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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1937-06-15 · 12 (15.6.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
13 (1937)
Issue
12 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 12 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN DAS JÜDISCHE 18. JAHRHUNDERT _ Von MeTr üertner (Han.bürg) -Das achtzehnte Jahrhundert bildet die einschneidendste Wende in der Geschichte des Abendlandes. Zn diesem Zahrhundert »hatte sich die innere Aufiösung der mittelalterlichen Welt auf allen Gebieten vollzogen". Die Herrschaft der Vernunft wird erklärt; der Mensch wird frei, er befreit flch von allen mittelalterlichen Bindungen. Oie festgefügten Lebens- und Oenkformen, deren Auflösung mit der Nenaiffance beginnt, werden jetzt ganz beseitigt. Zn England, Frankreich und Deutschland erblüht die Aufklärungsphilosophi« und -literatur. Das geiftlge Gesicht und als Folge davon auch das staatliche unö soziale Gefüge Europas nimmt anoere Gestalt an. Ein neues Lebensgefühl macht sich überall bemerkbar. Ote Natio beansprucht Alleinherrschaft. Zn der zweiten Halste des Zahrhunderts bahnt sich dann in Oeutfchland die große geistige Bewegung der klassischen Literatur und Rantischen Philosophie an, die als Entwicklung über die Aufklärung hinaus und als deren Überwindung zu gelten hat und die dann später mit der Nomantik in den völligen geistigen Gegensatz zur Aufklärung mündet. Zrrationale Kräfte gelangen zur Macht. . Auch für die Entwicklung des Judentums war das 18. Jahrhundert von epochemachender und tiefgreifendster Bedeutung. Große geistige Strömungen und mächtige soziale Wandlungen, Neuerungs- und Erneuerungsbewegungen nehmen in dieser Zelt ihren Anfang. Und der Verlauf der jübischen Geschichte in der darauffolgenden Zeit, die Emanzipations- und Assimilationsdestrebungen, die verweltlichende Europäisierung in Lebensform nnd Sprache, die religiösen ^Reformen und Gegenreformen in Westunb Mitteleuropa, religiöse Erneuerung, Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Dichtung, das Werden der jiddischen Volkssprache und Literatur in Osteuropa, der Zionismus und seine umwälzende Wirkung im geistigen und sozialpolittschen Leben des Volkes - all diese Erscheinungen wurzeln im geistigen Geschehen des 13. Zahrhunderts. Zm Verlaufe der Zahrtausende alten jüdischen Geschichte hat es viele und verschiedenartige Zentren geistigen Schaffens gegeben. Einmal war es der Orient (Palästina, Babylonien, Ägypten in biblisch-talmudischer und hellenistischer Zeit), dann einmal Spanien (»im goldenen Zeitalter" arabischer Kultur), dann wieder die rabbinischen Zentren in Frankreich-Deutschland, die sich dann seit dem 16. Zahrhundert nach dem Osten hin (Polen, Litauen, Nußland) verschieben, und viele andere noch. Dem Blick, der diese farbenreiche, geistige Landschaft überschaut, bietet sich ein Bild dar, das sich über lange Zeit und ausgedehnte Kulturräume erstreckt. Er folgt dem Weg der jüdischen Entwicklung durch alle geistigen Näume alter und jüngerer Kulturvölker. Und immer haben die kulturellen Schöpfungen des Zudentüms ein anderes Gesicht je nach Zeit, Naum und Umwelt, immer ist dieselbe Beobachtung zu machen: wenn auch der jüdische Geist als Quelle schöpferischer Kraft den Gehalt und das jüdische Volk als Neservoir schaffender Kräfte die Gestalt bildet, so ist stets das ^Resultat zwar wesensverwandt, jedoch in Form und Znhalt sehr verschieden. Ein Vergleich etwa zwischen dem stark in der Geisteswelt der griechischen Kultur wurzelnden jüdischen Hellenismus und dem fast nur im Jüdischen verankertem Talmud oder - um zu der hier zu behandelnden Epoche zu kommen - zwischen dem rein jüdischen Weg geistiger Erneuerung des Ehassidismus im Osten Europas und vermehr der europäischen Geisteslinie folgenden Aufklärungsbewegung in Westeuropa und Deutschland macht dies am beweiskräftigsten klar. Zn Babylonien, der Heimat des Talmud, lebten die Zuden im geschloffenen jüdischen Zentrum. Oie Umweltskultur war nicht so mächtig, um mit Gewalt in die jüdische Geistigkeit einzudringen. Daher.die größere Eigenständigkeit des Talmud, wenn auch in ihm viel umweltliche Elemente zu finden sind. Zn Ägypten lebten die Zuden und die Träger hellenistischer Kultur eng beisammen. Oie ümweltskultur brandete mächtig und umspülte das Herz jüdischen Geistes, es zum Teil überflutend. Daher haben wir es hier nicht mehr mit einer eigenständig jübischen Schöpfung, vielmehr mit dem Versuch einer Synthese zweier sehr verschiedener Geisteswelten zu tun. Oas Fremde hat hier ein starkes Übergwicht in Denk- und Sprachform, wobei wieder zu betonen ist, daß trotz allem auch hier ein starkes jüdisches Element vorhanden ist. Fast zum Verwechseln ähnlich ist die Situation in neuerer Zeit: im Osten eigenständiges Zudenzentrum mit so gut wie gar keinem kulturellen Einfluß der Umwelt, darum rein, jüdischer Entwicklungsweg. Zm Westen: enges Zusammenleben, mächtigster Umwelteinfluß, daher hier die Suche nach einer Synthese mit Überwiegen des europäischen Elements in Gedankengehalt und Sprachform. Mit diesem letzten Beispiel ift, wie erwähnt, das hier zu behandelnde Thema berührt. Das 18. Zahrhundert weist hauptfächlich zwei jüdische Zentren aus, die geisiesgeschichtlich iznd sozialpolitisch den Weg des Zudentums weiterführen und sein Gebäude teils erneuern, teils zerstören, um vermeintliches oder wirkliches Neue an seine Stelle zu sehen. Diese beiden Zentren sind: Deutschland und Osteuropa (Polen, Litauen, Nußland). Der Anfang des Zahrhunderts erlebt noch in beiden Gebieten ein geistig fast einheitliches Zudentum. Hier wie dort war die in Zahrhundert« währender Arbeit geschmiedete Lebensform des Mittelalters noch erhalten. Geschloffen füdische, talmudisch-rabbinische Lebensform auf gläubig-religiöser Grundlage, fest zusammengeyalten durch den schweren politifchen und sozialen Druck der Umwelt. Die Erziehung und Bildung war eine religiös-talmudische. Eurapafern und abgesondert in Sitte und Sprache lebte der Zude im deutschen Ghetto wie im russisch-polnischen Zubenstädtchen unter sehr ähnlichen Verhältnissen. Der geiltige Austausch war sehr rege. Lehrer und Nabbiner kamen von Osten — denn dort war bas geistige Übergewicht - nach Westen und es gab keine bildungsmäßigen oder sprachlichen Schwierigkeiten. Das Züdisch-Deutsch, das in Lemberg oder Wilna gesprochen wurde, einst aus Deutschland mitgeführtes mittelhochdeutsches Zdiom, unterschied sich vom Zudendeutsch im Frankfurter Ghetto fast gar nicht. Bildungsstoff und Lehrgehalt waren dieselben.- Bibel, Talmud und oft auch Mystik. Zedoch waren die Verhältnisse in politisch-geschichtlicher Hinsicht sehr verschieden. Oer Entwicklungöverlauf war entgegengesetzt. Zn Deutschland bot das 18. Zahrhundert gegenüber den vergangenen Zahrhunderten immerhin Anzeichen beginnender Verringerung des politischen und rechtlichen Drucks. Eine gewisse Stabilität der Verhältniffe bildete sich heraus. Der Aufstieg einzelner »Hofjuden" zu Neichtum, Einfluß und Bildung beweisen dies. Aber auch im kleineren Nahmen wurden die Verhältnisse immer besser. Zm Osten aber, vornehmlich dem damaligen Polen, war es umgekehrt. Die vergangenen Zahrhunderte sahen die Zuden - als ins Land Gerufene - autonom und geschützt unter verhältnismäßig günstigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen. Mit der Mitte des 17. Zahrhunderts beginnt der allmähliche Abstieg. Pogrome, rechtliche Beschränkungen sehen ein. Zn Deutschland ließ also veräußere Druck nach, und die Sprengung des fesigeschlossenen jüdischen Lebensgefüges und damit also der Weg nach Europa wurde leichter. Zm Osten nahm der Druck zu; der »Weg ins Freie" war noch schwerer gemacht; es blieb nur der Weg ins Zudentum übrig. Und dann: in Deutschland wirkten die mit großer Macht im Bürgertum sich ausbreitenden religiösen, rechtlichen und staatspolitischen Gedanken der Aufklärung auch auf die jüdische Welt ein. Die Auflösungsgewalt dieser Gedanken konnte ihre Wirkung auch auf sie nicht verfehlen. Moses Mendelssohn (1729-1786) ist zwar nicht das einzige, dafür aber das hervorragendste und richtunggebendste Beispiel dieser Wirkung. Sein Weg führt ihn aus dem Ghetto, der Talmudschule, ins Zentrum der Aufklärung, nach Berlin, nach Europa. Mit L. MATTERSDORFF PRIVATBAN KH AUS GEGRÜNDET 18 4 9 SEESTRASSE 14 ‘ RUF 25955

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