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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-10-15 · 19 (15.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
19 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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S«tt* 2 Temetudsblatt der Israelttt,ch«» «eltgionßgemetnde Dresden Nr. ty Professor Di\Jakob Winter Von Max Lesser, Geschäftsführender Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Unsere Dresdner jüdische Gemeinde steht an einem bedeutenden Abschnitt ihrer Geschichte: Prof. Or. Jakob Winter, Ende September 1936 fünfzig Jahre als Rabbiner an der Spitze der Dresdner Gemeinde, tn'tt in den wohlverdienten Ruhestand. Dies wird bedeuten, daß es uns nun nicht mehr vergönnt sein wird, unseren lieben und verehrten Prof. Or. Winter von der Kanzel aus zu uns sprechen zu hören,- aber lernen und arbeiten wird er, so wie wir ihn in diesen fünfzig Jahren kennen gelernt haben, auch im Ruhestand, und die dazu notwendige geistige Frische ist ihm ja Gott sei Dank erhalten geblieben. Or. Winter im Jahre 1886' 8s sei mir, dessen Familie, solange ich denken kann, mit Prof. Or. Winter eng befreundet war, vergönnt, ein kurzes Bild der Lebensgeschichte unseres Jubilars aufzuzeichnen; ich fühle mich dazu umsomehr in der Lage, als er selbst mir viel und oft von seiner Irgend erzählt hat, - es ist ein Vergnügen, ihn erzählen zu hören, - und ich seinen späteren Lebensweg als sein Schüler und dann als jüngerer, in Verehrung zu ihm aufblickender Freund mit ihm ging. Jakob Winter wurde im Jahre ii>57 in Eandorf, einem kleinen slovakischen Dorf im damaligen Ungarn geboren. Seine 8ltern hatten eine Bäckerei und Landwirtschaft. In dem Dorf lebten etwa 20 jüdische Familien. Schon sein Vater hatte ein großes Bildungsbedürfnis, er war sogar auf eine beussche Zeitung abonniert, und am Sonnabend Nachmittag versammelte sich die Iudenheit des Örtchens im Hause der 8ltern, um sich von dem Vater Winters die Vorgänge in der Welt erzählen zu lassen. Unser Jubilar meint, daß dadurch auch in ihm trotz seines intensiven Talmudstudiums, welches er seit seiner frühesten Jugend betrieb, daS Verlangen noch profaner Bildung rege wurde. Als er 12 Jahre alt war, starb seine Mutter und der Knabe kam nach Et. Johann, gleichfalls einem Dorf in der Nähe seiner Heimat, um dort weiter, Talmnd zu lernen. Er aß »Täg" (Kosttag«), jeden Tag wo anders und schlief auf dem Backofen oder auf einer Bank. Als er im nächsten Jahr Bar Mizwoh wurde, nähte man aus dem Ehuppe- Nock seines Vaters seinen Bar Mizwoh-Nock; ein Freund neckte ihn deshalb und machte Neime auf denselben! — Oer Vater hatte inzwischen die Schwester seiner verstorbenen Frau geheiratet. Mit 14 Jahren kam Winter zum Talmud-Studium nach Miava; abendswenn der Nabbi am warmen Ofen stand, ging er ins Nebenzimmer zu Ehannele, der Tochter des Nabbi, um von dieser Französisch zu lernen, und um 4 Uhr morgens stand er auf, um beussche, Bücher zu studieren. Für 4 Kreuzer ungarischer Trafik-Tabak, der einen Monat reichen mußte, bas war seine Zerstreuung! Winter sagt selbst, daß er sich nicht erinnere als Kind gespielt zu haben. Arbeit und Entbehrung, das war seine harte Jugend. Schon in Miava schloß Winter Freundschaft mit Dr. Eckstein, dem späteren Bamberger Rabbiner, mit dem er bis zu dessen kürzlichen Ableben oft und gem zusammentraf. Oie beiden jungen Leute gingen bann mit 17 Jahren nach preßburg, wo sie den Vorträgen in der Hochschule für Nabbinats-Kandidaten lauschten. Aber auch preßburg wurde diesen strebsamen jungen Menschen bald zu eng, und sie beschlossen - ohne alle Mittel - nach Berlin zu fahren, um das im Jahre 4873 gegründete Hildesheimer'sche 'TV Frau Grace Winter s. A- Rabbiner-Seminar zu besuchen. In Berlin erwartete sie die große Enttäuschung: Oie Schwierigkeiten der Zulassung zum Seminar waren unüberwindlich, und sie waren schließlich glücklich, zunächst »auf Probe" in die Lehrerbildungs-Anstalt, die damals unter Leitung des Herrn Direktor Horwih stand, ausgenommen zu werden. Dieser erkannte nach wenigen Monaten das ernste Streben der jungen Leute, und nahm sie endgültig als Schüler auf. Oie beiden hatten Stipendien, sie erhielten allmählich einige privatstunden und setzten ihr Studium unter unendlichen Entbehrungen fort; sie hatten zusammen ein Zimmer mit einem Bett, und während der eine ruhte, studierte der andere. Nach dreijährigem Besuch der Anstalt erhielt Winter das Zeugnis als preußischer Dolksschullehrer, auf welches er noch heute stolz ist. Schon damals machte ihn sein Direktor auf einen freiwerdenden Lehrerposten in Dresden mit dem Bemerken aufmerksam, daß er ihn dort empfohlen habe; Winters Streben war aber ein höheres. In Berlin waren die Bildungsmöglichkeiten größere, und er besuchte zunächst als erwachsener junger Mensch das Königfiädter Gymnasium, um sein Abitur zu machen. Noch heute zeigt Or. Winter feinen Freunden gern ein altes zerlesenes Büchlein, welches er damals studierte: »Oie Kritik der reinen Vernunft" von Kant; schon damals war Philosophie das Gebiet, welches ihn fesselte, und ein Philosoph ist er immer geblieben! Wie intensiv Winter lernte, zeigt, daß er noch heute als fast Achtzigjähriger die Oden des Horaz in lateinischer Sprache auswendig kann. Er war schon als junge Mensch ein Verehrer deusscher Kultur, das Studium der deusschen Klassiker war für ihn höchster Genuß.

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