Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (15.9.1936)
- Date
- 1936-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17 Seit« 7 Temeindeblatt der Israelitischen Religiontgem«inde Dresden Dame Ko-ol- Lufispiel von Qalderon in der Nachdichtung von Hugo von Hofmannschal Zur Aufführung Im Kulturbund am 25. Oktober 1936 (Hon Pr. Hans Suxbaum, Regisseur des Hamburger Kulturbundtheaters) Es ist wenige Jahre her, seit man den 250. Todestag des großen spanischen Dichters Lalderon in allen Kulturländern gefeiert hat. Allenthalben wurden aus dem reichen Schatz seines oeuvres Werke von ihm gespielt. Mit Bewunbemng konnte man feststellen',' daß sie die heutige Welt nicht minder anrührten als zur Zeit ihrer Entstehung. Oie These, daß das, was ein SeniuS geschaffen, zeit los ist und Ewigkeitswert besitzt, bewies sich von neuem. Nicht spanisches Drama, nicht Barocktheater stand auf der Sühne, sondern überall sich abspielendes, immer die Menschen erregendes und bewegendes dramatisches Geschehen. Ob es sich um den „standhaften Prinzen" handelte oder um „Oer Traum ein teben“ oder um die „Andacht zum Kreuzt oder den „Richter von Zalamea"7 war ganz gleichgültig. Besondere Perlen aber in der Krone Ealderon'schen Schaffens stellen zwei Werke dar: „Das große Welttheater", jenes Mysterienspiel tiefgläubiger menschlicher Demut und sein heiterer Gegensatz, die „Dame Kobold". Seide Werke sind durch die Regie kunst und die dramuturgische Gestaltungskraft Max Reinhardt's der Sühne wiedergeschenkt worden. Zu der glücklichen Wiederer weckung von „Dame Kobold" trug allerdings noch ein weiterer Umstand bei, die kongeniale Nachdichtung und Nachformling Hugo von Hoftnannsthal's. Zu dem südländischen Temperament Ealderon's gesellt sich die anmutige Grazie des Wieners. Als Äearbeiter drängt er, was noch an zeitgebundenen Merkmalen in der Dichtung vorhanden ist, zurück und hebt den menschlichen, allgemein gültigen Inhalt ins hellste Licht. Als Übersetzer erweckt er in Versen von hinreißmdem Rhythmus und Narster Plastik daS Wort Ealderon's zu neuem Leben. Ein bezauberndes LiebeSspiel geht über die Sühne, losgelöst von aller irdischen Schwere und heiter gelockert und dabei zarteste menschliche Sindungen anrührend. Wie die schönsten Shake spear'schen Lustspiele die Tiefe des Empfindens mit der Freude des Komischen verbinden, so auch hier im Werke des Spaniers. „Don Manuel" und „Donna Angela" könnten genau so „Orlando und Rosalinde" in „Wie es Euch gefällt" sein oder „Viola und Orsino" in „Was Ihr wollt". Um sie herum schwingt der Reigen lustiger Kobolde, das zierliche Zöschen „Isabella". der phlegmatische Lakai „Robrigo", und endlich Urbild und Urform klassischen Humors der „Eosme", Diener von allen Graden, in allen Sätteln reitend, mit allen Wassern gewaschen, alle Geister des Humors springen lassend, verschmitzt und lügend, bramarbasierend und ängstlich und im Grunde ein Kerl, den man lieb haben muß und der im Nu die Herzen gefangen nimmt. Mti der Struktur der Komödie ist auch ihre Insrenierungsart gegeben. Dem Werke treu spielt das Stück als Eomedia bell' Arte. Nichts ist tragisch, alles ist heiter, sonnig, gelockert. In südländischem, festlichen Treiben (die Geburt des Infanten Salthasar feiernd) wogt das Spiel auf und ab. Ein puppenhauS mit seinen Zimmem, auf die Sühne gebannt, mit seinen Treppchen und Erkern, seinen Schlupfwinkeln und Geheimtüren dreht sich vor den Augen des Publikums. Oie Figuren des Spieles huschen hindurch und spinnen den Faden der Handlung in lustigem Reigen weiter. Oer Schauspieler sei Mittelpunkt der Inscenierung, mit allen seinen komödiantischen Gaben uns erheitemd und uns rührend. Unter diesem Motto siehe der Abend, der "Dame Kobold" gewidmet ist. Fern von der Vergänglichkeit aller Tagesliteratur wird «in Werk ewig menschlicher Geltung geboten. Es ist die große scenische Aufgabe, die sich der Hamburger Kulturbund gestellt hat. Sie möge denselben glücklichen Ausgang nehmen wie die Aufführungen der klassischen Werke, die er im vergangenen Jahre veranstaltet hat, „Komödie der Irrungen" und „Hamlet". 4*> Gastfplel^es^amburger Kutturbun-theaters 1. Abouuementsveranstaltung 1936/37: »Tageszeiten der Liebe" Man tut der ganz originellen Aufführung dieses sich durch drei Akte hinziehenden Konversations- und' Liebesspieles zweier Menschen gewiß nicht Unrecht, wenn man den Abend, der eine neue Ära eröffnen sollte, nach dieser Richtung noch zur Gommerspielzeit rechnet. Denn der auf deutschen Sühnen nicht unbekannte Autor des „Eraüipolo" ist an sich ein witziger und sogar ein poetischer Kopf mit einer Vorliebe für absonderliche Situationen. Hier sollte nach dem Titel wohl zum Ausdruck gebracht werden, welch Wechselspiel der Gefühle den Menschen von Morgens bis Mittemacht. überkommt, und es ist in der Tat richtig beobachtet, daß wir unser Leben im frischen Morgen oft anders empfinden als zu schwüler Mittagsstunde oder unter dem mondklaren Himmel einer romantischen südlicheu Sommernacht. Diese literarisch bemerkenswerte Grundidee kam aber nicht rein, höchstens nebenbei als Stimmungsfaktor zur Geltung, denn was wir sahen, war nicht das lseinerzeit im Alberttheater gespielte) Stück von Dario Nicodemi, der unseres Wissens kein Jude ist, und seines Übersetzers Kahn sondem ein revueartig aufgezogener kleiner pirandello im. Orcigroschenoper- oder Vier-Nachrichtersiil. Hans Äuxbaum als'Regisseur und Kurt Äehrens, der Musiker, glaubten offenbar dem Italiener nachhelfen zu müssen und so taten sie des Guten zuviel, und das war dann nicht mehr gut. Und_ da erhebt sich die hier nur anzudeutende Frage,-ob denn überüberhaupt jedes Lustspiel, jeder Komödieneinfall unter Musik gesetzt werden muß, wobei hinzugefügt sei, daß die in gefällige Rhythmen gefaßten Kuplets - „j'y pense", ich denke wirklich besonders daran — z. T. ganz nett waren, während die das große Publikum ziemlich kalt lassenden - Opcrnparodicn und dergleichen nicht dem Niveau dessen entsprochen, was auch im Kulturbund billigerweise zu fordern ist. Wir dürfen cs uns nicht leicht machen und müssen auch in künstlerischer Disziplin streng gegen uns selbst sein. Auch die vom Dramaturgen hjnzukomponierte Ansagerin Madame T war überflüssig, so sehr sich auch Edith Herrslik bemühte, hier den rechten Stil als Dsseuse in Verbindung mit Herrn Behrens am Flügel zu finden. Restlos erfreulich in der körperlichen Erscheinung wie in der Verlebendigung ihrer Gefühlsaufwgllungen wieder Lisel-otte Eohn, ihr Partner Alfred Berliner, auch voll Humor und Aktivität, ist nur kein Liebhaber. Und was die Bearbeiter den durch die Wand sprechenden Familienmitgliedern an Spott übergießen lsicher auch vom Autor nicht so gewollt), machen sie bei happy end wieder gut, indem sie sie einzeln vor der Rampe aufmarschieren lassen, mit einem Wort: Revue-Rudimente eines Kunstbetriebes, der uns schon veraltet vorkam, und dessen Wiederaufleben wir im allgemeinen auch vom jüdischen Standpunkte aus nicht wünschen oder gar fördern wollen. Hinzu kam noch, daß der große Raum wieder die intime Wirkung hinderte, und daß wir in unserer seelischen Beschwernis nicht aufgeschlossen genug sind, um uns solchen Nichtig- und Niedlichkeiten mit Muse hinzugeben. Das sollte man in Zukunft bedenken, doch bürgen zunächst Namen wie Ealderon und Möllere dafür, daß das weitere Winter-« Programm uns nun wirklich Geistesgut von Größe und Kultur- I wert vermittelt. Or. Richard Elb reb. 5. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRI VAT BAN K HAUS 1 8 4 '9 SEESTRASSE 14 RUF 25955