Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 15 (24.7.1937)
- Date
- 1937-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN AMTLICHES ORGAN DES GEMEINDEVORSTANDES MITTEILUNGSBLATT DES SÄCHSISCHEN ISRAELITISCHEN GEMEINDEVERBANDES XIII. Jahrg. DRESDEN/ 24* JULI 1QJ7 Nr. 15 G » O Jüdische Profile eines Jahrhunderts Fortsetzung aus Nr. 12.13 u. 14 Von MeTr Gertner (Hamburg) II Nabbi Jonathan Eibenschüh Oie Kehrseite. War Iud Süß und sein beispielhafter Schicksalsweg, der.unglückliche und mißglückte Anfang einer Epoche, war er einer der ersten goldsuchenden Auswanderer in das neu zu entdeckende Europa der modernen Aufklärung und emanzipierenden Assimilation, so war der Kampf um Jonathan Sibenschüh, den Oberrabbiner der drei Gemeinden Altona - Hamburg - Wandsbek, das tief erregte und mächtig erregende Ende einer alten, dem Untergänge oder der gründlichen Wandlung geweihten Zeit. Das sterbende Alte sollte unter schwersten und leidvollsien Geburtsgualen das Neue und Verwandelte gebären. Aus dem gebäreijden Schoß der Geschichte loderten Feuerflammen empor, die daH Alte vernichten oder zu Neuem umschmelzen sollten. Inmitten dieser verzehrenden und grelleuchtendrn Flammen stand die Figur von Ionathan Eibenschütz. > Der Nahmen. Zn Europa waren Absolutismus, Barock, Vernunstphilosophie, Senken, Handeln, Genießen, Weltoffenheit, Gewässer eines Geistesstromes um die Zahrhundertwende» die Welt sollte machtvoll, gierig, durch,unbeschränkt behauptete Vernunft und schrankenlos geübte Gewalt eingefangen werden. Der andere Strom aber führte - und zwar aus derselben Geistesquelle — andere Elemente. Mystik, Schwärmerei, Innerlichkeit, Phantasiespiel, Vesinnlichkeit, Askese, Weltabgewandtheit, Pietismus,- die äußere Welt ist nichts, in seinem Inneren schafft sich der Geist eine neue Welt nach den Bauplänen der Phantasie und beseelt vom erlebniskräftigen Gefühl. »Die irrationale Welt wird wieder zu einer schöpferischen Macht. In der geschichtlichen Gestalt her barocken Mystik ergreift sie die Seelen im ganzen Abendlande: von Spanien bis nach Schlesien, von Italien bis nach England". j Oie jüdische Welt. Noch war sie einheitlich, noch konnte eine Persönlichkeitnacheinander in Wilna, in Frankfurt, K mkau, Wien und Prag, Litauen, Hamburg, Amsterdam das Ncbbiner- und Hochschullehreramt bekleiden. Die polnisch-litauischen Hochburgen talmudischer Wissenschaft schickten schon seit der Mitte des 17. Iahrhunderts ihre Großen als Nabbiner in die ganze Welt, also auch nach Deutschland. Die Erziehung und Bildung war idadurch rein talmudisch, die Denk- und Geisteskräfte streng rational eingestellt, das Leben formfest geprägt und geschloffen gestaltet. Aber wie in der nichtjüdischen Umwelt, floß auch in der Enge des Strom irrationaler Mystik, gewaltige Wellen schlafend, mächtig Ghettos der und geistigen Mystik nahm dahin. Nur kam entsprechend der sozialen, politischen Lage der Iuden folgendes hinzu: In der jüdischen stets das Element der Erlösungssehnsucht des jüdischen Volkes einen wichtigen Platz ein. Messianische Idee ist - nach der Lehre der Propheten - Erlösung des Volkes, der Völker, der sterischen Geschöpfe und — nach der mystischen Erweiterung - dos geschaffenen Kosmos, deren ihnen innewohnenden göttlichen Für ken nach Erlösung verlangen. In der Mitte des 17. IahrhunderlS gab es ein katastrophales Erdbeben in der jüdischen Welt: von Smyrna bis Hamburg, von Italien bis Holland, von Polen bist Deutschland waren die Iubenzentren schwer erschüttert worden; es war die mystisch-messianische Bewegung des Sabatai Zwi, deren Strom nach der Katastrophe auf verschlungenen und sich schlängelnden Wegen im Islam und im Ehriflentum endete. Man war in rabbinischen Kreisen mißtrauisch geworden gegen manche Mystiker, die, falschverstandene mystische Lehren mißbrauchend, Mystifikationen und Llnheil anrichteten. Es gab schwere Kämpfe. Oer letzte in Deutschland war der um Nabbi Ionathan Eibenschüh. .Das Bildnis. Zwei Seelen wohnten in dieses großen Nabbiners Brust: eine streng-denkerische, talmudisch-rationale mit einem gewissen Hang sogar nach weltlicher Wissenschaft, wie Astronomie, Medizin und Philosophie und eine phantastisch-mystische, kabbalistischirrationale mit der Neigung nach Alchemie, Magie und Astrologie. Er war zugleich fromm-jüdisch und profan gebildet, ein Nabbi in Israel und Freund von Täuflingen, Bischöfen; er verdammt die Sabbatianer und gerät in Verdacht, selbst einer zu sein. Grell schimmernd und zwielichthaft erscheint uns daher seine sich im Helldunkel bewegende Gestalt. Als Talmudist war er einer der größten seiner Zeit, fast alle Zeitgenossen an Gelehrsamkeit und Scharfsinn, Kombinationsgabe und analytischer Oenkkrast überragend. Seine Bücher gehören zu den berühmtesten ihrer Art. Er war auch der bedeutendste Lehrer jener Tage. Scharen von Schülern — jm Laufe der Zeit »mehr als zwanzigtausend" - »sammelten sich um ihn, bewunderten seine anregende, gewissermaßen mit den Schwierigkeiten spielende Lehrweise, seine Zuhörer fesselte und begeisterte er durch sein freundliches, man möchte sagen, studentisches Wesen und durch seinen Witz. Geselligkeit, lebhaftes, zündendes Zwiegespräch, war ihm ein Bedürfnis." Auch als Lehrer der.Massen, als Prediger, war er bedeutend. Seine Predigtsammlung, die »Honigwälder", gehört zu den besten auf diesem Gebiet. Er war gemessen und beherrscht, klug und gewandt, Beziehungen anknüpfend und sie ausnutzend; ohne Lärm und Geräusch warf er seine Autorität in die Waagschale und sie überwog immer. Weg und Bewegung, Hn Krakau geboren, wurde, er mit 21 Iahren Leiter und Lehrer eines großen Talmud-Lehrhauses in Prag. Von Metz, wo er Oberabbiner ist, wird er als Oberhaupt der drei Gemeinden Altona - Hamburg - Wandsbek berufen. Alle Stationen dieses Weges sahen ihn in bewegter, Anstoß und Bewunderung erregender Tätigkeit. In Prag schon gab es Neibungen mit anderen Nabbinen. Er stand dort in Beziehung zum Bischof Haffelbauer und erwirkte das Necht zur Herausgabe des verbotenen Talmuds unter Weglassung mancher Stellen und Änderung des Namens. In Wien macht er die Bekanntschaft de«? Prinzen Eugen, er wird von Maria Theresia anläßlich der Annahme des Nabbinats von Metz der Franzosenfreundschaft verdächtigt und als Verräter betrachtet. Zwar gab es schon in Metz über ihn Unstimmigkeiten, aber der eigentliche, die ganze jüdische - und sogar nichtjübische - Welt bewegende und erregende Kampf um ihn entbrennt erst in Altona. . ' -