher Erfahrungen und Beispiele anfürenh aus meinem Leben hier in Deutschland und in Uebersee-Ländern, die alle beweisen, wie unser Volk wächst und gedeiht an Zahl' und an Lebenskraft, trotz al er Net, die uns so oft aus Haus und Heimat vertreibt und die uns zwingt, die Gräber unserer Eltern und Vorfahren zurückzulassen. Hat man da Grund, trübe und traurig in die Zukunft unseres Volkes zu sehen? / , Ich glaube ganz und gar nicht, besonders nicht in dieser Zeit des Aufbaues unseres alten Heimatlandes Erez, wo ein neues' Volksleben sich entwickeln wird, das seine belebenden Strahlen aussenden wird, auch in die entferntesten Enden der Welt, in denen unsere Nachkommen verstreut sind, so daß sie festhalten mögen am heiligen Erbe unserer Väter. Seelisdie Winterhi.fs-Veramtciltiing Am Sonntag verbreitete ein Vortrag von Dr. Rabinowitz (Leipzig) „1000 Worte Jiddisch" im überfüllten Henriette-Schie-Saal die heiterste Stimmung. Satire, Humor, Spott, Ulk, Wortspiele— in allen diesen Nuancen schillerte der reiche Schatz ostjüdischer Bonmots, Sprichwörier, Anekdötchen und Scherzgeschichten, die der bekannte Leipziger Bibliothekar mit überlegener Beherrschung zum Besten gab. Man verstand wirklich „jedwederes Wort": denn Dr. Rabinowitz weiß den echt gesprochenen Jargon mit den dazu gehörigen Handgesten und der Mimik zu eindringlicher Wirkung abzurunden. Aus seinem vorjährigen Vortrag Uber Mendele Mocher Seforim kannte man noch den Unterschied zwischen jenem Maskir und etwa dem Humoristen Scholen! Alejchem, und dieser heiter, unterhaltende Abend verhalf zu weiterem Kennenlernen der vielseitigen ostjüdischen Psyche. Ob nun Geschichten von dem geistigen Mittelpunkt einer Gemeinde, dem gütigen „Row", erzählt wurden oder vom Fuhrmann, dem „Balegole", aus dem „Cheder" oder vom „Schiddach" oder von den jüdischen Schildbürgern und Seldwylern: den „Chelmer Naroim", -jimmer fand der Vortragende eine dankbare beifallsfreudige Resonanz. E. B. iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiniiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH IIIIIIIIIIMIIIIIIIItMIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIII IIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHI'IIIIHIII»»!!»»"»«»""!"!"»"""»"'111""111"1""""'1"""""""111

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