Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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S«ttt 2 Gemeindeblatt frei Jsraelitr, che» Religion» ge meiadeDresden Nr. U 5. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 18 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955 Mit einigen anderen Mitgliedern des Vorstandes unserer Ortsgruppe ging ich zur Lahn, um unsere europäischen Gäste abzuholen. Erstaunt waren wir, am -Bahnsteig ca. 30 junge Männer und Frauen zu finden, die in einer Neihe standen und die sämtlich blau-weiße Fahnm trugen. Erkundigung ergab, daß diese jungen Leute eine Abordnung einer neugegründeten poale-Zion-Gruppe waren, die durch ihre jiddische Zeitung von der erwarteten Ankunft Nahum Eokolows wußten. Ostjüdische Arbeiter, die in den letzten Jahren eingewandert waren. Für diese Menschen war Nahum Sokolow kein Unbekannter. Für sie war er der bekannteste und beliebteste Volksführer und der berühmte große hebräische und jiddische Gelehrte und Schriftsteller. Sie hatten sich für die Tage seines Aufenthaltes in unserer Stadt von ihrer Arbeit freigemacht, um soviel als möglich in seiner Nähe sein zu können. Nach Einlauf des Zuges belegten wir Professor Marburg m't Beschlag und Sokolow sprach mit diesen Arbeitern. Wo sie auch herkamen, aus Polen, Litauen, Ungarn oder Numänien, aus der Großstadt oder Meinstadt oder vom flachen Lande, überall kannte Nahum Sokolow Freunde ober Verwandte dieser Arbeiter. Uns kam er vor als eiiz kleiner Ofljude unter Osijuden, wie er sich mit diesen Menschen so lebhaft und angeregt in jiddisch unterhielt. Dann ging es in feierlicher Prozession zum nahen Nathaus, wo wir für 10 Uhr morgens angesagt waren. Professor Marburg sprach ein sehr gebrochenes Englisch, und Sokolow hatte ich so weit fast nur jiddisch sprechen gehört. Ich haste deshalb große Bedenken, als ich unsere Gäste im feierlichen Sitzungssaal der Eity Hall dem Oberbürgermeister und den höheren Beamten unserer Stadt vorstellte als zwei Führer des jüdischen Volkes, die aus dem fernen Europa hierher gekommen waren, um uns Kunde zu geben über den Wiederaufbau unserer alten Heimat. Nachdem der Bürgermeister sie mit einigen Worten begrüßt hatte, sprach Marburg kurz aber sehr würdig in gebrochenem Englisch, und dann ergriff Nahum Sokolow das Wort. Gleich beim ersten Wort war ich erstaunt über das veränderte Aussehen des Nedners. Hier war nicht mehr der jiddisch sprechende kleine Ostjude, der mit den Arbeitern über ihre Heimat gesprochen hatte. Hier stand würdig und aufrecht ein großer Mann, der mit wahrhaft prophetischer Vision über die große Liebe des alten Volkes der Bibel zur alten Heimat sprach. Er schilderte die große Sehnsucht unseres Volkes, die sich tausend Fahre hindurch nur in Gebeten erschöpfte und jetzt durch die Balfour-Oeklaration und den Völkerbund baldige Erfüllung ihrer Hoffnungen und Gebete erhoffte. Er schilderte begeistert die Hilfsbereitschaft und Arbeitsfreude in der jüdischen Welt, und vor unseren Augen erstanden die herrlichen Bilder des neuen Palästina. Nie habe ich solche inspirierenden Worte gehört und nie habe ich solch schrankenlose Begeisterung gesehen, wie sie Sokolow bei dieser Gelegenheit und dann in erhöhtem Maßstabe bei den großen Volksversammlungen, die er abhielt und an denen Tausende teilnahmen, hervorbrachte. So kam es, daß der nichtjüdische Bürgermeister und die hohen Funktionäre unserer Stadt die ersten Zeichner in Seattle für den Keren Hajeffod waren, und daß der Erfolg dieser ersten Keren-Hajeffod- Kampagne um das Vielfache unsere höchsten Erwartungen übertraf. Und so habe ich Sokolow oft in großem und kleinem und in kleinstem Kreise gehört, und immer hatte ich das Gefühl, daß hier eine Seele und ein Geist war, ganz nahe verwandt den großen Propheten unserer alten jüdischen Zeit. So wie ich werden viele, viele lausende unserer jüdischen Männer und Frauen in aller Welt bedauern, daß diese Quelle lebendigen jüdischen Lebens aufgehört hat zu fließen. Aber wir wissen, daß diese nie versiegende heilige Quelle herstammte aus der unerschöpflichen Seele unseres Volkes, und das gibt uns Hoffnung, für jeÄ und für unsere Zukunft. Herm. Schocken. Am Donnerstag, den ». Juni veranstaltet die Jüdische Schule in der ersten Unterrichtsstunde nach den pfingstferien (morgens 8—» Uhr) eine Sokolow-Sedächinisfeier im Semeindesaale. ©pmfinöpabpnb: Mag non Miner Sr. Zgnaz laobaum, Sranffurt a. öder »Oer Ehalu; und der Baal-Habajit" - so hieß bas scharf formulierte Thema, über das im Neubau unserer Synagoge der durch sein zuletzt erschienenes Buch »Parteibefreites Judentum" und durch wertvolle Aufsätze in der Zeitschrift »Oer Morgen" bekannte theologische Schriftsteller Or. Maybaum sprach. Um die Gegensätze recht klar herauszuarbeiten, überspitzt er freilich oft seine Oefinitionen, aber er regt dadurch auch wiederum zu fruchtbaren Auseinandersetzungen an. Weit ausholend betrachtete er die Wanderung unserer Juden unter 3 Aspekten: die raumsuchende Wanderung, diejenige aus Zionsliebe und die Ehaluzische Wanderung. Um die Elftere als Schicksal breitete er eine Glorie des ewigen Wanderns »bis hin zum Allmächtigen". Oie Zionsliebe, die kein sicheres, sondern höheres Leben ersehnt, findet er in der Gestalt Jehuda Halevis verkörpert, aus Hessen Zionsliedern er in Franz Nosenzweigs schwerer- Übersetzung jenes geheimnisvolle Gedicht »Oer Zwang" vorlas. Ehaluzische Wanderung nennt Maybaum jede, die von -einem jüdischpolitischen Ideal getragen ist. Allerbestes Menschenmaterial, jugendlich« Idealisten ließen sich von der chaluzischen Idee ergrei en. Ohne Frage sei der Ehalu; Jude in ganzer Existenz und doch sei er ein Problem, weil sich bei ihm alles nur auf das politische Leben beziehe. In ihm verkörpere sich die Figur des Makkabäer, aber der Makkabäer ist in jeder Zeit ein anderer: auch Alexander Janai und Juda Arisiobul waren Makkabäer. Oer Talmud läßt aber nur den Priestersohn des Mattathias gelten, der im Tempel die Menorah wieder zum Leuchten bringt. Oieser Pharisäer-Standpunkt, dem der kriegerische Held kein Ideal ist, sei vertreten im Buche Oaniel, worin Kap. 11, 34. diese Art des Beistandes nur als »kleine Hilfe" (Eser meot) gewertet wird. Oer Nedner will die zionistischen Leistungen durch diesen Ausdruck »kleine Hilfe" nicht bagatellisieren, aber Oaniel fordert vor Allem zu dem göttlichen Helfer aufzublicken, eine Haltung, die das Joch des Himmelreichs trägt. Oie Machtverwaltung sei keine Sache für jüdische Menschen: deshalb sollten wir in Palästina keine polis, keinen Staat, sondern nur eine Hebräische Gesellschaft wollen. Oem politischen Lebensideal des Eholuz, dessen Witte zum Judensiaat sich am deutlichsten in der Kwuzah auslebt, stellt der Nedner dem jüdischen Hausvater, den Laal-habajit gegenüber. Während die Kwuzah die Familie auflöse und eigentlich nur als eine Notordnung, eine Übergangsordnung hinzunehmen sei, ermögliche der Baal-Habajit dagegen die jüdische Familie, er habe eine priesierliche Funttion in Gemeinde und Familie: durch ihn seien wir ohne Staat eine Gemeinschaft und ohne Kirche eine echte GlaubenSgesellschaft. Oie Nicht-Palästinensische Wanderung wird nach Or. Maybaums Ansicht im Zeichen des Baal-Habajit stehen. Oie Erziehung der Kinder in seinem Sinne umfasse Tauroh, Ehuppoh und Maasze jod. sOas klinge vielleicht hausbacken, sei aber echtes Judentum.) Oie Erhaltung der irdischen Existenz Israels gelte als Wunderzeichen Gottes (Jesaia Kap. S, 18.), dadurch erhält die Sorge um die Lebensfristung ihre Weihe Oie jüdische Wanderung aber habe kein anderes Ziel als jene jüdische Zukunft, in der »Gott wird König sein auf der ganzen Erde."