Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 23 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4892693-5739433-5770210--2581-4895113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeill-eblatt der Israelitischen Religjonsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Semeindevorstandes MitteilmgsM de; SWUm" Eemeindeverbmdrs Verantwortliche Schristleltung r £co Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresden-A. l, Zeughausstraße 3 / Auf 14031 und 17887' / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Jac. Sternlicht. Dresden »A. 24, Aeichenbachstroße 33 / Fernruf Ar. 43740 / Annahmestelle für Inserate ebenda / Die 4 mal gespaltene 4H-mm-Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Sruhnert, Dresden-A. 1, Ammonstr. bl XII Jahra 1 23 1 Die Naturlehre der Thora Von Professor Dr. Bruno Kisch, Köln Oie erste Epoche der Beziehung zwischen Gottesglaube und Naturerkenntnts, die Epoche göttlicher Belehrung des Menschen in Fragen der Naturerkenntnis ist, wie ich glaube, historisch noch nie ganz richtig gewürdigt worden. Das vergangene Jahrhundert suchte ln erster Reihe vom Standpunkte des Naturwiffens nach Fehlem in der Bibel. Oie Mehrzahl derer, die z. B. Kritik an der biblischen Schöpfungsgeschichte übten, sahen, tendenziös eingestellt, feindlich und innerlich längst gottlos in der Thora nur Fehler der Oarstettungsweise, genauer ausgedrückt, sie sahen und betonten die Widersprüche zwischen dem Wissen der Naturerkenntnis ihrer Zeit und dem Ginn der Bibel, wie ste ihn verstanden. Bor all der vielen emsigen Kleinarbeit des Fehlersuchens sahen aste diese Antttheistm und Atheisten die gigantische positive Leistung menschmbelehrender Aufklärungsarbeit nicht, die die Bibel auch auf naturwissenschaftlichen Gebiet geleistet hat. ilnjüdtsihe und leider auch aus jüdischen Kreisen stammende Lehrer suchten die Angn'ffe von Naturforschem und Laten auf di« Thora als Quelle der Belehmng ln Fragen des Naturwiffens mit zwei ebenso oberflächlichen wie unrichttgen Thesen abzuwehren. Man sagte: Oie Bibel ist bas große Lehrbuch der Ethik, aber kein Lehrbuch der Naturkunde. Daher ist für ihre Bedeutung gleichgülttg, ob bas, was über Naturkunde dann sieht, richtig oder falsch ist. Man sagte femer: Oie Bibel ist dem Verständnis und Wissen der Menschengeneratton, der sie gegeben wurde, angepaßt und konnte deshalb nicht auf die Entdeckungen und den Wiffenskreis späterer Jahrtausende Rücksicht nehmen, wenn sie ihrer Zeit überhaupt verständlich sein wollte. * Diese beiden Verteidigungsversuche sind von Grund aus unjüdisch und daher vom jüdischem Standpunkte von vornherein schon falsch. Vom Stanbpuntte des überlieferten Judentums ist die Thora das Buch göttlicher Offenbarung und als solches dem Menschen für alle Zeiten unwandelbar gegeben. Von diesem Standpunkte aus kann ste nicht dem Menschengeschlecht des Sinaierlebnisses angepaßt, nur für dieses sprechen, um verständlich zu sein, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß spätere Geschlechter dieser Sprache etwa verständnislos gegenüberstehen werden. Zweitens aber ist die Thora ttn der Tat ein Buch, das auch bezüglich naturwissenschaftlicher Unterweisung der Sinai-Zelt-Erkenntnts um Jahrtausende voraneilt. Versuchen wir aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, etwas gewaltsam in sie hinetnzubeuten, was sie an wesentlichen Kernpunkten mechanischer Aufklämng enthält, so kann man folgende besonders hervorheben: 1. Oie sich unserer Wahrnehmung darbietenbe Welt hat eine Realität unabhängig von unserem subjektiven Erlebnis. Sie besteht weder von jeher, noch ist sie aus dem Nichts entstanden. Sie hat einen Anfang und eine Werdensgeschichte. 2. Alle Lebewesen sind einmal und zwar tppenweise geschaffen worden. Allgemeine Grundgesetze beherrschen ihre Lebenserscheinungen, wie z. B. das Gesetz der Fortpflanzung (Gen. I, 28) und das Gesetz der Vererbung der wesentlichen Merkmale (Gen. I, ll, 21, 24, 25). Es stammt sonach jedes Lebewesen, das dem Menschen in der Welt begegnet, von ähnlichen Vorfahren ab. 3. Oer Mensch ist verpflichtet, die Lebensformen der Weit zu beherrschen (Gen. I, 28) und somit der aus diesem Gebot erwachsenen praktischen und theoretischen Ausgaben bewußt zu sein und ihrer. Lösung nachzusirebep. 4. Oie Lebewesen der Welt sind keineswegs alle zugleich geschaffen worden. Nach und nach änverte sich das Bild des Lebyis auf der Erde. Es gibt eine Werdensgeschichte der irdsschen Lebensformen. 5. Als jüngste eigenartige Type der Lebewesen wurde der Mensch geschaffen. Witt man auch nur eine Ahnung davon gewinnen, welche Bedeutung eine solche Art von naturwissenschaftlicher Belehrung fük die Judenheit haben mußte, und wie sinnlos die These ist, die Thora sei kein Lehrbuch der Naturkunde, dann muß man zum Vergleich einen Blick auf die Ansichten anderer Zeiten und anderer Völker über naturwissenschaftliche Probleme werfen. Für den Juden wurde mit dieser biblischen Offenbarung die Welt sinnlich wahrnehmbarer Erscheinungen eine entzauberte und entgöhte schlichte Realität. Hinter den Objekten von Berg, Wald und Flur sah er keine Dämonen- und Göhenwelt mehr, die sich hinter harmlos scheinenden Lebewesen verbarg, die ihn durch sie in dauerndem Schrecken hielt und besänftigenden Zauber fordert«. Mit der biblischen Offenbarung war der Jude darüber belehrt, was die Naturforschung später sich erst in Jahrtausenden Erarbeitet hat, und was ihn zu einer sachlichen Einstettung zur <^^welt nötigte. Oie Lebewesen waren für ihn von Anfang an G^Hpfe, die ihm als ihrem Herrscher überantwortet waren (Gen.?., 28). Oie ihm von der Thora gestettte Aufgabe war es, sie alle ohne Ausnahme zu bezwingen und sich dienstbar zu machen. Oie Thora hat den Menschen mit dieser neuen und großarttgen naturwissenschaftlichen Belehrung von der Naturangst befreit. Wo, immer in späteren Zeiten, durch die Berührung mit fremden Völkerp und durch einen dem Juden aufgezwungenen Mangel an profanem Wissen, sich Zauberglaube und Gespensterangsi auch in das Gemüt