Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 12 (15.6.1936)
- Date
- 1936-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Nr. 12 ©emeinbe&latt bet Jsraelittiche« ReligionSgemeinbe Dresden für dir Kraft zur Frage: »Wer bist du und wie bist du so geworden?* Unsere Welt braucht nicht eng zu werden^ wenn wir selbst weit bleiben. Es sind genug unter uns, die dazu Helsen können, den lebendigen Strom der Welt durch jüdische Herzen zu leiten. JR. W. Wir möchten diese Ausführungen stark unterstreichen. „Unsere Welt braucht nicht eng zu werden, wenn" - so möchten wir fortfahren — wir uns selbst nur ernstlich bemühen, geistig nicht zu verkümmern. Wir brachten im Gemeindeblatt vor einiger Zeit einen Artikel von Rabbiner Baeck „Bildungsenge?" betitelt, wann anstelle der früheren Verflachung im Bildungsbetrieb Vertiefung und Eindringen in die Biidungögüter gefordert worden ist. Hierzu aber können wir heute, wo wir uns am Geschehen der Umwelt weniger beteiligen, bester gelangen al« zuvor und dies ist ein großer Vorzug, den es zu nützen gilt. ' Oie .Gemeinde will das ihrige dazu tun durch Förderung von geistigen Arbeitsgemeinschaften. Auch von seiten der jüdischen Lugend Dresdens liegt eine diesbezügliche Anregung vor. Wir bitten, dem Gemeindeamt ThememWvnsche schriftlich bekanntzugeben. Oie Gemeinde wird, wenn ihr die Themen vorliegen, deren Behandlung einem größeren Kreise von Mitgliedern wichtig erscheint, sich bemühen, geeignete Leiter der einzelnen Arbeitsgemeinschaften zu finden, und wir teilen die Zuversicht der Verfasserin unseres Artikels, daß „genug unter uns sind, die dazu helfen können, den lebendigen Strom der Welt durch jüdische Herzen zu letten". Eindrücke von einer Warschauer Reise Unsere Mitarbeiterin, Frau Prof. Äüttner, seht mit diesem Veitrag den in Rr. 1» begonnenen Veisebeiicht fort. Wie schon in dem vorigen Bericht über die Einweihung der Iudaistischen Hauptbibliothek in Warschau angedeutet wurde, ist der Gottesdienst in der »Großen Synagoge", dem eigentlichen Vepräsentationstempel von Warschau, von besonders ausgewählten hervorragenden Kräften getragen. Es wurde mir dabei bewußt, welches geheimnisvoll stark»- Band die Gebetsliturgie des Gottesdienstes ist, die alle jüdischen Gemeinden der Welt umspannt. OieGebetsordnuug, die ich in der Großen Synagoge kennen lernte, ist von unserem hier gewohnten Vitus (Minhag) nicht ssehr unterschieben, da man dort auch den Minhag Aschkenas anwendet, während ich in kleineren Warschauer Gebetsälen (Klausen) einen etwaS abweichenden Minbag-Polen hörte. Mit dem italienischtürkischen und dem sephardisch-portugiesischen Vitus besteht kein Zusammenhang,- in dev bereits erwähnten Ausstellung handgeschriebener Seltenheiten und alter Orucke anläßlich der Eröffnung der Bibliothek konnte man in einer Anzahl seltener Exemplare von Gebetbüchem — 5iddur und Machsor — diese verschiedenen Gebetordnungen vergleichen. Wie überraschte eS mich, in diesem großen GotteShauS beS jüdischen Ostens recht weitgehende Übereinstimmung mit unserer in Deutschland gebräuchlichen aschkenasischen Aussprache deS Hebräisch zu finden! Das polnische u statt unserem o, und i statt II. Eindrücke des liturgischen Gottesdienstes meisten Ehorsänger doppelt bewundernswert ist. (Oer hier gehörte Winawer Ehor nnd auch manche Stücke des Oon-Kosaken-Ehors erinnern im Charakter stark an die Art dieses Eynagogen-Ehores.) Eigenartig wirken die Akkorde in Brumm-Stimme, wodurch der Klang der Orgel, die im dortigen Gotteshause keinen Platz hat, erseht werden soll. Oer andere künstlerische Faktor für den starken Gesamteindruck ist der dortige Oberkantor Moses Kussewihki, der - aus Vosiow am Oon stammend, wo ihn der Ehorbirektor Eisenstadt in seinem dortigen Ehor entdeckte, an der berühmten Wilnaer Kantorenschule ausgebildet und später dort amtierend - vor acht Fahren als Nachfolger von Ssirota in Warschau gewählt wurde. Außer seinem gewaltigen Heldentenor, der den Kuppelbau der Großen Synagog ohne Anstrengung füllt, weiß er die Gesänge wirklich als Gebete mit einer Inbrunst vorzutragen, die aufs Tiefste ergreift. Dieser Ehasan gilt dort mit Vecht als »Scholiadi zibbur« (Abgesandter der Gemeinde). Doch möchte ich nicht dadurch, daß dieser ungewöhnliche Ehasan von mir so besonders hervorgehoben wird, das hochansehnliche Niveau der anderen gehörten Vorbeter Herabdrücken, von denen ich einen Kantor Scheermann wegen seiner besonders klaren Oiftion erwähnen möchte. In den liturgischen Gottesdiensten, die ich Gelegenheit hatte, in den Schluß-Peßachtagen und Sabbaten zu besuchen, waren einige mir unvergeßliche Höhepunfte. Das »Hallel« wird ungeunserem u, und ei statt eb, und u statt unserem au hörte ich I wohnlich musikalisch-charakteristisch durchgeführt: jubelnde »Hallelufah« nur in kleineren Bethäusern; nur das eu (z. B. eleubim statt I wechseln mit fugierten Ehorstellen, die die »hüpfenden Berge" elaubim) war allerdings überall gebräuchlich. Wie sehr dabei die traditionelle Landesgewohnheit auch Gesühlsbetonung annimmt, konnte ich in einem Gespräch über diese Aussprache sesistellen: man empfindet dort unser au z. B. in »Kewaudau« theatralisch und hart, während wir doch das häufige weichliche eu als den erhabenen Ausdruck beeinträchtigend empfinden. Oer Gottesdienst in der Haupt-Synagoge ist musikalisch so reich ausgestattet, daß oft geradezu der Eindruck eines Oratoriums entsteht. Es ist seltsam, wie einheitlich der Gesamteindruck ist, wenn auch die einzelnen Gebetstücke von so verschiedenen Komponisten, wie: Vaumbourg, Sulzer, Birnbaum, Baer, Meisel, Lewandowsti, Allman und Eisenstadt herrühren. Oer dortige Dirigent - des Ehores David Eisensiadt versteht es meisterlich, die einzelnen Kompositionen aufeinander abzustimmen und häufigen Wechsel in den Fassungen vorzunehmen. (Ich lemte im Gottesdienst vier verschiedene Keduscbab und drei Lecbo daudi kennenaußerdem durfte ich bei einem Besuch in seinem Hause noch zahlreiche weitere wertvolle Kompositionen aus Eisenstadts Feder am Harmonium durchspielen: ein »Lechu nerancnü«. »Tauw lehaudaus* mit Ooppelfuge, »Lecho daudi« u. a). Oer aus 80 Knaben und Männern bestehende Ehor ist bewundernswert durchgebildet, insbesondere ist die absolut reine Intonation in den verschiedenen Klangstärken vom leuchtendsten Forttssimo bis zum verhauchenden piano unermüdlich geschult, was bei der Notenunkenntnis der ausdrücken sollendas *Mo — oschiw« sang der Vorbeter erschüttemd, ebenso wie das »hauschioh— no« (»Hilf doch!") und das vorhergehende »Min — hamezar« (»aus der Enge n'ef ich - ") von gewaltigem Eindruck ln ihrem Wechselgesang mit der Gemeinde waren. Auch das »Schema Iisroel" beim Ausheben der Thora wird zu einem gleichzeitigen erhabenen Gesang von Vorbeter und EIN SCHONER MANTEL! Der ERES-MANTEL ist in jeder Einzelheit besonders gut und wertvoll gearbeitet, sodaB Sie nur Freude empfinden, wenn Sie ihn besitzen. Wir führen ihn! Laer & Sohn NUR KÖNIG 'JOHANN-STRASS F