Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 4 (10.2.1937)
- Date
- 1937-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeindeblall der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes MeilmgMW httSWlW MMWil ©emeinieonbanöes Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresben-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Zar. Eternlicht, Dresden-A. 24, Altenzeller Straße 34 / Fernruf Rr. 4882» / Annahmestelle für Inserate ebenda / Die 4 mal - gespaltene 46-mm-Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Dresden-A. l, Ammonstr. 61 XUI. Iahrg. I Dresden, den L0. Februar 1937 Rümmer 4 ZU PURIM „4. und wenn du schweigst in solcher Zeit-* (Esther, Kapi 4,14.) Der Augenblick, in dem in Israels Äethäusern die Megillah entrollt wird und die Stimme des Erzählenden die Geschichte von Rot und Errettung beginnt, die da anhebt: „Es war in den Tagen des Königs Ahaschwerosch ....", dieser Augenblick sieht zwischen den beiden Quellströmen, aus denen das purimfest zusammenrauscht. Er steht zwischen dem Ernst und der Strenge eines Fastt.gs und der fast üppigen Fröhlichkeit, mit der man im jüdischen Haus das Fest feiert. In den langen Stunden des Frühlingstags ist unsere Welt wieder vom Grau der Asche trüb, von der schmerzvollen Erinnerung schwer gewesen. In unserem Fasten ist die ewige Wiederkehr der Angst und des Verzagens, das Aufseufzen um Rettung, aber auch die schwermütige Erkenntnis, daß Israel niemals ohne sein eigenes Zutun leidet. Ieder Tanis stellt uns vor die Frage nach dem eigenen Verhalten in der Welt, zum Nächsten und zur Umwelt, in jedem Tanis ist die Selbstbestimmung auf Israels Weg und Wesen mit eingeschloffen, und in jedem ist darum auch die Forderung zur Umkehr und der Trost, daß jede solche Umkehr von einem Irrweg wieder eine Hinkehr zur eigenen, gottgegebenen, gottgewollten Kraft ist. In jedem Fasten ist die Wegwendung von den Dingen des Tags mit seinen materiellen Sorgen, mit seiner Verhaftung an die Ding«, die uns als ein Wert erscheinen und doch nur Tausch- oder Geldwert haben, mit seiner Vereisung durch die Selbstsucht. Ieder Tanis löst Krusten um uns und Verschlackungen in uns auf-er löst, und eben darum läßt er etwas von Erlösung ahnen. Während aber der Tanis und mit ihm die Wiederkehr der Todesfurcht und Lebensangst in die Dämmerung hineinsinken, bricht das heitere Festlicht des Purimabends hervor. Oie Voten mit den freundlichen Gaben gehen von Freundeshaus zu Freundeshaus, die Hausfrau überblickt die Vorbereitungen für die Se'uda des kommenden Mittags, die Kinder lärmen in fröhlicher Ausgelassenheit und murmeln noch rasch die Verslein und Rollenworte, die zu der Purim-Aufführung gehören - fast scheint der Grund des Festes vergessen - Esthers holde Gestalt geht vorüber, und Mordechai hat sich aus der Asche erhoben. Denn es will uns scheinen, pun'm sei Esthers Fest. Oer strenge, ernste, kluge Mann tritt in unseren Liedern und Sagen hinter der süßen Märchengestalt der jungen Königin zurück, wir schwelgen in der Herrlichkeit der Hocherhobenen - und dennoch ist seine Weisheit, sein Wissen um das Schicksal Israels, in jedem einzelnen jüdischen Menschen, die zu Esther die strengen Worte spricht: „Glaube nicht in deinem Sinn, im Hause des Königs könntest du allein von allen Iehudim entkommen. Denn wenn du schweigst in solcher Zeit, wird den Iehudim Hilfe und Rettung von anderm Ort her erstehen, aber du und dein Vaterhaus, ihr werdet umkommen. Wer weiß, ob du nicht für eine Zeit wie diese zur Könkgswürde gelangt bist.* Iedesmal, wenn in der Megillah diese Stelle beginnt, in jedem von hunderten von Iahren, in jedem dieser Hunderte von Augenblicken zwischen dem Tanis und dem Fest - sind diese Worte unter dem Gewicht der „Äürgschaft* gesprochen, die jeder Iude für den andern trägt. Sie gelten nicht der Königin Esther allein, gelten auch nicht irgend einer Frau allein/ sie gehen den jüdischen Menschen überhaupt und in allen Zeiten an, in denen gehen sie ihn an, in denen er in einer falschen Sicherheit ruht und sich dem jüdischen Schicksal entzogen zu haben glaubt, und in den Zeiten erst recht, in denen die Sorgen den Tag umwölken. Denn: vielleicht bist du reich, Iude, ober angesehen, weil du ein Meister der Lehre oder der Rede bist, weil dir gegeben ist, als ein Künstler das Wort edel }u brauchen oder Kunstwerke bildend oder tönend zu schaffen, oder weil du ein stolzer Vater oder eine glückliche Mutter bist, oder vielleicht bist du jung und schön, erfolgreich in diesem oder jenem - Oder: vielleicht bist du arm, Iude, und in Sorgen um dein Vrot, vielleicht hast du kein Heim mehr, wie es dich durch andere Iahre hindurch schützte und glücklich machte, oder du bist im Aufbruch ins Ungewisse, oder deine Kinder sind von dir in die Fremde gegangen, und das Herz ist dir schwer um sie - Gleichviel: Wer weiß, ob du nicht eben für eine Zeit wie diese alles dies in deinem Leben siehst, die Dinge, die als Werte gelten, oder die andern, die du weit von dir wegtun möchtest. Wer weiß, ob du nicht um eben dieser Zeit willen erhöht wurdest oder erniedrigt. Denn der Ginn deines Lebens, Iude, wenn du ein Iude wie die Vät«r bist, ist der, daß du nicht für dich allein stehen kannst. Du wirst dem Schicksal der Unfern nie entgehen, nicht weil du reich und angesehen bist und auch nicht, weil du arm und verborgen lebst, nicht weil du stolz und froh sein darfst, und nicht weil dich Gorgen verhüllen. Vielleicht nur darum ist dir das zum persönlichen Schicksal geworden, damit' du der Gemeinschaft tiefer verkettest sein sollst. Vielleicht hat dein eigenes Leben überhaupt erst seinen Sinn und Wert davon, daß du immer und überall gleichsam nur als ein Stellvertreter der Iudenheit lebst. Und damit du da bist, wenn Gott dich braucht. In diesem „Glaube nicht, daß du dich "entziehen kannst - * und in diesem „Vielleicht nur darum!* liegt die Größe unseres eigenen, kleinen Lebens, das über Selbstsucht, Ich-Überschätzung und alle Ängste, die davon kommen, hiitauswächst in die Weite unseres geschichtlichen Weges und damit unserer Vestimmung, Gott zu antworten, wenn er uns anruft. Antworten kann aber nur, wer den Ruf gehört hat. Und wessen Ohren im Lärm seiner Geschäfte, Wünsche, Süchte stumpf geworden sind, der braucht den Schlag, der ihn wieder wach macht, damit er hören lerne. Zwischen dem Tanis und der frohen Feier steht das strenge stolze „Vielleicht nur darum!* Mordechais Wort! - und Esther ging und tat ihre Pflicht. M. W.