Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (15.9.1936)
- Date
- 1936-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Temetabeblatt bet Israelitischen Reltgion»gemetnde Dresden Rr. 17 Kulturbünde und Laienmusik r* Vor 1933 richtete sich die kulturelle Betätigung des einzelnen Inden nach feinen Bedürfnissen. Völlig neuartig war nach dem i. April 1933 für uns das Gebiet der Kulturarbeit. Was früher als öffentliche Aufgabe für Alle angesehen wurde, mußte nun für den eigenen Kreis gemeistert werden. Oie vollständige Ausgliederung aus den geistigen Berufen wie Musik, bildende Kunst, Theater und Presse führte zur Gründung der Kulturbünde. Was zunächst nur wie Arbeitsbeschaffung aussah, verlangte nach einem geistigen Unterbau. Unsere i'üdischen Künstler übernahmen selbst die Verantwortung für unsere Kulturarbeit und stellten die für uns Juden äußerst wichtige Funktion auf den ihr zustehenden Platz. Dabei half die Begeisterung und Tatkraft des Publikums mit, das in der Zeit schwerster Bedrängnis dieser großen Aufgabe zum Siege verhalf. Trotz dieses schönen Ergebnisses ist unsere Kulturbundarbeit weit davon entfernt für einen längeren Zeitraum als endgültig gesichert zu gelten, wenn wir nicht die folgenden drei Punkte dauemd im Auge behalten und deren Durchführung ständig beachten: 1. Oie Kulturarbeit in den jüdischen Schulen. 2. Erziehung des Laiennachwuchses zu aktiver Kunstbetätigung. 3. Oie Förderung des i'üdischen Künstlernachwuchses. Einer der wesentlichsten Faktoren in der Erziehung zur Kultur ist die Schule. Eie hat die Aufgabe unsere Fugend zu harmonischen Persönlichkeiten zu formen und ihr in den wichtigsten Disziplinen Anleitung und Anregung zu geben. Wir unterscheiden die Kultur des Körpers, des Geistes und der Seele, also den sportlich Gestählten, den zum klaren Denken Erzogenen und den Guten, Edlen und Hilfreichendas alles bildet zusammen den harmonische Menschen, llnst eisig gehört die Musik zur Kultur der Seele, ganz besonders als Ausgleich für die wissenschaftlichen und sportlichen Fächer. Diese Kunstgattung verlangt vor allem Güte, vornehme Gesinnung, Ritterlichkeit und neben der Ausbildung zur Einzel- Persönlichkeit auch die Einordnung in die Gemeinschaft. Und gerade diese Eigenschaften sind erstrebenswert und müssen durch Erziehung erworbm werden. Diese Erziehung sollten die Schulen systematisch ermöglichen, wie es die Berliner jüdischen Schulen mit der Berufung des hervorragenden Musikers Erwin Fospe gewährleisten und wie Stuttgart es mit -der Betreuung Karl Adlers durchführt. Selbstverständlich stoßen diese Beispiele für viele Gemeinden schon aus finanziellen Gründen auf große Schwierigkeiten, zumal die Vielseitigkeit der auf ihnen ruhenden Lasten täglich größer wird. Es ist jedoch zu erwarten, daß bei dem allmählichen Aufbau unserer jüdischen Schulen die zuständigen Stellen auf den Aufbau der Kunsterziehung großen Wert legen und Mittel dafür bereitsiellen. In diesem Zusammenhang müß auch die Frage des Privatmusikunterrichts behandelt werden, der in den letzten Fahren erschreckend zurückgegangen ist. Die Beanspruchung der Fugend durch die Fugendbünde und Sportverbände ist vielfach für diese Tatsache maßgebend, wobei nicht deren Wichtigkeit bezweifelt werden soll. Bei guter Einteilung der zweifellos vorhandenen Zeit dürfte es den Eltern EIN SCHONER MANTEL! Der ERES-MANTEL ist in jeder Einzelheit besonders gut und wertvoll gearbeitet, sodaB Sie nur Freude empfinden, wenn Sie ihn besitzen. Wir führen ihn! Laer & Sohn SlIB KÖNIGOOHÄNN-STBflSSf nicht gleichgültig fein, ob ihre Kinder Geige oder Klavier üben, oder ob sie nur für den Sport Interesse haben. Für die an die Fugend gestellten Anforderungen in der Schule sehen sich die Eltern ja auch ein, also ist die Anhaltung zur Kunstbetätigung nur eine Erziehungsfrage. Wir Fuden können es nicht dem Zufall überlassen, daß unser bisheriger Nuf als kunstliebend und kunstverständig zu gelten, durch Vernachlässigung der Ausbildung unseres Nachwuchses verloren geht.- Mit der Förderung der Musik in Schule und Haus geht Hand in Hand die Erziehung der Fugend zu akttver Kunstbetcktigung. Wird der Musikunterricht in den Schulen richtig betrieben, so dürfte es nicht schwer fallen, die für die Musik besonders Begabten herauszufinden und deren Begabungen in geeigneter Weise zu fördem. Auch die Fugendbünde könnten zur Musikerziehung einen wertvollen Beitrag leisten, wenn sie auf die Qualität und die Stoffauswahl im „Singen* mehr Gewicht legen würden. Offene Singestunden, die für die Angehörigen und die Mitglieder aller' Bünde offen stehen, würden sich segensreich für unsere ganze Kulturarbeit auswirken. Fn Berlin hat Karl Adler, Stuttgart, im Aufträge des Fugenddezernates der Füdischen Gemeinde ein Seminar eingerichtet, wo von den Bünden geeignete Fugendliche ausgewählt wurden, die nach längerer Ausbildungszeit in der Lage sind, auf dem Gebiete des Gemeinschaftssingens fachmännische Anleitung zu geben. Mit der Inangriffnahme dieser Aufgabe für alle Fugendbünde unter einheitlicher fachmännischer Führung würde unserem jüdischen Kulturleben in Deutschland ein ungeahnter Auftrieb gegeben. Oie Bildung von Instrumentalgruppen unter gleichen Voraussetzungen ist anzustreben. Fn Dresden wurde mit Unterstützung der zuständigen Stellen die GründungeinerFnstrumentalgemeinschaft unterderLeitung von Walter Goldmann durchgeführt, die bereits am 17. Oktober anläßlich des Amtsjubiläums von Nabbiner Professor Or. Winter erstmalig vor die Öffentlichkeit tritt. Diejenigen, die bisher bas Musizieren in ihrem Kreise gepflegt haben, sollen zusammengefaßt der Stamm sein, der eine neue Hörergemeinde unseres Kulturbundes erziehen hilft. Durch eigenes Musizieren sollen die Menschen an das Schöne und Edle herangeführt werden und dann erst wird das Verständnis für die großen Leistungen unserer Kulturbundorchefler Berlin und Frankfurt und für andere Aufführungen großer Künstler die Nesonanz finden, die immer vorausgesetzt wird. Oie Laienmusik soll nicht Ersah für große Spitzenleistungen sein, sondern die Voraussetzung schaffen, daß die großen Kunstleistungen eine aufnahmefähige Zuhörerschaft vorfinden. Mit der Förderung unseres Künstlernachwuchses ist es leider sehr schlecht bestellt. Nicht etwa weil er nicht da ist, oder weil er nichts leistet. Das Publikum besucht nur die Veranstaltungen, wo es angezogen durch den Namen eines prominenten Künstlers glaubt, seine Wünsche nach Kunst erfüllt zu sehen. Er vergißt dabei, daß die Kulturbünde eine Neihe bester Leistungen im Laufe einer dreijährigen praris ausgewählt haben, die trotzdem sie noch keinen großen Namen tragen, zu dem hoffnungsvollen Nachwuchs gehören. Das Publikum vergißt, daß ein großer Teil der prominenten auf Auslandsposten abberufen ist und für unsere Kulturbundarbeit so gut wie verloren ist und daß es gilt, diese Lücken aufzufüllen. Mit der Unterstützung unseres Künstlernachwuchses sieht und fällt unsere Kulturarbeit, denn jetzt schon macht sich ein Mangel an neuen Studierenden bemerkbar, da es künstlerisch und wirtschaftlich fast keine Aussichten gibt. Es müßte sich jeder Fude zur Ehre anrechnen, wenn er für die Entwicklung unseres jungen Künstlernachwuchses durch den Besuch von Veranstaltungen nichtprominenter Künstler Sorge trägt. Walter Goldmann. Geschäftliches Oer heutigen Ausgabe des Gemeindeblattes liegen Beilagen der Neichsvertretung der Fuden in Oeusschland und des Fsr. Familienblattes bei, die wir der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen.