Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 12 (15.6.1937)
- Date
- 1937-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Seife 3 15 Jahre Leichtathletik im JTSV. Bar Kochba Dresden Aus diesem Anlek findet am Sonntag, 20. Juni 1937 ein i.....- Ueher 200 Wettkämpfer sind em Stert, darunter die Kampfmannschsften von Bar Kochba | Berlin, Bsr Kochba Leipzig und viele andere aus dem Relrh Vorklmpfe: 10 Uhr und j ] Hauptklmpfe: 15 Uhr e Fußballspiel e Anschließend SleserverkOndung mit geselligem I Beisammensein Verlosung Straßenbahnlinie Nr. IS und 116 e Autobus Linie C : Großes Sportfest Festansprache; Dr. Kurt Lewln, Berlin auf der Radrennbahn Reick statt. ihm beginn! eine neue Epoche in der Geschichte des deutschen sa für später sogar des ganzsn Judentums. Im Osten aber waren die europäischen Ausklärungsideen nur sehr schwach wirksam. Sie waren importiert und auf wenige aristokratische Kreise beschränkt. Das Bildungsniveau der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung war das denkbar tiefste. Hier war also keine äußere Kulturmacht auflösend wirksam, etwaige geistige Volkskräfte, die sich regten, konnten m'cht in der Kultur der Umwelt untertauchen, sondern nur im Eigenen schöpferisch wirken. Dies war der Weg des Israel Baal-schem-tow (1700-1760), des Schöpfers des Ehassidismus. Aufklärungsbewegung: der Weg in die'europäische Helle, in die Welt des Lichts und der Weite, der Weg der Sprengung des zu engen Gefüges, der Erweiterung des Horizonts, der Einatmung frischer Luft und vor allen Dingen der lockenden Hoffnung auf Gleichberechtigung, Gleichwerduna. die sa nach und nach messianisches Pathos annahm. Wurden doch später die messianischen Verheißungen der Propheten auf die Befreiung durch den Fontschritt der Aufklärung bezogen. Ehassidische Bewegung: der Weg in das innere Licht jüdischer Gläubigkeit, in die Tiefe des religiösen Erlebnisses und die Weite des göttliche Funken bergenden Alls, der Weg der Auflockerung des erstarrten Rahmens, der Erneuerung und Entfachung der alten Flamme und auch hier die messianische Erlösungssehnsucht im kosmischen wie im nationalen Sinne; denn der alte Feuerstrom jüdischer Hoffnungen auf Erlösung, von dem auch Funken in den weltlichen modernen Zionismus eingegangen sind, dieser Strom wurde von den Ehasstdkm von neuem in ihrer Art freigelegt. Beide Wege, der der Aufllärung und der des Ehassidismus, sind neue Wege, neuernde und emeuernde, andere und ändernde Wege, denn das alte Leben des jüdischen Menschen im Osten wie in Deutschland war unhaltbar geworden. Düster und schwer lastete auf der jüdischen Seele die trübe Atmosphäre afletisch-moralisch gehaltener Bücher, belehrender und warnender Art, die km ersten Viertel des Iahrhunderts sogar in jüdisch-deutschen Übersetzungen erschienen. Die Welt war so schön, so voller Hoffnungen geworden, und die Führer, verwaltender wie geistlicher Art, wußten keine Möglichkeit zur Erneuerung des Lebens. Oie straffe Lebensform talmudischen Gesetzes konnte nur bei Erhaltung innerer freier Lebendigkeit und Lebensfreude ihren Sinn bewahren. Oie Gefahr jeder traditionellen Lebensform ist es, daß die Verwalter und Träger der Form' nur diese noch behalten, während der Lebenssaft austrocknet, so daß die Form als verdorrte Schale nur drückend und beengend wirkt. In Deutschland wie im Osten kam noch hinzu, daß die Mystik, die km 17. Iahrhundert die Gemüter mit schweren, enttäuschenden Erlösungshoffnungen aufwühlte, in schwermütige Aflese ausartete; sie führte den Weg aus dem Leben hinaus. Oos war gefährlich und unerträglich zugleich. Groß war der Abfall vom Iubentum und die Verirrung in sektiererische Trugkonventikel, die alle in den Abgrund führten. Oie wirtschastliche Lage in Polen fing an, katastrophal zu werden. Was blieb dem Iuden übrig, vor allen Dingen dem einfachen Iuden? Denn nur ein Talmudgelehrter galt etwas in der jüdischen Gemeinde. Wer nicht gelehrt war und auch noch dazu unbegütert, bedeutete nichts. Oie Verehrung des Gelehrten seitens des Nichtgelehrten war groß, aber seine Seele blieb leer. Gelehrsamkeit ist nicht Über¬ ■ 0 In Dresden befinden sich ca.5000 Juden ■ ■ aber nur 1 SchreibmaschincngeschSft von Sally Mayer» Ulalpurgisfir. -»Ruf 12045 Erika, Conti, Ideal und andere Systeme Rechenmaschinen - Farbbänder- Kohlepapiere tragbar. An den schweren, geiflesscharfen Disputationen konnte er sich nicht beteiligen; er verstand sie nicht. Was war sein Leben? Wirtschastliche und geistige Armut, äußere Enge und innere Öde, Einsamkeit und Verlassenheit. In Oeusschland ging man den Weg' der — anfangs nicht gewollten - Zerstörung dieser drückenden und so düster gewordenen Traditionsform. Auf den Zerfall der Lebensform folgte dann bald der Abfall vom Volksganzen. Oer Weg ins freie Leben wurde für viele der Weg in den natkoi.alen Freitod. Im Osten wurde die Form neubelebt. Israel Baal-schem-tow war kein Reformer. Ehassidismus ist nicht Veform, nicht Ablehnung des Gesetzes, nicht Auflehnung gegen es, sondern seine Erneuerung und Belebung auf eine neue Art. Aber der Schwerpunfl wurde verlegt; vom Lernen zum Erlemen, vom Denken zum Fühlen, vom Him zum Herzen, vom Einzelnen zur Gemeinschaft. Lemen, denken kann nur der Himmensch; erleben, fühlen kann jeder Mensch mit seinem Herzen. Das Lernen bildete eine geistige Aristokratie. Vas geheimnisvolle Fühlen und Erleben schuf erlösende Gemeinschaft. Der Masse wurde hiex der Wezsgebahnt in die Weite, in die geistige Welt, deren Mittelpunkt von der Lehrstube ins Bethaus verlegt wurde. Denn inbrünstig beten, mit Gefühl beten, die Flamme Gottes kn sich entzünden kann jeder, der den Glauben hat. Daher wurde das Gebet in den Mittelpunkt gestellt, wobei das Lernen nicht etwa beseitigt oder vernachlässigt wurde, aber viele große chassidische Gestalten, feurige und ekstatische Naturen, im Volke beliebt und von Legenden umwoben, waren oft selbst keine großen Gelehrten. Heiter und frohen Mutes soll man Gott dienen, rpit dem ganzen Herzen und mit dem ganzen Tun; mit allem was der Mensch tut, tut er es nur richtig und mit der gläubigen Intention, dient er Gott. ' Eine Gruppe Ehassidkm bei einem Gläschen Schnaps, singend, gläubig vom Nabbi, seinen weisen Aussprüchen und Wundertaten erzählend, war genau so gottgefällig - ja vielleicht noch gottgefälliger - wie eine Gruppe Gelehrter, über Talmudfolianten gebeugt; mochte nicht jeder Anhänger der Ehassidim die tiefe kosmisch-messianische Erlösungsidee, wie sie der Ehassidismus lehrte, begreifen, was tats? Er konnte mit singen, jnif tanzen, sich mit freuen, mit glauben, mit beten und vor allen Dingen: er war Glied einer durch eine persönlich geistige Mitte gebildeten Gemeinschaft. Oer Nabbi war die Mitte. Seine gläubigen Anhänger bildeten den Kreis. Zum Vabbi gehörte jeder, arm oder reich, gelehrt oder unwissend. Man war nicht allein auf der Welt. Eine solche Mitte bildete zum ersten Mal Vabbi Baal-schem-tow. Mit ihm begannen die irrationalen Gefühlskräfte ihre Herrschaft über die Gemüter auszubreiten. Das rationale, emst-strenge Denken der talmudischen Bildung wurde durch eine mächtige' Gegenkraft bedroht, beseitigt. Dies geschah im südlichen Teil des meist ungelehrten russisch-polnischen Iudenzentrums. Im nördlichen, litauischen Teil, wo die Gelehrsamkeit sehr verbreitet war, blieb das scharfe rationale, talmudische Denken an der Herrschaft, bas dann zu einem furchtbaren Kamfp gegen den chassidischen Süden auftief, kn dem es eine Bedrohung der überlieferten Tradition und eine erneuerte pseudo-messianische Irreführung zu sehen vermeinte. In diesem talmudischen Zenftum aber bahnte sich eine grundlegende Erneuerung der Lemmethode und des Studiums an, deren Folgen sich später in den größten Hehr- Häusern dieser Gegend bemerkbar machten. Mitte und Ausgangs- Zur Reisezeit deckt der gut angezogene Herr seinen Bedarf bei Hermanns & Froitzheim x Seestraße 7 Ruf 18 765