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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-10-15 · 19 (15.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
19 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Rabbiner Dr. Leo Baeck Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und Vorsitzender des Allgemeinen Rabbinerverbandes stellte uns für diese 'Festnummer liebenswürdiger Weise ein GELEITWORT y zur Verfügung. ist eine ganz persönliche Feier, in der di« Gemeinde Dresden den Tag begeht, an welchem vor einem halben Fahrhundert vr. Iakob Winter ln das Amt ihres Rabbiners eintrat. Ein ganz persönliches hat dieses Fest, weil sie beide, Gemeind« und Rabbiner, ihre charakteristischen Züge tragen, beide ihren besonderen Platz in der großen Gesamtheit haben, der sie zugehören. Alles Eigene und Lesonbere, sobald es den Älick auf sich zieht, lenkt ihn aber auch alsbald zu dem Allgemeinen, dem stets und überall Geltenden hin. Denn es gibt nichts persönliches, Ausgeprägtes, das nicht einem Wesentlichen, einem Allgemeinen seinen bestimmten Ausdruck gäbe. Was der Rabbiner, seit se wie heute, ln seiner Gemeinde bedeutet, diese Frage, die sich an aste Rabbiner, an all« Gemeinden immer wieder wendet, wird so zum eigentlichen Gehalt des Tages, den die Gemeinde Dresden und ihr Rabbiner Or. Winter in dem Ernst der Gedanken feiem. Eines ist es, was vorerst und vor allem den Rabbiner kennzeichnet; er ist in seiner Gemeinde der Träger der Tradition. Mag [6er Platz seines Amtes wichttg ober schlicht sein, er darf und soll ln der »Kette der Überlieferung* stehen, sich in der großen Rechenfolge der Rabbiner wissen. Er vertritt das, was nicht erst von heute und gestern und nicht für morgen nur ist, das, was sich von Geschlecht zu Geschlecht im Fudentum bewiesen hat, ln der Gewißheit, daß es auch für die Zukunft Leben und Wert bewahren wird. Lin Rabbiner darf nie dem Tage dienen, nie dem, was sich im Tage erledigt und erschöpft, dem Modemen ober dem politischen, untertan sein. Er sost dm Tag und die Pflicht des Tages kennen, aber seine Arbeit soll nie aufhören, dem bletbendm jüdischen Leben zugewandt zu sein. Oer Seist der Tradition, der Sinn für den großm geschichtlichen Zusammenhang kann ihm die innere Freiheit geben, diese seelisch« Unabhängigkeit, deren sein Amt bedarf. Als dieser Träger der Tradition ist der Rabbiner zugleich Träger der jüdischen Semeinschaftslbee, der Idee des „Klall Iifrael". Gewiß, er steht in seiner Gemeinde, fle ist ihm mehr als die zeitweilige Glätte feiner Tätigkeit, von der er leichthin zu einer anderen fortziehen könnte, sie bleibt ihm seine Gemeind«. Aber er fleht fle und erlebt sie innerhalb des jüdischen Sesamtkreises. Sein Judentum hört ihm nicht an der. Grenze seiner Gemeinde oder des Gemeindeintereffes auf. Er ist Rabbiner seiner Gemeinde, aber eben dämm weiß er sich zugleich als Rabbiner der »Gemeinde Iakobs*, als Rabbiner der großen jüdischm Gemeinschaft. Mle seine Arbeit in seiner Gemeinde erhält für ihn dm ganzen Ginn erst dadurch, daß sie, zu ihrem Test und in ihrem Gebiet, ein Wirken innerhalb der jüdischen Gesamtheit ist. 8ie ist um des großen Ganzen willen da. Darin erhält sein Amt seine wahre Würde. * Oer Älick für daS Ganze der Zeit, wie ihn der Sinn für die Tradition gewährt, die Erkmntnis deS Ganzm der Aufgabe, wie sie der Ginn für den »Mall Issroel* weckt, kann dann ein Schließliches, Ensscheidmdes wach erhalten: dm Willen zum »Lernen*, dm Wisim zur jüdischen Wissenschaft. Sie ist ganz eigentlich dem Rabbiner anvertraut, und kein anderes Wissm und Können kann sie ihm ersetzm. Mag der Streich dieser Arbeit für dm einene nger, für den anderen weiter sein, mag sie dem einen den reichm, dem anderm dm bescheidenen Ertrag bringen, kein Rabbiner darf ihrer ganz entraten. Oer Aufgabe, wie sie jeder Tag ihm bringt und wie sie in jedem Mmschen seiner Gemeinde an ihn herankommt, tut das keinen Abbmch. Fm Gegegentesi, aus dem Wissen um das Fudmtum erwächst das lebendigste Verständnis für dm einzelnen Juden, für das vor allem, wessm die jüdisch« Seele bedarf und was ihr nottut. In diesem Wissm erlangt das Amt seine Höhe. An dem Mgemeinen wird bas persönliche ganz begriffm. In dem, was von Amte des Rabbiners gesagt wird, diesem alten und immer neuen, spn'cht daS persönliche unseres Iubilars sein deutliches Wort. Ein halbes Iahrhundert legt davon Zeugnis ab, daß Professor Iakob Winter ein Rabbiner ist.

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