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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-06-15 · 12 (15.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
12 (15.6.1936)
Date
1936-06-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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m 12 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Seit. 3 Ehor. Das große -^donaj. ^donaj- (die Eigenschaften Gottes) wird seiner Bedeutung entsprechend sehr weit ausgesponnen, und vor dem geöffneten Oroun kaudesck sprach der Rabbiner Prof. Echorr mit großem Ausdruck ein hebräisches Bittgebet. (Die predigt und Ansprache an einen Barmizwoh wurde in polnischer Sprache gehalten.) Im Hauptgebet, der Tefilla, (dem Achtzehn' gebet, aber nur als Siebengebet am Sabbat und den Festtagen) hebt sich natürlich die schwärmerische Kedusdmk durch ihre besonders inbrünstig und liebevoll ausgesialtete Wiedergabe heraus. Überall hörte ich in den Warschauer Synagogen diesen Wechselgesang der Engelchöre - das »Heilig! Heilig! Heilig!" aus Iesaia und Ezechiel - mit sich nie genugtuenben Varianten. Zu allen Zeiten und in allen Landen wird die hohe jüdische Mystik dieses geheimnisvollen Gesanges empfunden. (Sie wurde ja auch von der christlichen Kirche für ihre Sanktus-Liturgie übernommen.) Eine besonders eindrucksvolle Komposition eines Verses daraus -Kevaudau mole äulom» stammte von dem Londoner Kantor 5. Kliman, weitere der Komponisten der dort gehörten »Naarilzecho« waren Sulzer, Birnbaum, Lewandowsky, Bernstein und Eisenstadt. Schließlich möchte ich den ungewöhnlichen Eindruck nicht verhehlen, den der Priestersegen (Birkas Kauhamm), das »Dudiencn*, ausstrahlte. Zn der Großen Synagoge traten über 60 Kokanim - Vachkommen aus Aarons prieflerlichem Geschlecht - vor den Oraun keudcsch, in den weißen Gebetmantel bis über den Kopf eingehüllt, so baß nur die segnenden Hände mit dem gespreizten dritten und vierten Finger sichtbar waren. Oer Dorbeter singt die biblischen Segenssprüche (»Oer Herr segne und behüte dich" uff. in hebräisch) vor, die Kotianim wiederholen sie und der Ehor singt in den drei Abteilungen jedesmal die berühmte »Ouckenen-Melodie" ohne Worte. Oie Gemeinde aber spricht während dem leise entsprechende Verse. - Eine würdige letzte Erinnerung aus dem Kultus des Jerusalemer Tempels. Reben diesen erhabenen Eindrücken muß ich aber auch der mir unverständlich eiligen Litanei besonders der Responsen des Kaddisck-Gebetes gedenken, selbst bei Kreisen, die dem Sprechen der Kaddisch-Eulogie mit der Bitte um das baldige Kommen des Gottesreiches eine besondere »Kraft für Lebende und Tote" zuschreiben. In der Gemeindesynagoge Nosckik geriet anderseits ein Trauernder beim Beten des Gchluß-Kaddisd, in eine so schreiende Ekstase, daß er eine allgemeine Störung verursachte und - vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt - die Frauen auf der ziemlich verbauten Empore aus die Bänke kletterten um herabzuschauen .. Schade übrigens, daß die zuletzt erwähnte Synagoge, die ebenfalls einen vortrefflichen Ehasan und Ehor und als Rabbiner Professor Balaban von der Warschauer Universität hat, in eiyem so verwahrlosten Hofe liegt! Aber sie, ebenso wie die Repräsentations-Synagoge und die wirklich »unzähligen" kleinen immer überfüllten Gebetssiuben (die ynseren kulturellen Anforderungen keineswegs genügen) sind beglückende Zeugen von dem ungebrochen starken religiösen Bedürfnis der in Warschau jetzt lebenden 400 000 Bekenner des Israelitischen Glaubens. Eva Büttner. Gemeindeabend: Or. Friedrich Brodnitz, Berlin, spricht über: Oie Arbeit der Reichsvertretung u. das WerkvonHilfe u. Aufbau Als Mitarbeiter der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und als Pressereferent dieser Zentralstelle konnte uns Or. Brodtn'h in seinem dankenswerter Weise sehr ausführlichen Dortrag ein erschöpfendes Bild der gewaltigen geleisteten Arbeit geben, deren Bedeutung auch für die Zukunft ebenso stark fortbesteht. Or. Brodnih verstand es ohne Rhetorik und jenseits weltanschaulicher Richtungen die nüchternen und doch so vielsagenden Tatsachen sprechen zu lassen. In die Reichsvertretung sind jetzt organisatorisch alle selbständigen Hilfsstellen eingegliebert, und die Vertreter der Gemeinden und Landesverbände sorgen für eine einheitliche Aufstellung des Haushaltplanes und Verwendung der Mistel, die für Wohlfohrtsarbeit, das jüdische Schulwerk, die Berufsumschichtung und die Auswanderung gebraucht werden. Oie Wohlfahrtsarbeit kanir bereits in kleinen und mittleren Gemeinden nicht mehr aus eigenen Kräften geleistet werden, und deshalb war der Ausgleichsfond sehr wichtig, der aus einem Drittel der durch die Blaue Beitragskarte von »Hilfe und Aufbau" gesammelten Gelder gebildet wurde. Oie Arbeit der Iüdischen Winterhilfe mußte, im Oktober in 4 bis 2 Wochen aufgebaut werden und umfaßte 75 000 Betreute, darunter Fälle mit mehreren Personen. Mit viel Anerkennung gedachte der Redner der aufopfernden Arbeit der provinzialfürsorgen'nnen, aber auch der sehr zahlreichen ehrenamtlichen Sammler und Helfer. Das Iübische Schulwerk wird heute in allen Kreisen als ein gichtiger Aastor gewertet. Es sollen alle materiellen und geistigen Reserven erhalten bleiben, und die Gefahr der Senkung des Bildungsniveaus vermieden werden. Dabei muß klar vorausgesehen werden, daß diese Iugend einen ganz anderen Lebensweg gehen wird, und deshalb muß die jüdische Pädagogik immer 'wieder ihre Methoden durchdenken. Heute gehen von 44 000 jüdischen Kindern bereits 46 000 in eine jüdische Volksschule und 4000 in höhere jüdische Schulen, während 4033 nur 40 000 Kinder jüdische Schulen besuchten. Für mittlere und steine Städte wurden die Schulen in Bezirksschulen zusammengelegt, in die Kinder aus kleinen Gemeinden gemeinsam mit Lastautos befördert werden. Wir haben in Oeusschland 400 jüdische Volksschulen und 40 höhere Schulen. Zur Zeit beschäftigt uns besonders die Frage des neunten Schuljahres und die Abrundung' der Bildung durch ein zusätzliches Bildungsjahr. Oie Zentralstelle für Wirtschaftshilfe hqt über die Beratung hinaus als ihr Hauptstück die Kredithilfe aufgebaut, die durch Oarlehnskaffen und Wirtschafts-Hilfskredite ihre segensreiche Arbeit an kleinen, selbständig' wirtschaftenden jüdischen Existenzen erfüllt. Im Reiche gibt es zirka 60 Oahrlehnskaffen mit 4,2 Millionen RM verfügbaren Geldern, die teilweise von ausländischen Hilfsstellen zur Verfügung gestellt worben sind. Dabei fußen wir auf Erfahrungen von Arbeitsmethoden an osteuropäischen Zuden, deren Situation wir uns leider mit schnellem Tempo nähern. Ole Arbeitsnachweise leisten außer ihrer allgemeinen Arbeit noch solche für bestimmte Berufe. Besondere Hilfsorganisationen haben die Ärzte und die Künstler, von letzteren werden in Berlin 4480, im Reiche 400 betreut. Oie Berufsumschichtung ist heute zu einer Umschichtung der Berufs-Strustur geworden, indem schon die Ersiausbildung eine anderewie früher geworden ist. Wir brauchen sowohl für die Auswanderung nach Palästina, wie auch für die andere Übersee-Auswanderung, sehr gut ausgebildete Menschen. Da die landwirtschaftliche Ausbildung in Deutschland immer schwerer wird, ist die Auslands-Hachschara wichtig geworden. Wir haben auch in Wieringen in Holland eine zum Teil selbst gebaute Siedlung, die als Auswanderer-Schule gelten kann. Run ist unter Professor Eurt Bondy's Leitung ein jüdisches Auswanderer-Lehrgut in Groß-Breesen in Schlesien eingerichtet worden, eine Ausbildungsstätte landwirtschaftlicher und handwerklicher Art. Seltsam ist, daß sich noch so wenig weibliche Iugend für diese wertvolle Ausbildung interessiert. Hier richtete der Redner einen ernsten Appell an die Eltern, die durch künstliche Anfrechterhältung einer »gutbürgerlichen Lebenshaltung" die Zukunft ihrer Kinder, insbesondere ihrer Töchter, fehlleiten. Oie allgemeine Wanderungsarbeit, die mit dem Palästina- Amt und dem jüdischen Hilfsverein geleistet wird, wächst immer mehr. Dabei wurde dankbar Palästinas gedacht, daü mehr Menschen ausgenommen hat bei unserer letzten Auswanderungswelle, als

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