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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-06-15 · 12 (15.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
12 (15.6.1936)
Date
1936-06-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Der Israelitischen Religionsgemein-e Dresden Amtliches Organ des Semeindevorfiandes MeiluWbllltt des SDWeil MMWni SeMindroerblliide; Verantwortliche Schristleltung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische ReligionSgemeinbe Dr«sben-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternllcht, Dresden»A. IS, Etübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / / Die 4 mal gespaltene ^H-mm-Zell« kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. (Srphnert, Dresben-A. 1, Ammonstr. bl XII. Zahrg. Dresden, den 15. Juni 1936 Nummer 12 ✓ WIRD UNSERE WELT ENOt 3n diesen Tagen klagte vor mir eine jüdische Frau, ein Mensch, geistig, klug und mit der Kraft, anderen von ihrem Wissen und Können abzugeben: »Unsere Welt wirb eng!" Sie sprach aus ihrem Beruf und Arbeitskreis her, sie sah ihre geistige Arbeit, Lehre und Rede verengt auf den rein ^jüdischen Bezirk und bezog sich wohl mit dieser Klage in erster Linie auf die Forderungen, die aus hem Kreise jüdischer Frauen an sie, wie an uns alle, gestellt werden. Wenn eine solche Frau eine solche Klage äußert, ist sie es wert, daß man sie durchdenkt. Denn im ersten Aufwallen des Gefühls widersprach ich ihr—und dieser Widerspruch stammt aus den Bezirken, aus denen die wahren Erkenntnisse kommen. Fm Durchdenken aber mußte ich ihn rechtfertigen, und diese Rechtfertigung eines Widerspruchs, die Widerlegung dieser Klage scheint mir uns über den Augenblick hinaus anzugehen. Denn die Klage sagt nichts anderes, als daß wir uns inS Ghetto zurückbegeben hätten, baß wir im Geistigen anfingen, die weltweiten Bezirke zu verlieren. Die Erscheinungen in den Gruppen und Bünden könnten dafür sprechen. Es hat in Borträgen, Arbeitsgemeinschaften, ja sogar in den persönlichen Gesprächen der Freundeskreise eine Ausschließlichkeit der Themen eingesetzt, die sich nicht leugnen läßt. Jüdische Geschichte, jüdische Literatur, jüdischer Brauch, jüdische Lebensformen stehecktzur Beredung - ein Hunger nach jüdischer Bildung im Wiffensmäßigen wie durch jüdische Feier hat eingesetzt, der deutlich zwei Gründe hat. Einmal ist der Elan derer dahinter, die ein Bersäumen von vielen Jahren her gutmachen wollen: zum andem macht sich der Trotz bemerkbar, der auf das Ausgeschloffensein aus seither vertrauten Gebieten und Möglichketten mit der Überkompensation im Eigenen, des Überbetonung jüdischer Werte und jüdischer Haltung antwortet. Go tritt zugleich mit der brglückenden Rückkehr vieler jüdischer Menschen, dir uns schon entsremdet erschienen, die Gefahr auf, daß sie freiwillig in eine Enge gehen, die weder jüdisch noch menschlich gerechtfertigt ist. Denn unsere Welt ist immer so weit wie wir es selbst sind. Gerade das kraftvolle, sich selbstbewußte, im Eigenen sichere Judentum hat immer die Ströme der anderen Kulturen durch sich hindurchgehen lassen. Babylon, Alexandria, Rom, die arabische Kunst uyd Wissenschaft, die Kulturen europäischer Länder in der Reuzeit haben ihm Kraftzufuhr gebracht, wie ja jede Kultur aus den anderen aufnimmt, so wie ein Mensch nicht in der Einsamkeit sich vollendet und die Einflüsse der anderen braucht, um sie zu verarbeiten. Es liegt kein Grund vor, daß wir in eine Ghetto des Geistes gehen, wo immer uns auch das jüdische Schicksal hintreibt. Oie Welt ist so weit wie wir die Kraft haben, sie in uns aufzunehmen. Bei aller Liebe zu unserer Geschichte, unserem Schrifttum, unseren religiösen Formen und dem uns heiligen Inhalt, der sich ln allem m'ederschlägt - wir haben die Türe zur Welt offen in dem Schrifttum, der Kunst, der Wissenschaft, in den Lebensbräuchen und Sitten der anderen, die wir erkennen und nicht verkennen sollen. Wir haben den Weg frei in He Literatur, in die bildende Kunst, die Malerei der Pölker, ohne daß wir darum die festen Wurzeln im eigenen zu verlieren brauchen. Begreiflich, daß sich manche unter uns in der ersten Rot und den ersten Zweifeln abschließen möchten. - »Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden!" Aber der größere und bessere Weg ist der in die Klarheit, in die Erkenntnis: »So seid ihr - so sind wir!" und in der Erkenntnis liegt keine Wertung, kein Urteil, sondern nur die Ueberwindung eines Vorurteils. Gerade weil wir jüdische Menschen sind, liegt uns ob, unsere Welt so weit zu halten, daß das Allgemein - Menschliche in uns Raum behält. Gerade wir müssen von den Leidenschaften, den Röten, dem Haß, den Sorgen der Welt wissen, weil wir aufgerufen wurden, in Liebe und Tätigkeit die Welt versöhnen zu helfen. Das Wort, daß wir von der Seele des Fremden wissen müßten, weil wir einst Fremdlinge waren und es immer wieder werden - das Wort gilt nicht nur für das Handeln, es gilt auch für das eindringliche Wissenwollen, das Berflehenwollen, Mittwoch, 17. Juni 1936, abends 830 Sokolow-Gedächtnisfeier der Jewish Agency Neuer Gemeindesaal Vergleiche die Ankündigung auf Seite 7 "" IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIl!!>IIIIIIIl«IIIIlIIIIII»lIIIIIIlIIlIIIIIIlIlIIIII>IIIIIIIIIIIII»III»»I«II»»» Gemeindeabend Am Mittwoch, den 1. Juli, abends 830, spricht im neuen Gemeindesaal Herr Landgerichtsdirektor a. D. Dr. Wachtel, Leipzig, Leiter der Mitteldeutschexi Bezirksstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland e. V., über: „Planmäßige Auswanderung“ Eintritt frei!

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