Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1937-02-10 · 4 (10.2.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
13 (1937)
Issue
4 (10.2.1937)
Date
1937-02-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4892693-6725280-5770330--2621-4895149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 2 ©erttetnbeBIatt der Israelitische» Vteliglonlgcme'inbc Dresden llr. 4 Zur kulturellen Situation »Oie Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt.' Nietzsche »Also sprach Zarathustra' IV Oie Zeit, in der wir Zuden leben, birgt eine große Gefahr in kult.reller Beziehung. Man hat uns vom Kulturleben der Umwelt abgegrenzt und uns die Erlaubnis gegeben, unserer eigenen Kultur zu leben. Da liegt nun zunächst der Gedanke nahe, daß wir Zuden ja in unserer Bibel einen Kulturwert haben, der, wenn wir ihn kennen und beherrschen - wie wenige aNerdings können dies von sich sagen!, - allen Ansprüchen, die wir an uns und die Welt an uns stellen kann. Genüge leistet. Zst dem aber in Wirklichkeit so d. h. genügt es, wenn unsere Kultur sich einzig und allein auf die Werte, die uns die Bibel gibt, aufbaut? Wir betrachteten es bisher als etwas Selbstverständliches, die Kultur unserer.Umwelt, für uns in Deutschland lebende Zuden also die deutsche Kultur, in uns aufzunehmen und an dem kulturellen Leben des Landes teilzunehmen. Wie sollen wir uns jetzt verhalten? Man kann die heute noch in Deutschland lebenden Zuden in drei Gruppen teilen, und zwar in diejenigen, die nach Palästina auswandern wollen, diejenigen, die in andere Länder wandern werden, und diejenigen, die beabsichtigen, in Deutschland zu bleiben, wobei die letztere Gruppe zumeist aus älteren Leuten besieht, für welche eine Auswanderung und die damit verbundene Gründung einer ueueu Existenz nicht mehr in Frage kommt. Wer vor der Aus> Wanderung steht, muß hart arbeiten, um sich die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten für die neue Umgebung und Tätigkeit anzueignen, er muss Sprachen erlernen, er muß beim Erlernen eines neuen Berufes, insbesondere eines Handwerks oder eines landwirtschafilichen Fachs, angestrengt tätig sein. Unter diesen Umständen kann einmal für die Beschäftigung mit "kulturellen Werten wenig Zeit bleiben. Gefährlich aber ist, den Gedanken aufkommen zu lassen, als ob eine solche Beschäftigung auch für die Zukunst der Menschen, die in eine vollkommen neue und schwierige Umgebung kommen, bedeutungslos sei. Es ist in letzter Zeit so viel von der Hoffnung die Bede, eine eigene jüdische Kultur in Palästina neu erstehen zu lassen. Man denkt an literarische Erzeugnisse wie auch an Neuschöpfungen auf dem Gebiete der Musik, die nicht, wie bisher, von Zuden geschaffene Werke anderer Kulturbezirke sind, in dem diese Zuden aufgewachsen sind und deshalb den Eharakter jener Bezirke in sich tragen müssen, sondern die Produkte einer eigenen nationalen Kultur sein werden. Ob die jetzige Generation, die in einem Lande der Galut ausgewachsen ist, in der Lage sein kann, solche Neuschopfungen hervorzubringen, gestatte ich mir zu bezweifeln. Wie soll es aber die nächste, Generation können, wenn ihr bereits nur mehr ein Minimum von Kulturwerten vererbt wird? Kenntnis der Kulturschöpfungen der ganzen Welt und der gesamten Zeitepoche scheint mir" notwendig, um auf diesem Wissen um Kulturwerte eine neue Kultur aufbauen zu können. Für alle, die auswandern wollen oder müssen, sei das eine gesagt: Wenn Zhr nicht ein innerlich ärmliches Leben führen wollt, so nehmt, je kulturärmer das Land ist, in welches Zhr geht, um so mehr Kulturwiffen in dieses Land mit, um es dort zu verarbeiten. Wir sind zu »kultiviert" - und wir wollen darauf stolz sein -, als daß wir ohne kulturelles Leben auskommen könnten. Nach getaner Arbeit muß sich unser Geist an einem wertvollen Buch oder an einer schönen Musik oder, wenn wir beides nicht haben, Id» sud»G laufend Gelder für Beteiligung in Industrie und Handel, zum Teil gegen hypotfiekarisdie Sidterheiten bei günstiger Verzinsung und angemessenem Gewinnanteil. Zuschriften an Wirtschaftsberater Dr. Hans-Dietrich Pohly Dresden A 24, Semperstraße 4 — Fernsprecher 18 693 VERGESSEN SIE NICHT! Am 14. Februar 1937 veranstaltet der Frauenverein Achduth im Odeum CarusstraSe 26 sein Stiftungsfest. ElnlaB 18 Uhr. M an dem Nachdenken und Verarbeiten dessen, was wir früher gelesen oder sonst in uns ausgenommen haben, erfrischen können, sonst »wächst die Wüste", die wir ln uns bergen, und wir führen ein armes Leben. Und wir, die wir in Oeusschland Zurückbleiben, scheinbar ein aussterbendes Geschlecht? Wir haben doch früher viel Besseres genossen, lohnt es sich denn, sich mit dem, was uns an Kulturwerten im jüdischen Kreis geboten wird, zu beschäftigen? Za, wenn wir nicht dazu beitragen wollen, daß das Kulturniveau der Zuden schneller und schneller absinkt, daß die jüdischen Künstler und Wissenschaftler, die in Deutschland verblieben sind, geistig und körperlich zugrunde gehen, wenn wir vielmehr einen kulturellen Nachwuchs erhalten wollen, so müssen wir Kunst und Wtssenschast durch Anteilnahme an dem, was uns geboten wird, unterstützen. Zeder muß um seiner selbst und um unserer Kulturträger willen mithelfen und sich verantwortlich fühlen. Warum muß dies gerade jetzt gesagt werden? Zwei Dinge scheinen mir Veranlassung zu sein: Oie Notlage des jüdischen Nach, Wuchses, über die in den letzten Wochen so viel geschrieben wurde, ist groß. Kaust jüdische Bücher, schenft jüdische Bücher! - Und unsere Kulturbund-Veranstaltungen: War es nicht früher eine Selbstverständlichkeit, daß die Zugend dazu erzogen wurde, Kunst zu verstehen und an der Kunst Freude zu haben? Zst es nicht entmutigend, wenn bei einem Orchesterkonzert, wie es vor kurzem t| vom »Orchester der jüdischen Kulturbünde" geboten wurde, die Zugend fast vollkommen fehlt? Wäre es nicht die Pflicht der Zugendführer, darauf hinzuwirken, daß die Heranwachsende Zugend zu solchen Kulturgenüssen geführt wird? Wäre es nicht selbstverständliche Aufgabe einer jüdischen Schule, wenigstens die älteste Klaffe geschloffen in ein solches Konzert zu führen? 36 jüdische Musiker kommen aus Frankfurt am Main in die Musiksiadt Dresden. Zuden waren ftüher in den Dresdner Konzertsälen zahlreich genug anzutreffen, und ein jüdisches Orchester, aus dem ein sehr großer Teil der Künstler hervorgegangen ist, die heute durch ihre Konzerte in Palästina unter Toscanini das Tagesgespräch der gebildeten West sind, findet in Dresden, wo noch immer einige tausend Zuden wohnen ein halbleeres Haus! Muß da nicht jedes Kulturmühen und damit jedes Kulturleben erschlaffen? Sind wir denn wirklich schon so matt geworben? - Und noch ein materieller Hinweis: Es ist für einen Kulturbund wie den Dresdner, der auf sich selbst gestellt ist und keinerlei Zuschüsse erhält, einfach untragbar, nur etwa die Hälfte seiner Selbstkosten für ein solches Konzert einzunehmen. Er wird eben dann Abstand nehmen müssen, ein größeres Orchester wieder nach Dresden kommen zu lassen, und wenn in anderen , Städten die gleiche Erfahrung gemacht wird wie bei uns - leider H hören wir aus Hamburg und Ehemnitz zum Beispiel Ähnliches -, daun wird dieses größte jüdische Orchester aufhören müssen zu existieren, und 36 jüdische Künstler werden brotlos. Auch dieser Hinweis sei gestattet, daß wir nicht nur uns selbst kulturell verkürzen, sondern auch die Kulturträger um ihre Wirkungsmöglichkeit bringen. Fassen wir also den festen Ensschluß, auch unter veränderten Verhältnissen, in allen Lebenslagen und wo wir auch leben, an den Kulturgütern teilzunehmen, soweit dies nur in unserer Macht steht. Lassen wir keine Wüste in uns erstehen, denn »die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt". Max Lesser. S. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 18 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.