Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 23 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Bemetndedlatt der Israelitische» Dieltgiontgemeind« Dredde» ttr. rS S. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 18 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955 jüdischer Menschen wieder'emzuschlri'chen vermochten, geschah dies nicht im «Sinne, sondern gegen den klaren Wortsinn der biblischen Belehrung. Schreckensvollste Disharmonien in der' Seele des Menschen werden schon durch die biblische Belehrung gelöst, daß Tier und Pflanzen nicht durch Zauberer, Hexen oder Dämonen und ähnliche phantastische Erzeuger gespenstischer Objekte geschaffen werden können, sondern immer nur auf natürliche Weise entstehen, daß sie keine magischen Kräfte auf den Menschen ausüben, sondem seine Objekte sind, genau so wie di« leblose Natur (Gen. I, 28). Um zu erfassen, welch ein geistlicher Findling eine solche Lehre in der Wüste der Naturerkenntnis jener Zeit und der folgenden Jahrtausende war, muß man sich einige Tatsachen vergegenwärtigen. Dom Loden der Thora aus hat z. 25. Maimonides den astrologischen Glauben seiner Zeitgenossen, daß die Planetenstellung das menschlich« Schicksal beherrscht, als Aberglaube ablehnen können, obzwar diese Vorstellungen seinem Zeitalter als sichere Naturwissenschaft galten (s. den letzten seiner 8 Abschnitte. Einl. s. Kommentars zu Abot) und heute noch oder wieder sogenannten Gebildeten gelten. Daß Aristoteles, der größte und genialste Naturwissenschaftler des Altertums annahm, kleine Tiere könnten sich aus dem Schlamm -der Flüsse bilden, ist bekannt. Aber noch Kant war überzeugt, daß sich Wanzen unter dem Einfluß des Sonnenlichtes bilden, und verbot deshalb eine Lüftung seines stets verdunkelten Schlafzimmers, die sein Diener nur insgeheim ausführen konnte. Auch Schopenhauer war ein sehr entschiedmer Anhänger der Zdee der Urzeugung (parerga II, 88 b u. a). Er stellte sich zur Frage der Abstammungs: lehre zum Leispiel vor^daß vielleicht einmal aus dem Ei einer Ente erstmals ein Schnabeltier oder aus einem Straußenei »irgend ein größeres Säugetier" entstanden sei (parerga II § 41). Oer Streit um die Urzeugung, b. h. die Frage, ob »von selbst", also unter Ablehnung eines göttlichen Schöpfungsaktes, lebende Wesen aus »nichts" oder aus unbelebtem Material entstehen können, reicht bis tief in das 14. Jahrhundert, in dem die bakteriologische Forschung ihm neue Nahrung gab. Wo immer, bis heute, die Frage einer experimentellen Untersuchung zugänglich war, ensschied das Experiment im Sinne der biblischen Äelehrung, daß jedes von uns beobachtete Lebewesen von ihm grundsätzlich ähnlichen Dohrfahren abstammt. Einen krasseren Gegensatz zu dieser biblischen Typenlehre kann man sich kaum denken, als wenn Adam Lonicers Kräuterbuch noch in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein Lild des Entenbaums bringt, aus dessen Früchten lebendige Enten wachsen. Sr versichert, daß es sich hierbei nicht um eine Fabel, sondern um eine wahre Naturerscheinung handelt. Auch Sebastian Münster bringt in seiner berühmten ^smographie im 16. Jahrhundert noch die Abbildung und Äeschrr^Mg eines enssprechenden Gänsebaums- Ähnlich« und andere Fab^>ken wandeln bis in die Neuzeit durch die »natur- Werke. Oer aus seiner eigenen Asch« auferstehende Dogel Phönix besaß in der Naturwissenschaft des Altertums so sichere Glaubwürdigkeit, daß chm später von mchtfüdischer Seite noch eine besondere Nolle bei der Frage Gottesglaube und Naturwissenschaft zugedacht wurde. Davon soft sogleich die Nede sein. Zn ein ähnliches Gebiet wie die Schopenhauer'schen Dorstellungen von der Äildung neuer Art gehören auch die noch im 16. und 17. Jahrhundert von Hoch und Niedrig für wahr gehaltenen Tiergeburten, die bei schwangeren Frauen angeblich beobachte wurden. Zahllose in Museen und Sammlungen heute noch erhaltene Flugblätter, die solchen Ereignissen gewidmet waren und das Znteresse zeigen, das man ihnen entgegenbrachte, belehren uns darüber, was noch im 16., 17., ja 18. Jahrhundert im Gegensatz zur biblischen Typen-(Minim)lehre und ihrem Urgesetz der Erblichkett geglaubt wurde. Nach einem Flugblatt von 1874 aus Gttaßburg hat eine Züdin in Sinswang ein paar Ferkel geboren, ja, noch im Fahre 1726 erregte Maria Taft in England kein geringes Aussehen, durch die angeblich von ihr geborenen Kaninchen (vergl. darüber Holländer a. a. O.). Oie Leibärzte König Georgs interessierten sich für dieses Phänomen, das in Flugblättern im Moritatenstil beschrieben und in der Luchliteratur ernstlich besprochen wurde. En'nnert sei auch an aN den Widersinn, der im 16. Jahrhundert und später über die Entstehung und die besonderen Fähigkeiten der sogenannten Alraune geglaubt wurde. Diese wenigen Leispiele geben nur einen winzigen Ausschnitt aus dem wahrhaft grenzenlosen Gebiet widernatürlichen Aberglaubens, der die Menschheit bis ins 14. Zahrhundert fast allgemein und heute noch in sehr weiten Gebieten beherrscht. An all dies muß man denken, um richttg würdigen zu können, welch ein befreiendes und beglückendes Geschenk die Thora mit der Feststellung der genannten grundlegenden Wahrheiten auch in ihrer Eigenschaft als Lehrbuch der Naturkunde war. Es wäre ein eigenes Werk zu schreiben nöttg, wenn man versuchen wollte oll« sonstigen medizinischen und naturwissenschaftlichen Belehrungen der Thora, soweit uns dies überhaupt möglich ist, zu würdigen. Man denke an die Neinheitsgesetze, die Gesetze über Aussatz, über Feldlagerhygiene, um nur einige zu nennen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts hat ein dem konservattv jüdischen Standpunkte völlig fernstehender Fachmann, der Götttnger ordentliche Professor der Medizin W. Ebstein, hierzu gesagt: »daß die im Pentateuch. . . vorgettagenen Lehren betresst der Hygiene so hoch stehen, daß sie, mit den nötigen Abänderungen versehen, zum Teil wenigstens auch den Anforderungen einer vorgeschrittenen öffentlichen Gesundheitspflege genügen" (S. 4). Sein zusammenfassendes Urteil an anderer Stelle deö Luches (S. 177) lautet: »Oie mosaischen Gesundheitsgesehe überraschen durch den praktischen und weitblickenden Geist, der in ihnen waltet." Ein solches Urteil wird noch eindrucksvoller, wenn man bedenkt, daß zwei Umstände es uns geradezu unmöglich machen, den Wert der Thora als Lehrbuch des Naturwiffens ganz zu würdigen. Oie Thora enthält eine Neihe von Vorschriften, die ausdrücklich aus ethischen Gründen geboten sind, deren Befolgung aber, gleichsam nur nebenbei, hygienisch bedeutsam ist. Oie Keuschheitsgesetze sind hier ein typische« Beispiel. Eie sind geboten, weil das von Gott Die ilüitvvirlcencken 6er LliLnuklcafeier 6er kelixjoasckule (W iederholung der Aufführung: Sonntag, 20. Dezember, nachm. 4 Uhr, für alle Kinder unserer Gemeinde im Henriette-ScUe-Saal)