Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 19 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Hl. 18 iSemeindeblatt der Israelitischen ReNgion»gemetnde Dresden 0 Wissenschaft, in das er sich hineinarbeiten muß. Selbst die Namen der Werke und ihrer Verfasser sind ihm noch unbekannt. Er hat vielleicht noch ketne Meschiltha in der Hand gehabt, er hat auf dem Gymnasium nicht gelernt, zu unterscheiden, was »<5ifra* und »<5ifre* ist. Nun schaut er sich nach Hilfsmitteln um, wie er sich in der neuen Welt zurechtfinden soll. Ein älterer Kollege drückt ihm verständnisvoll »Winter und Wünsche* in die Hand. Oa hat er das Hilfsmittel, den Wegweiser, den er sucht und braucht. Das Werk wird gewöhnlich schechthin »Winter und Wünsche* genannt. Oer eigentliche Titel »Oie jüdische Literatur* ist kaum bekannt. Auch diese drei dicken Bande rum Zuerst einen gelinden Schrecken hervor. Aber man arbeitet sich ein und findet sich allmählich an der Hand dieses Führers in dem großen Gebiete der jüdischen Literatur zurecht. Oer Name »Winter und Wünsche* weist schon darauf hin, daß das Werk von Winter gemeinsam mit Professor Wünsche herausgegeben ist. Es ist ein Sammelwerk, in dem die jüdische Literatur seit der jüdisch-hellenistischen Zeit bis zur Neuzeit behandelt ist. Aus den -Schriften, die das Judentum hervorgebracht hat, werden in deutscher Übersetzung Proben gegeben, über die Entstehungszeit und Entstehungsart der Schriften find Abhandlungen den Textproben vorausgeschickt. Dem Umfange des Werkes und der Absichtentsprechend, sind nicht alle Übersetzungen und Textproben von den Herausgebern versaßt, vielmehr, und das macht das Werk besonders interessant, kommen in dem Werke die bedeutendsten wissenschaftlichen Schriftsteller des Judentums aus der Zeit, da das Werk herausgegeben wurde, zu Worte: Mit der Herausgabe war wohl ursprüglich in erster Linie di« Absicht verbunden, der Allgemeinheit ein Werk zu geben, das über das Judentum und seine grilligen Leistungen Aufschluß gewährt. Im Schlußworte der Einleitung schreiben die Herausgeber: »Oie vorliegende Anthologie bietet dem Leser leicht verständlich« Stücke aus den bedeutendsten Werken und verschiedenartigsten Gebieten. Möge dieselbe in den weitesten Kreisen Liebe zu einer. Literatur wecken, deren' Kenntnis ebenso sehr eine Bereicherung der Allgemeinbildung wie eine gerechtere Würdigung des Judentums zu bewirken geeignet ist * Zweifellos hat das Werk in diesem Sinne Früchte getragm. Aber es will mir scheinen, daß es als Lehrbuch für dm jüdischen Studierenden weitaus größere Bedeutung gewonnen hat. Winter, dem ja wohl der Hauptanteil, zumal an den Übersetzungen, zukammt, ist durch dieses Werk der Lehrer einer ganzen Generation von Nabbinern geworden. Zn unseren Tagen, wo allgemein die Nückwendung;um Judentum eine große geworden ist und man auch zu den Quellen des Judentums vorzudringen sucht, dürfte die Einführung in die jüdische Literatur, wie sie in dem Werke vorliegt, wieder neue Bedeutung gewinnen. Das Werk könnte in jüdischen Lehrhäusern, in den Schulen und in den Bünden die Grundlage für ein tieferes Verstehen des Judentums bieten. Winter vereinigt in. sich das Wissen des Gelehrten, der der Jeschiba entstammt, und die 'methodische Schulung, die an den deutschen Hochschulen gepflegt wurde. Schon in seinem ersten Werke zeigt sich dies in fruchtbarer Weise. Als Oiffertafion veröffentlichte Winter die Schrift »Oie Stellung der Sklaven bei den Juden in rechtlicher und gesellschaftlicher Beziehung nach talmudischen Quellen*. Oie Fülle des Wissens, das Zuhausesein im Talmud, zeigt sich schon in dieser Schrift, verbunden mit der Fähigkeit, dieses Wissen methodisch zu ordnen und darzustellen. Alles weitere Schaffen Winters zeigt dieses Derwurzeltsein im talmudischen Schrifttum und die Liebe zu ihm. Immerhin ist es ein besonderes Gebiet, dem sich das Schaffen Winters zuwendet. Es ist das Gebiet des Midrasch. Cs mag hier vielleicht eine Beeinflussung durch den Mitarbeiter Professor Wünsche vorliegen, der ja Midrasch Nabba in der Übersetzung herausgegeben, offenbar in starkem Maße von Winter dabei unterstützt. In vielen Teilen der Übersetzung von Midrasch Nabba durch Wünsche hat man die Empfindung, daß Winter mitspricht. Don beidm Männern gemeinsam herausgegeben ist auch die Übersetzung der »Mechiltha, ein tannaittscher Midrasch zu Exodus*. Ästhetisch schön kann man die Übersetzung nicht nennen; aber fie ist wissenschaftlich genau, und sie zeigt, mit welcher Mühe und Gewissenhaftigkeit jedes Wort BUCH HANDLUNG KARL STRAUSS WAISENHAUSSTRASSE 25 FERNSPRECHER NR. 14535 NEUERSCHEINUNGEN ««ANTIQUARIAT . JUDAICA erwogen ist, bevor es geschrieben wurde. Oie Übersetzung zwingt dazu, den Sinn des Midrasch-Wortes in seinen Absichten zu ver stehen. Es mag hier eine Textprobe folgen. Zu Kapitel 22, Vers 20 im zweiten Buche Mose: »Ünd den Fremdling sollst du nicht drücken und du sollst ihn nicht bedrängen, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Ägypten. »Ou sollst ihn nicht drücken*, das ist mit Worten, »und du sollst ihn nicht bedrängen*, das ist mit Geld. Man darf nämlich nicht zu ihm sagen: Gestern hast du dem »Bel Kores Nebo* (Jes. 46, l) gedient, und siehe, Schweine sind zwischen deinen Zähnen, und du redest Worte gegen mich*? ünd woher entnehme ich, daß, wenn du ihn gedrückt (mit Worten gekränft) hast, er dich auch drücken kann? Weil es heißt: »ünd den Fremdling sollst du nicht drücken usw., denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Ägypten*. Don hier pflegte N. Nathan zu sagen: Einen Fehler, der an dir ist, sage nicht (wirf nicht vor) deinem Genossen. - Beliebt sind die Fremdlinge, denn an jedem Orte wamt sie (die Schrift) betreffs ihrer.- »ünd den Fremdling sollst du nicht drüben*. (Deut. 40, -10:) »ünd ihr sollt lieben den Fremdling*. (Ex. 23, y: »ünd ihr kennet die Seele des Fremdlings*. N. Sliezer sagt: Oer Fremdling - weil sein Trieb böse ist, deshalb warnt die Schrift betreffs seiner an vielen Orten. N. Simeon ben Jochai sagt: Siehe, es heißt (Iud. 5, 31): »ünd die ihn lieben, sind wie der Aufgang der Sonne in ihrer Kraft*. Wer ist denn aber größer, der, welcher den König liebt, oder der, welchen der König liebt? Sage: Oer, welchen der König liebt, wie es heißt (Oeut. dass.): »ünd er liebt den Fremdling*. Beliebt sind die Fremdlinge, denn an jedem Orte, wo sie genannt werden, werben sie wie die Israeliten gmannt. Oie Kinder Israel (werden) Knechte (genannt), wie es heißt (Lev. 25, 55): „Denn mir sind die Kinder Israel Knechte*, und die Fremdlinge werden Knechte genannt, wie eS heißt (Jes. 56, 6): »ünd zu lieben den Namen des Ewigen, ihm zu Knechten zu sein*. Oie Israeliten werden Diener genannt, wie es heißt (Jes. 61, 64): »ünd ihr werdet Priester des Ewigen genannt werden, Diener unseres Goftes wird von euch gesagt werden*, und die Fremdlinge werden Diener genannt, wie es heißt (das. 56, 6): »ünd die Söhne des Ausländers, die sich dem Ewigen zugesellen, ihm zu dienen*. Oie Kinder Israel werden Liebende genannt, wie es heißt (das. 41, 8): »Oer Same Abrahams, mich liebend*, und die Fremdlinge werben Liebende gmannt, wie es heißt (Oeut. 10, 18): »ünd den Fremdling liebend*. Das Studium und bi« Kenntnis des Midrasch hat durch Winter große Förderung erlangt. In einer Nethe von Veröffentlichungen hat er mitgewirkt, besonders auch bei der Herausgabe von midraschichen Texten. Hier sei nur noch erwähnt seine Arbeit 5. MATTERSDORFF PRIVATBAN KH AUS 'SEESTRASSE 14 RUF 25955 GEGRÜNDET 18 4 9