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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-10-15 · 19 (15.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
19 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Nr. 19 Gcmei ndebla tt der Israelitischen ReligionSgemeinde Dresden Seite 3 Nach mehrjährigem Besuch des Breslauer Seminars wurde der 29jährige Babbinats-Känditat zum Probepredigen nach Dresden geladen, wo durch den Tod des Herrn Or. Landau die Babbiner- Etelle frei geworden war. An den Herbstfeiertagen des Jahres 1886 predigte Or. Winter zum ersten Mal in Dresden, seine jugezidliche Begeisterung und der Schwung seiner Bede sicherten ihm die Sympathieen der Gemeinde. Aus einer dreijährigen Probezeit wurde bereits nach eineinhalb Zähren ein lebenslänglicher Vertrag, und dem Bund rtiil der Gemeinde folgte im Jahre 1886 der Bund der Ehe mit Grace Allen. Wer von uns älteren Gemeindemitgliedern erinnert sich nicht mit wehmütiger Liebe »unserer Bäbbizen",- sie war im wahrsten Sinn des Wortes eine »Mutter der Gemeinde". Wenn sie in rührender Frömmigkeit an den Jaumim Nauroim im weißen Kleid auf ihrem Tempelplah stand, wenn sie sich in Liebe alter gebrechlicher Gemeindemitglieder an nahm und ihnen Gesellschaft leistete, wenn sie - schon als noch junge Frau - Verstorbenen den letzten Liebesdienst erwies, immer konnte diese Babbineröfrau im wahrsten Sinn des Wortes, der Liebe und Verehrung der Gemeinde sicher sein. Ihrem Gatten eine liebende treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für ihre Gemeinde, hat sie sich den Sinn für Lebensfreude stets bewahrt. Aufgeschlossenen Sinnes für alles Schöne in der Welt, war für sie der Besuch eines guten, Konzertes und das Kennenlernen fremder Länder und Städte höchster Genuß. - Drei Kinder entstammten der jgfft, und neben viel Freuden gab es nicht minder viel ernste Zeiten! Unser Jubilar wird die Freude haben, daß seine zwei Töchter diesem seinem Ehrentag beiwohnen, während der Sohn und dessen Familie aus weiter Ferne an diesem Tag in Liebe des Vaters gedenken und bedauern werden, den Tag nicht mit ihm feiern zu können. Kinder und Enkel in der Ferne, das Schicksal der in Deutschland lebenden Juden! Kein leichtes Erbe hat Or. Winter bei seinem Amtsantritt in Dresden angetreten. Er war der dritte Babbiner der Dresdner Gemeinde: Zacharias Frankl, späterer Direktor des Babbiner- Seminars in Breslau, Or. Wolf Landau, ein frommer und gerechter Mann, mit zeitgemäßem modemem Empfinden, zwei Persönlichkeiten von Bus waren seine Amtsvorgänger, bedeutende Männer wie Emil Lehmann und Josef Bondi standen an der Spitze der Gemeinde, der junge Dr. Winter verstand es aber, sich als Kanzelredner, als Lehrer, und im Gemeindeleben das Vertrauen der Gemeinde zu erwerben und zu erhalten. Winter als Kanzelredner: Er hat es sich und uns nicht leicht gemacht, seine von tiefem philosophischen Wissen erfüllten Beden zwangen zu ernstem Nachdenken und oft zu anstrengender Arbeit, um sie im tiefsten Sinn voll erfassen zu können. Er sprach auf der Kanzel nie die Sprache des Alltags: „populär" zu predigen lag ihm nicht, und trotzdem war es ein Genuß, seinen Ausführungen zu folgen,'seine predigten waren durchgearbeitet bis zur Vollendung, sie waren oft druckreife Werke eines Gelehrten. Winter als Lehrer: Das was man unter einem »Pädagogen" versteht, ist Winter nie gewesen. Man mußte zu ihm kommen mit dem unbedingten Willen zu arbeiten. Hatte man aber diesen Willen, so war es ein Vergnügen von ihm zu lernen. Die Stunden, die ich als Heranwachsender junger Mann bei ihm hatte, waren so interessant und lehrreich, daß ich mich derselben stets mit Dankbarkeit erinnern werde. Winter verlangte aber von seinen Schülern viel, und befaßte sich gern nur mit denen, die wirklich lemen wollten. Für diese zeigte er unendliches Interesse, die anderen beachtete er wenig, ja er zeigte Schülem (die allerdings eine solche Behandlung oft verdienten), gelegentlich sogar etwas »handgreiflich", wie er sie einschähte. Winter in der Gemeinde.- Nur Jude, und damit der Babbiner des Ausgleichs. Kein Liberaler konnte ihm je nachsagen, daß er zu orthodox, und kein Orthodoxer, daß er zu liberal sei. Dabei fest und unerbittlich in seinen Ansichten. - Als Seelsorger geliebt von seiner Gemeinde, ob Traurede, ob Trostesworte an der Bahre eines Verstorbenen, es waren stets Worte des Seelsorgers, Worte eines Freundes! - Seine gesellschaftlichen Beziehungen zu den Gemeindemitgliedern waren und sind noch heute sehr rege. Wir alle kennen ihn als unermüdlichen geistvollen Erzähler selbst erlebter Anekdoten, und — als liebenswürdigen 'Skatspieler. Und last not least: Winter als Gelehrter: Viele schriftstellerische Werke entstammen seiner Feder, und der Autorenname Winter und Wünsche, mit welch letzterem er manches Werk gemeinsam schuf, ist nicht nur in der jüdischen, sondern in der Gesamttheologie bekannt und geehrt. Lernen und lehren, das ist stets sein Streben gewesen, und es ist wohl bezeichnend, daß sich Prof. Or. Winter als das erstrebenswerteste Geschenk zu seinem sojährigen Amtsjubiläum die Herausgabe seiner neuen Gifra-Ubersehung gewünscht hat. Die Gemeinde sowie Freunde des Jubilars haben es unter dankenswerter Mithilfe der »Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" ermöglicht, den Wunsch unseres Jubilars zu erfüllen. Sein Wirken als Gelehrter ausführlich zu schildern, muß berufeneren Kräften Vorbehalten bleiben. Oie hohe Wertschätzung des Gelehrten Winter wurde auch von behördlicher Seite durch die Verleihung des Titels »Professor" anerkannt. Möge unserem lieben Prof. Winter ein Lebensabend der Freude beschieden sein und möge er uns Allen seine Freundschaft bewahren. - Daß wir noch manche frohe Stunde mit ihm verleben möchten, ist unser Aller Wunsch, die wir ihn kennen und ihm nahestehn. Professor Dr. Winters wissenschaftliche Leistung Von Rabbiner Dr. Albert Wolf Bei einer Babbiner-Konferenz kam jüngst in der Unterhaltung die Bede auf Professor Winter. Ein Babbiner fragte einen zufällig anwesenden Studenten der Theologie: Wissen Sie, wer Winter ist? Verbinden Sie mit dem Namen einen Gedanken?" Prompt kam die Antwort: »Winter und Wünsche-'. In der Tat ist »Winter und Wünsche" ein Begriff. Und es ist auch typisch, daß die Antwort gerade von einem jungen Theologen gegeben wurde. Ich erinnerte mich dabei an meine eigene Studentenzeit. Ich hätte damals auf die gleiche Frage dasselbe geantwortet. Als ich vor Jahren mein Amt in Dresden an der Seite von Professor Winter antrat, konnte ich ihm in den Begrüßungsworten sagen, daß er mir ein sehr guter Bekannter und wohl vertraut sei,' obwohl ich ihn noch nicht persönlich gesehen hatte. Denn »Winter und Wünsche" gehörte in meinen ersten Studiensemestern auch zu meinem wichtigsten Büfizeug. Oer Entwicklungsgang des werdenden Babbiners aus dem Westen ist im allgemeinen grundverschieden von dem des Studenten aus dem Osten. Unser Professor "Levy in Breslau, zu dessen ersten Hörens Winter gehörte, während ich zu seinen letzten gehörte, pflegte zu sagen: »Im Osten atmet man jüdisches Wissen mit der Lust ein." Dort in dtr Jeschiba erlebt der Knabe die ganze Welt des »Lernens". Er wächst auf inmitten von Büchern, er sieht anschaulich die ganze Fülle des jüdischen Lehrstoffes. Wenn er zur Hochschule kommt, bringt er das Wissen schon mit. Er lernt dort, den Stoff zu ordnen, methodisch einzugliedern und wissenschaftlich zu verstehen. Oer Student, der ein deutsches Gymnasium besucht hat, hat eine Menge weltliches Wissen. An jüdischen Kenntnissen ist er ärmer. Ihm ist zuerst vielleicht bange vor dem weiten Gebiete der jüdischen ......st...iijitmisimHMii .II...Illllllllllll.IIIIIIIDIII Herr Rabbiner Professor Or. Winter bittet, ihm etwa zugebachte Besuche auf Sonntag, (18, Oktober) vormittag verlegen zu wosten.

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