Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden. Amtliches Organ des Gemeindevorstandes MeilWrbIM de; MM«" '"' SememdeoerbMde; Veranttoorttlche Schrlstleitung: Leo Anschel, Dresden / Vertag: Israelittsthe Religlonsgemeinbe Dresden-«. Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht. Dresden»«. 24, Altenjeller Straße 34 / Fernruf Nr. 48020 / Annahmestell« für Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene 4S»mm»3eile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Dresden»«, l, Ammonstr. bl XUI. Iahrg. Dresden, den 1. April 1937 Rümmer 7 JIZCHAK ABRABANEL Von Rabbiner Or. Max Dienemann Irgendwann im Iahre 19Z7 darf man die fünfhundertste Wiederkehr des TageS begehen, an dem Iizchak Abrabanel geboren worden ist. Daß er der Mann war, der, als daS Edikt der Vertreibung der Inden aus Spanien erlassen wurde, der Sprecher der Iuden war, ist jedermann bekannt. Aber wer war er, seiner Herkunft, seiner Leistung, seiner Stellung, seinem Denken nach? Oer-Mann ist nur zu verstehen aus der Eigenart und der Gesamthaltung der Iuden auf der spanischen Halbinsel. Sie lebten seit dem Äeginn der christlichen Zeitrechnung mehr als fünfzehnhundert'Iahre auf der Halbinsel, fle hatten alle Phasen der wechselvollen Geschichte des Landes miterlebt, sie waren in einem Maße, wie das sonst im Mittelalter nirgends der Fall war, mit dem Leben, der Wirtschaft und der Kultur des Landes verwachsen, sie hatten deren Hochblüte mit erzeugt, an ihr gearbeitet; und zugleich waren sie festgegründet in der jüdischen Tradition und der lebendigen religiösen Übung. Sie waren nicht wie die Iuden des Westeuropa am Anfang des 19. Iahrhunderts aus einem Dunkel unvermittelt in das Licht eines neuen Kulturtages geschütten und von diesem grellen Licht geblendet - geblendet in doppelter Veziehung -, sondern sie waren von Anfang an mit der Kultur Spaniens in ihrer christlichen, dann ln ihrer arabischen, dann wieder in ihrer neuen kastilischen Form verwachsen, sie waren mit ihr gewachsen. Und immer war sie ihnen das Mittel, mit dem sie ihr Iudesein und ihr jüdsisches Wiffrn und Wollen vertieften, s Sie hatten in ihrem jüdischen Wissen mehrere Entwicklungsstufen erlebt» sie waren durch die talmudisch-rabbinische Haltung hindurch geschritten, sie waren den Weg es philosophischen rationalistischen Denkens gegangen und sie hatten die Wendung zum Gefühlsmäßigen mit der Kabbala und der mystischen Mesflashoffnung gemacht. Aus diesem Grunde war der Mann gewachsen. Er entstammte einer seit Iahrhunderten in Spanien ansässigen Familie, die ihre Herkunft aus dem bavidischen Königsgeschlecht ableitete. Sein Vater war nach Lissabon gezogen, dort kam er zur Welt. Er hatte den üblichen Äildungsgang eines befähigten Iuden jener Tage durchgemacht, er war in Äibel und dem jüdischen Schrifttum durchgebildet, er hatte die Philosophen gelesen und war in ihren Gedankengängen zu Haus, aber er war auch in den Schriften der christlichen Denker jener Tage zu Haus, und er war ein Humanist und in humanistischen Vildungs-Formen und -Inhalten bewandert. Seine Reigung gehörte den wissenschaftlichen Arbeiten, aber der Weg seines Lebens führte ihn immer nur in kurzen Abständen dieser seiner Reigung zu und führte ihn die längst« Zeit zu Aufgaben, denen er sich unterziehen mußte, die er aber immer als Ablenkung von seiner wahren Aufgabe empfand. Der König von Portugal zog ihn an seinen Hof und übergab ihm die Leitung der Finanzen des Landes. Ehe er sich dieser Arbeit widmen mußte, hatte er sich innerhalb der Iuden schon einen Ramen gemacht durch Vorlesungen, die er über MalmonideS gehalten hatte, durch Kommentare zu biblischen Vüchern, durch die soziale Arbeit im Dienste der Auslösung der Kriegsgefangenen - die damals, als SNaven behandelt wurden - und deren Einordnung in die Wirtschaft des Landes. AlS aber der König starb, wurde der neue König in Streit mit dem hohen Adel und den Ständen verwickelt. Abrabanel mußte fliehen, er rettete das Leben, aber Hab und Gut und seine Äücher mußte er im Stiche lassen. Er kam nach Toledo, arbeitete dort in Ruhe und Zurückgezogenheit an seinem Äibelkommentar, da wurde der König Ferdinand von Kastilien auf ihn aufmerksam und zog ihn an dm Hof, übertrug ihm die Leitung der Finanzen des Landes, einen Widerspruch konnte es nicht geben. In dieser Stellung war er der Sprecher der Iuden in der Stunde der Vertreibung» als jenes Edikt erging, auf das man noch heute mit einem gewissen Stolz blickt, denn in ihm ist nichts von den landläufigen Veschulbigungen der Iuden enthalten, nur die Äehauptung, daß ihr Umgang die getauften Iuden in dem Hineinwachsen in die Kirche hindere, versuchte er vergeblich das Los der Iuden zu wenden. Mit den anderen verließ er Spanien und' ging nach Reapel. Wieder begann er seine Arbeiten, und wieder wurde er aus ihnen herausgerissen und in den Dienst des Königs geholt. Mit dessen Rachfolger geriet er in die Wirren, in die das Land kam, als Karl VIII. von Frankreich es mit Krieg überzog, er floh nach Sizilien, immer wieder Hab und Gut und Äücher verlierend. Er wandert« weiter nach Korfu und dann nach Monopoli. Hier hatte er acht ruhige, gesegnete Iahre der Arbeit an seinem Bidelkommentar und an anderen jüdischen Schriften. Roch einmal wechselte er dett Wohnsitz, er ging nach Venedig. Dort wurde er wieder in die StaatSgeschäste hineingezogen, die Republik bedimte sich seiner bei Handelsverttagsverhandlungen mit Portugal. 1508 beschloß er sein Leben, das so seltsam geteilt war zwischm geistiger Arbeit und Dienst, zwischen der Muse wissenschaftlichen Schaffens und der Ruhelosigkeit. Abrabanels Interesse gehörte der Erklärung der Äibel» viel leicht auch ein Zeichen seines Humanismus, daß er sein Augenmerk gerade auf die Äibel richtete und nicht auf den Talmud. In seiner Art der Erklärung hatte er eine feste Methode. Er faßte zuerst in einer Einleitung Llles zusammen, was über bas zu behandelnde Such vom literarischen und vom Gesamtverständnis auS zu- ^79894