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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-07-01 · 13 (1.7.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
13 (1.7.1936)
Date
1936-07-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Jsraelitiichen ReligtonSgemeinde Dresden llr. lZ k.inürücke von einer Warschauer Reise III. Aus dem Kunstleben Warschaus Oie große Oper Warschaus sieht natürlich im Mittelpunkt des mujfkalischen Interesses. Leider war die im Laufe der letzten Theater- Saison oft aufgesührte jüdische Oper »Oer Oybuk" Text von Anski, Musik von dem Italiener Rocci, während meiner Anwesenheit nicht im Repertoire. In dieser Oper, die von dem ständigen Generalmusikdirektor Adam Oolzycki geleitet wurde, soll mit großer Wirkung der im vorigen Bericht erwähnte Synagogenchor gasiweise mitgewirkt haben. Oie musikalische Einstudierung fast aller Opernwerke hat der zweite Kapellmeister der Großen Oper unter sich, uns Dresdnern als ausgezeichneter Musiker, in lebhaftester Erinnerung: Kapellmeister Iosef Gold sie in, der in Oresden als tüchtiger Korrepetitor an der Staatsoper unter Generalmusikdirektor Busch und lange Iahre als ausgezeichneter Klavierbegleiter geschätzt war. (feine, zahlreichen hiesigen Freunde wird es interessieren zu erfahren, daß'Goldstein an der Großen Oper Werke wie: „Afrikanerin", „Traviata", „Bajazzo" und „Fliegender Holländer" dirigiert. Weiter horte ich von ihm die in Warschau sehr gefallende amerikanische Operette „Rosemarie", die sich neben Abrahams „Rose von Hawaii" lange im Spielplan hält. Goldstein leitete auch zahlreiche Orchester-Konzerte nicht nur in Warschau, sondern auch in Krakau nnd Lemberg. Konzerte mit Mozart'schen Sinfonien und Beethovens Eroica, sowie Wagner-Abende wurden mir besonders gerühmt. Ich hörte von ihm eine Konzert-Matine Sonntags in der Philharmonie, in der er Schuberts Unvollendete Sinfonie h-moll mit dem Orchester sehr stilvoll vortrug und außerdem eine Ur-Aufführung brachte: einen Eyklus von 6 Gesängen, betitelt: „Oie Stadt" von dem jüdischen Komponisten Maximilian Zentnerschwer für Bariton mit einem Oktett von Instrumenten. In der Oper hörte ich außer ausgefeilten Aufführungen von puccinis „Butterfly" und Verdis „Rigoletto" noch ein eindrucks- .. volles Konzert von Kammersänger Alexander Kipnis, den wir Oresdner im letzten Winter in einem Kulturbundabend in unserer Synagoge bewundern konnten. Kipnis sprach mir von diesem Oresdner Konzert als von einem für ihn sehr schönen Künstlererlebnis. Sein Abend in der Großen Oper in Warschau, dessen Besucher wohl über so V, Iuden waren, war von einem Riesen- Programm ausgefüllt, das er mit höchster Kultur der Stimme und einem oft an Schaljapin erinnernden Ausdruck wiebergab. Außer Arien von Verdi aus „Oon Earlos" und „Boccanegri" (auf italienisch) sang er wundervolle Lieder von Franz Schubert auf deutsch von denen „Oer Wanderer" und „Ständchen" unbeschreiblichen Beifall fanden. Oie französische Musik war mit einer Mephisto-Arie aus „Margarete" von Gounod vertreten, und in russischer Sprache erstanden im originalem Stil von Moufforgsky: Szenen aus ,„8oris Godunow", sowie sein berühmt gewordenes, gewaltighöhnisches „Lied vom Floh". Vach seinen 5 russischen Volksliedern mußte Kipnis noch ein ganzes Programm von Zugaben schenken. Aus den sonst noch Warschau im Frühling faszinierenden Konzerten sei außer Beethovens Veunter Sinfonie unter dem sehigen Leipziger Gewandhausdirigenten Hermann Abendroth für uns noch ein Konzert von Bronislaw Huberman hervorgehoben, das unseren großen jüdischen Geiger mit einem klassischem Programm (u. a. Beethovens Kreutzer-Sonate) auf der Höhe seines reifen aber immer von glühenden Musik-Impulsen getragenen Meisterspiels zeigte. Eva Büttner. h } Dresdner Gedenkfeier für Vahum Sokolow Oie Iewish Agency als die überparteiliche Organisation für den Ausbau. Palästinas, hatte zu einer Gedächtnisfeier eingelaben für ihren Ehrenpräsidenten Vahum Sokolow, der zugleich Ehrenpräsident der zionistischen Welt-Organisation war, und am 17. Mai, 75 Iahre alt, unerwartet in London gestorben ist. Oer Veubau unserer Synagoge war dicht gefüllt von Persönlichkeiten unserer.Gemeinde, die ihrer Trauer um diesen hervorragenden jüdischen Mann Ausdruck geben wollten. Oie Feier wurde eröffnet durch musikalische Oarbietungen. Herr Kantor Halmos hatte einen liturgischen Gesang „Michtom l'Oowid" von Kgl. Musikdirektor Oberkantor Aron Friedmann ausgewählt, der selbst vor 14 Tagen verschieden ist. (Wir haben Friedmanns schlichte, tief-empfundene jüdische Kompositionen bereits bei der hiesigen Aufführung seiner Vertonung von Maimonides „13 Glaubenslehren" hervorgehoben). Halmos sang diesen Psalm 16 mit innigem Ausdruck seiner 'chönen Stimme, ebenso eindringlich wirkte von ihm die altgebräuchliche Trauer-Liturgie „El Mole rachamim", eine tief-berührende Komposition unseres Oberkantor Raphael Hosstein. In einem jugoslawisch-jüdischen Liede „Hanschomo loch" und dem palästinensischen „Hajarden" zeigte sich auch der Halmos'sche Ehor. mit stimmungsvollen Leistungen, begleitet am Harmonium von Walter Gol^mann. Für die Gedenkrede war Landgerichtsdirektor a. O. M. Alterthum (Leipzig) gewonnen worden, der in sehr würdigen, tief-eindringenden und persönlich gefärbten Ausführungen uns ein Bild dieses Führers zeichnete, mit dessen Tod geradezu eine Epoche der zionistischen Bewegung abschließt. Oie Führerpersönlichkeit zeichnete der Redner in ihrer Gesamtauswirkung, sowohl den Führer der Aufklärungs- Epoche der „Maskilim", dann den Führer im jüdischen Iournalismus, beginnend als 70-jähriger hebräischer Redakteur mit seiner führenden Zeitung sioreiirah. Hier wußte sich der Vortragende kaum genug zu tun über den Stilisten Sokolow, von dem er eine längere Ansprache auf einem zionistischen Kongreß über „Oie hebräische Sprache" vorlas,-einen glühenden Hymnus auf das! klassische Hebräisch der biblischen Bücher bis zu der modernen lebenden Gebrauchs-Sprache. Sokolow führte aber auch als geistiger Erzieher seine ostjüdische Generation durch die populäre Vermittlung seines großen Wissens innerhalb der europäischen Bildung. Vicht nur die ganze große Literatur, die Klassiker wie Modemen, sondern auch alle Gebiete der Philosophie, Vaturwissenschaften, Geschichte und Geographie wußte er seinem jüdischen Volke in unzähligen Zeitungsartikeln, Sammlungen und Büchern nahezubringen. Eine besondere Kraft wohnte Sokolow als Redner inne. Dir. Alterthum erinnert sich noch aus seiner Berliner Studentenzeit, welch' frenetischen Beifall Sokolow damals schon in kleineren Etudenten-Versammlungen hatte. Sokolows große Propaganda- Reisen waren stets gekrönt von bedeutenden Erfolgen. (Hier sei als Beispiel auch auf die ungewöhnlich lebendige Schilderung Hermann Schocken in seinem Gedenkartikel vom l. 3unf 1936 in Vr. li unseres Gemeindeblattes hingewiesen, wie Sokolow seine Attionen auch in Amerika durchführte). Daß er als Diplomat und Staatsführer besonders große Begabung hatte, zeigte seine überlegene Führung auf den zionistischen Kongressen und ähnlichen Tagungen, wo er mit höchster Wachsamkeit und zugleich verbindlicher Objektivität seiner höchsten Ämter waltete. So konnte Or. Ehajim Weizman mit Recht von seinem Freunde Sokolow sagen: „Wenn ich von ihm spreche, ist es mir beinahe, als spräche ich von mir selbst." — Anschließend an die eindringliche Rede rezitierte Hermann Schocken noch das Kaddifch-Gebet für Sokolow, zu dem die Anwesenden stehend die Responsen und das Amen mit aufrichtiger Anteilnahme sprachen. E. B. 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