Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 15 (24.7.1937)
- Date
- 1937-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 15 Praktische Kabbala. 3n Zentrum aller Mystik wie jüdischer Kabbala stehen abgrundtiefe Fragen des Glaubens: nach dem Wesen Gottes, der Welt, des Menschen, des Geschehens; Fragen nach dem Sinn von Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Wichtig ist das Problem der Beziehung zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf. Gott will den Dienst des Menschenweil er ihn will, braucht er ihnweil'er ihn braucht, ist er - unbegreiflicherweise - darauf angewiesen. Es besteht also eine kaum auszuspkechende gegenseitige Abhängigkeit zwischen Gott und Mensch. An den Usern dieser abgründigen Gedankenuntiefen wucherte wildes Gewächs: alte magische Vorstellungen von Beschwörungen, Zaubersormelzwang lebten auf. Man meinte, vermittelst kabbalistischer Buchstabenkombinationen der Gottesnamen und magisch-zauberhafter Amulette oder „Kameoth" göttliches handeln erzwingen, göttliche Entschlüsse bezwingen zu können. Fm Wundergarten des Glaubens wucherte das Unkraut des Aberglaubens. Als Rabbi Jonathan Eibenschüh nach'Altona kam, gab er kranken Frauen solche Kameoth zur Heilung. Dies wäre nicht so aufsehenerregend gewesen. Aber, als man einige erfolglos gebliebene Amulette öffnete, meinte man Hinweise aus den Glauben des Verfassers an Eabbatai Zwi, den falschen Messias, den Schrecken der jüdischen Welt, darin gefunden zu haben. Jacob Emden, ein Altonaer prioatgelehrter, ein kritisch-rationaler Kopf, heftig, unbeugsam und maßlos, nahm den Kampf gegen den berühmten Rabbiner auf, er erklärte ihn zum Ketzer, Schwindler, .Volksverführer und Anhänger des Sabbatai Zwi. Alle Großen Israels wurden in diese Sache hineingezogen. Ezechiel Landau in Prag, Iosua Falk in Frankfurt, Elijahu Gaon in Wilna, die Vierländer- Eynode in Polen, Rabbiner aus Metz und Italien, Konstantinopel und Jerusalem, Ungarn und podolien nahmen Partei. Als der Sturm mächtig brauste, umbrandete die Flut auch die nichtjüdischen Küsten, es wurden belangt: der König von Dänemark, der sächsische Minister Gras Brühl, der Hamburger Senat, die Professoren Megelin und - der getaufte Schüler Rabbi Jonathans - Karl Anton; die. Züricher /Freimütigen Nachrichten" und die „Mecklenburgischen Gelehrten Nachrichten" berichteten darüber ausführlich. Oer Bruderstreit war furchtbar und zermürbend. Verzehrend und aufreibend züngelten überall die'Flammen. Die kämpfenden Parteien schleuderten Bannstrahlen gegeneinander. Jonathan Eibenschüh gewann schließlich in diesem Kampfe, da die ganze Welt außer einigen Rabbinen in Deutschland auf seiner Seite war. Vorbilder. Schon eine Generation vorher kämpfte ähnlich um eine der reichsten und reizvollsten Persönlichkeiten des siebzehnten Jahrhunderts: Moses Ehajim Luzatto. Auch da stand die rational-kritische Festung des talmudifchen Judentums in Gegensatz zu der weltenweiten Messias-Mystck der verborgenen lebenden Volksphantasie, nur war die messianisch-dichterische, religiös-mystische Gestalt Luzattos seelentiefer, schöpferischer und von wirklich gewaltigen Ausmaßen, und deshalb mit Eibenschütz in dieser Hinsicht nicht zu messen. Jacob Emden, der Gegner Jonathans, hatte in seinem Vater, Ehacham Zwi, das beste Vorbild. Auch dieser kämpfte in Amsterdam gegen Sabbatianer. Emden, der eine seiner zahlreichen Flugschriften „Skorbionenbiß" betitelte, nannte sich mit Recht „Eiferer, Sohn eines Eiferers". Spiegelbild» Oie jüdisch-traditionelle Nachwelt stellt Eibenschüh und Emden gleich hoch. Symbolisch haben sie nach ihrem S. MATTERSDORFF GEGRDNDET PRIVATBANKHAUS 18 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955 Tode, auf dem Altonaer Friedhof benachbart ruhend, Frieden geschloffen. Jedoch bleibt das Bild dieses großen Rabbiners wie ein' grell beleuchtender, geräuschvoll tönender Film; der Schlußakkord einer alten Zeit hallt von fern her wider; zuckende Gesichter, Welttheater, große Spieler bewegen sich auf der Bühne, vom abgrundtiefen Sinn des historischen Geschehens belebt; das flammende Grabmal einer untergegangenen Zeit. In der Asche finden sich glimmende Funken, Keime der aus der reinigenden Umschmelzung aufsprießenden Zukunft. Die mystische Schwärmerei verbrennt im Ofen der Geistesgeschichte und kommt lebenskräftig und geistesgeladen zu neuem Leben in Israel Baal-s,hem»tow. III. Rabbi Israel Baal-Gchem-tow Sehnsucht. Schwermütig und leidersüllt war die Seele Israels. Schwer lastete auf diesem die Last des täglichen Lebens wie die Bürde des ererbten Gesetzes und traurig enttäuscht blickte sein Auge in die goldne Ferne messianischer Hoffnungen. Oie ganze jüdische Diasporageschichte ist ein langes Warten, eine unendliche Erwartung auf endliche Erfüllung prophetischer Verheißungen. Am Ende der Tage soll Israels Leid ein Ende gesetzt werden. So verkündeten die Künder. Es war trostreich, daran zu glauben, aber schmerzreich, so lange zu harren. Die Holnische Iudenheit des 17. Jahrhunderts erlebte den Anfang eines Abstiegs, politische Wirren, Kosakenaufstände, Tartaren- und Türkenkriege gefährdeten die „zwischen den Mauern*' dieser Völker angesiedelten Juden; soziale Gärungen, Spannungen zwischen Ober- und Unterschicht entluden sich explodierend in der dem Pächter- und Händlertum angehörenden jüdischen Zwischenschicht. Das goldne Zeitalter geistiger und wirtschaftlicher Blüte der Juden Osteuropas, die schöne Zeit äußerer Sicherheit und innerer Selbständigkifit, war vorüber. Noch war der Talmud das Lebensgeseh, noch war die Lebensform fest gefügt auf traditioneller Grundlage, noch blühte die Gelehrsamkeit. Immer noch hatten die Juden Polens und Litauens eine Nationalautonomie mit eigener Sprache, dem Jiddischen, mit eigenen Schulen, eigener Gerichtsbarkeit, eigenen „staatlichen" Formen des Gemeinschaftslebens. Aber die Kosakenpogrome um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren der Anfang vom Ende, die Vorboten „messianischer Leiden". Ganze Siedlungen wurden zerstört, die materielle Lebensgrundlage erschüttert, und die hoffende Seele war auf das leuchtende Nah- Fern-Ziel der Erlösung gerichtet. Und der Erlöser? Siehe, er war wirklich da. Aus Smyrna kam die Botschaft: er, Sabbatai-Zwij, der Messias, bringt Erlösung. Nie wurde so brünstig gehofft, nie SIE HABEN NICHT UMSONST GEWARTET — I IHR FACHGESCHÄFT FÜR DAMENKLEIDUNG j Swninev-ScUlüßA/edu^ vom 26. Juli bis 7. August GOLDMANN DRESDEN AM altmarkt