Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 12 (15.6.1937)
- Date
- 1937-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr 12 puntt dieser Bewegung des erneuerten TalmudiSmus bildete Elijahu Gaon von Wilna. In weiteren Abhandlungen soll versucht werden, einige charakteristische Profile des 18. Iabrhundcrts, die im Mittelpunkt des oben geschilderten geistigen Geschehens stehen, zu skizzieren: sozial aufgefliegener Ghettojude: Iud Guß 1699 -1738; talmudischmystisch ausgerichtete Persönlichkeit der alten Traditionsform: Ionathan Eibenschütz, Hamburg-Altona, 1690 - 176t; Einbruch Europas: Mendelssohn 1729 - 1786. Erneuerung im Osten: Israel Äaal-schem-tow 1700 - 1760,- Erneuerung des Talmudismus im Osten: Elijahu Gaon, Wilna, 1720-1797; Typische Erscheinung der Zeit: Salomon Mai'mon^l7S4 - 1800. Zugleich soll der weitere Verlauf der drei großen Bewegungen: deutsche Aufklärung, südrusfisch-polnkscher Ehassidjemus, nördlichlitauischer Talmudismus, ihr Wesen, Werden und Weiterwirken auf alle späteren kulturellen und sozialen Erscheinungen aufgezeigt werden. „Balak und Bilam“ und „44. Psalm“ von Hugo Adler Erstaufführung im Jüdischen Kulturbund Dresden. Oer am Dienstag, den 8. Iuni, in der stark besuchten Synagoge, die durch den anschließenden Hcnnette-Echie-Saal erweitert war, stattgefundene Auffübrungsubcnd unseres Dresdner Kulturbundes darf wohl als das bedeutendste musikalische Ereianis des vergangenen Iahres bezeichnet werden, ja vielleicht als stärkste südlsche Gemeinschastskultur-Äußerung unserer künstlerisch interessierten Gemeindemitglieder überhaupt. Schon daß die Ausführung des großartigen Abends fast ganz von freiwilligen Kräften aus unserer eigenen Mitte bestritten werden konnte, ist ein erstaunliches und bocherfreuliches Faktum. Oie Instrumental-Gemeinschaft. deren Entwicklung wir bei ihren verschedentlichen woblgelungenen Mitwirkungen mit Genugtuung feststellen konnten, bat unterber musikalischen Leitung ihres tüchtigen, hingebungsvollen und an der großen Aufgabe sichtlich gewachsenen Din'genten Walter Goldmann an dem lebten Oraton'en-Abend alle Anforderungen erfüllt, die man an das musikalische Zusammenspiel begabter Laien stellen kann. Ebenso war der Ehor, der ebenfalls unter Walter Goldmanns Leitung sich für die Aufführung des bedeutenden Werkes aus Musikliebhabern zusammengefunden hatte, so intensiv und begeistert bei der Sache, dasi gerade hie Ehorstellen mit als Höhepunkte des Abends hervorgehoben werden müssen. Es war ein sehr glücklicher Griff der verantwortlichen Persönlichkeiten, gerade dieses zeitgenössische jüdische Werk ausgewäblt zu haben. Der Mannheimer Kantor Hugo Abler hat dieses Oratorium „Balak und Bilam", das er „Biblische Szene" nennt, im Iuni 1933 bis Ianuar 1934 komponiert, und es schwebte ibm damals schon vor, daß das Orchester möglichst aus jüdischen Laienkräften und der Ehor natürlich aus freiwilligen jüdischen Sängern bestehen solle, ja sogar die Mitwirkung von Kinderstimmen (- wie das bei unserer Aufführung der Fall war ) hat er damals schon berücksichtigt. Mit diesem seinem Werk - es ist sein Opus 17 — wollte Adler dem suchenden Iuden der Gegenwart den Bibeltext recht nahe bringen, und er legte seiner Komposition die ungewöhnliche Bibelübersetzung von Martin Äuber und Franz Vosenzweig zu Grunde, aus der er die Kapitel 22—24 aus dem vierten Buche Moses „In der Wüste" ausgewählt hafte. (Es ist nur ausgelassen die letzte große prophezeibunq Bilams) Dieser jeder abgegriffenen Wortwendung und unrichtigen Gewohnheit aus dem Wege gehenden Schriftübertragung hat Hugo Adler versucht, eine gleichermaßen ungewöhnliche musikalische Untermalung zu geben. Es ist bewundernswert, wie er das mit verhältnismäßig kleinen Mitteln: nur Streicher-Orchester mit Klavier szu dem bei unserer Aufführung auch noch die als Ersatz für Klavier vorgesehene Orael trat) vollbracht hat. Außer dem Ebor sind allerdings drei umfangreiche Gesangspartien in dem Werk, welche natürlich von Berufskünstlern ausqeführt werden müssen. Wir hatten in unserer Dresdner Aufführung den Genuß, einen außerordentlich ausdrucksvollen Bariton in der Partie des Bilam zu hören: Heinrich Korn aus Berlin, der die Gestalt des Propheten Bilam mit biblischer Größe und zugleich voller menschlicher Einzelzüqe musikalisch umriß. Besonders stark waren seine drei großen Segnungen; in die erste mischt sich jene außergewöhnliche Ehorflelle „Wer zählt den Staub Iaakobs" in fis-Moll, wo sich zusammen mit dem vollen Orchest er-, Klavier- und Orgelsah eine große Al-Fresco-Farbenwirkung des Klanges entfaltet. Ebenso war die breite, klare L-Our-Stelle „Auf, Balak, hör'" der Ausdruck eines unentrinnbaren prophetischen „Muß", und diese Schau geht ebenfalls in eine große Ehorflelle über, die unser Ehor trotz der schwien'gen Akkordfolgen (bei „Was Gott im Werk hat") sehr schön vortrug; und schließlich sei die Vertonung der dritten Schau Bilams hier noch besonders erwähnt, denn Hugo Adler hat darin die sonderbaren Worte von Äuber und Vosenzweig „Erlauten Bilams, des Äorsohns, Erlauten des Hörers göttlicher Sprüche..." mit dem an Glockenklang gemahnenden Hauptmotiv des Werkes auts höchste gesteigert, dann in ein geheimnisvolles piano hinsinken lassen, aus dem sich der uns allen so verftaute Liturgie-Text: „Wie schön sind deine Zelte, Iaakob, deine Wohnungen I'srael" - vom Ehor begleitet - herrlich abhebt. Neben diesem Bilam ist auch die Gestalt des Moabiterkönigs Balak in dieser biblischen Szene sehr lebensvoll gezeichnet, und der kraftvolle Tenor von Bernhard Ehrzeliher (Berlin) stattete diese Figur mit so leidenschaftlichem Ausdruck aus, daß die Tragik des ilngesegneten erst recht die gegensätzliche Macht des Segens in dem Werk unterstrich. Als weitere solisiische Gesangskraft war Sabine Iurmann (Oresben) gewonnen worden, deren Sopran den außerordentlich hoch liegenden (bis zum hohen H hinaufgehenden) Soli der Eselin Bilams und des Engels voll gerecht wurde; ihr flötenähnlicher Stimmklang vermittelte sogar ausgezeichnet die Illusion von nicht- Menschlichen Wesenheiten, was durch eine eigenartige Begleitung von Orchester Tremolos im pianissimo nnd seltsamen Klavierfiguren noch unterstützt wurde. Diesen Klavierpart, der eine durchgehende charakteristische Stützung des Gesamtklanges ist, aber auch öfters die Solisten ohne Orchester mit höchst anspruchsvoller Musik zu begleiten hat, beherrschte unser einheimischer Pianist Siegfried Sonnenschein mit wirklich musikalischer Eingliederung kn den Gesamtapparat, sowohl in rhythmischer wie dynamischer Hinsicht die großen Schwierigkeiten voll beherrschend und mit seinem geschulten Anschlag auf dem Flügel im Hintergrund doch alle Effekte zur Geltung bringend. Organist Edgar Viesen spielte an dem unten neben dem Orchester aufgebauten Orgelpositiv die fülligen Akkorde, die den Äläserklang zu ersehen geeignet waren und von dem Komponisten Adler in oft fast atonaler Harmonik zur Verwischung mancher einfachen an Händel on'entierten Linie angewandt wurden. Alle die hier gewürdigten musikalischen Kräfte gaben gleich Starkes auch mit Hingebung in der Komposition des 44. Psalms, den Hugo Adler sich attacca anschließend an die Bilam-Gzene gedacht hat. Oer musikalische Eharakter, sogar die Hauptmotive, sind die gleichen, - und es war das eine Idee von erschütternder Wirkung, die Geschichte „vom Wirken Gottes in den Tagen von ureinst" und die damaligen Segensverheißungen mit den wunden Klagen und Hilfeschreien dieses 44. Psalms (aus dem II Buche her T'hillim) in Verbindung zu bringen. Auch hien'n hat Martin Äuber meines Erachtens ganz die Wort- und Stimmungsfarben — oft bis zum Laut und Vhythmus - wie sie der hebräische Sang hat, hellhörig übertragen; - aber über seine eigenwilligen vor- ERNST LANDSBERGER Hypotheken — Grundstücke — Kredite WAISENHAUSSTR. 22 — Ruf 14 063