Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 5 (1.3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Gemeindetlatt der Israelitische» Rrli§io,»zr mr i,de Dresden Nr. S zipatition dringen würden; wären die Folgen einer solchen Erziehung. (S6 müssen also, nach wie vor, allgemein bildende Fächer gelehrt werden, um dieser Gefahr wirksam zu begegnen. In der Aussprache jedoch, an der sich u. a. Herr Or. Löbensiein beteiligte kam ziemlich deutlich die Meinung zum Ausdruck, daß wir vorläufig Befürchtungen dieser Art noch nicht zu hegen brauchten. Einstweilen solle das Schwergewicht der zu berücksichtigenden Fächer auf speziell jüdischen Gebieten liegen, um die Fugend wieder mit der Mentaj lität ihres Volkes vertraut zu machen leider mußte sich auch! hier die Aussprache mit den notwendigen Ergänzungen begnügen, da die Zeit schon sehr fortgeschritten war. Einen Auszug aus der Arbeit der Zentralstell; für Wirtschaftshilfe brachte dann Winter, vom Neichsausschuß Berlin, in seinen Ausführungen »Umschichtung und Berufsfragen*. Sehr eindeutig wurde uns gezeigt, mit welchen Möglichkeiten der Berufswahl wir zu rechnen haben. Für die Länder, die das Ziel unserer Auswanderung sein könnten - für Deutschland, sind leider nur sehr wenig Aussichten einer Äerusseinordnung gegeben - kommen fast nur Landwirte und gut ausgebildete Handwerker aussichtsreich in Frage. Eigentlich kommt nur Palästina eine größere Bedeutung als Einwanderungsland zu, da nur sehr wenige andere, und da wieder vor allen überseeische Länder, Menschen wirklich aufnehmen und in ihrer Wirtschaft verankern. Oie Möglichkeiten sind also gering, der Weg ist schwer und doch sind wir entschlossen, ihn mit Mut und innerer Kraft;um Wohle der Gemeinschaft zu gehen, j Nach der Mittagspause fanden sich die Leiter der Ortsringe zu; einem Arbeitsbericht zusammen. Es wurde die Nichtung unserer j Weiterarbeit festgelegt und der feste Anschluß an die Gemeinde-! körperschaften, in denen wir unbedingt vertreten sein müssen, gefordert. Ein gut arbeitendes Fugenddezernat, Vertretung in den Schulkommissionen usw. seien das Ziel unserer Arbeit in den Gemeinden. Nur so könne eine gedeihliche Zusammenarbeit innerhalb der einzelnes Gemeinden garantiert werden. Inzwischen war im Saal alles zum anschließenden Neschef, dem gemütlichen Beisammensein aller, vorbereitet worden. Nachdem Friedmann, Leipzig, über das »Lernen im Bund" gesprochen und uns gezeigt hatte, wie man T'nach lernt, sich dabei in das geschichtliche Wirken der damaligen Zeit vertieft und so die geistige Stellung und kulturelle Ausströmung des jüdischen Volkes auf die Zeit erkennt, waren wir noch einige Zeit bei Gesang und heiteren und ernsten Vorträgen beisammen. Sehr rasch befreundeten wir uns alle noch enger, und besonders die Menschen aus den ganz kleinen Gemeinden, in denen sie völlig abgeschlossen sind, fühlten sich mit zusammengeschlossen in den Kreis gleichdenkender und -skrebmder junger Menschen aus anderen Städten. Wenn auch die Tagung infolge der Kürze der Zeit die Probleme 'bcr jüdischen Fugend nur aufzeigen kozinte und die weitere Ausarbeitung den Bünden in den einzelnen Städten überlassen mußte, so hat sie doch klar gezeigt, wie notwendig eine Zusammenarbeit aller Kräfte im jüdischen Leben über den beengten Kreis der einzelnen Nichtungen hinweg ist, um mit vereinten Kräften an die Lösung der uns gestellten, so schweren Aufgaben Herangehen zu können. Wir hoffen, daß wir recht bald wieder Zusammenkommen können, um das Band um uns noch fester schlingen zu können zu gemeinsamer Arbeit an den Problemen der jüdischen Fugend. Salo Weiner (Ortsausschußleiter der jüdischen Fugendverbände Dresdens). ®0(f / Don Soma Morgenstern Zn der vorigen Nummer unsere; Blatte; brachten wir die Ankündigung de; neuen Nomane; von Soma Morgenstern ..Der Sohn de; verlorenen Sohne;" (Verlag Erich Neiß, Berlin) und nannten ihn ein Buch besonderen Nange;. wir geben im! Folgenden eine Szene au; diesem Roman wieder. Ver Drotz- ' grundbesiyer Wolf Mohylewsky von Oobropolje in podolien, genannt Welwel Oobropoljer, verrichtet vor seiner sibreise nach Wien zu einem religiösen Kongreß — im Betraum seine; <but;- hause;-nach altgewohnter weise da; Schachaxi;gebet. »Großvaters Zimmer* war der Äetmum des Hauses, das Bethaus des Dorfs, das Aethaus für die Fuden der nahen ländl lichen Umgebung, -die sich am Sabbat und an Feiertagen in allen i Fahreszeiten und zu jeder Witterung hier zum Gottesdienst ver- . sammelten. Obschon eigentlich von Welwels Urgroßvater, von Neb Mosche Mohylewsky eingerichtet und testamentarisch für alle Zeiten zum Bethaus bestimmt war es »Großvaters Zimmer* noch für die vierte Generation, und es würde es vielleicht auch für die ' fünfte sein, wenn — ja wenn man mit einiger Gewißheit sagen könnte, auf welchem Wege die fünfte Generation von der Existenz dieses Zimmers auch nur unterrichtet werden könnte oder auf welche Art und Weise die Bedeutung eines solchen Zimmers ihrem Verständnis nahegerückt werden sollte, ohne diese Generation und ' „Großvaters Zimmer* zugleich zu beschämen oder gar zu beleidigen... i Welwel hatte den Unmut über pesjes Ungeschicklichkeit leicht besänftigt. Kaum daß er die Tür hinter sich zugeklinkt hatte, überkam ihm die feierliche Neisestimmung der letzten Tage, Er war eine Weile in Gedanken vor einem der vier offenen Fenster der grünen Wand stehen geblieben, wunderte sich, über den schweren Tau, der nach einer so warmen Nacht auf den Gräsern und auf! den Buchenzweigen lag, sah mit einem Blick auf die Birke, die sich in ihrer silbernen Zartheft mitten unter den schweren Buchen; feucht und rein vom Himmel ahhob, daß es in der Nacht geregnet ■ haben mußte und stellte sich zum Gebet, Er hüllte sich zunächst in den weiten gelblichen, an den Nändern schwarz gestreiften Umhang, den man Gebetmantel nennt, und flüsterte die einleitenden Sprüche mit eifrigen Lippen, die in dem noch verschlafenen Gesicht des bärtigen Mannes sich mit kindlichem Übereifer bewegten. Sein linker Arm entschlüpfte dem Ärmel des ripsseidenen Kaftans; ein, zwei, in tausend Gebettagen eingeübte Griffe und Streckungen streiften den Hemdärmel bis zur Schulter hoch und entblößten den Arm zum Empfang der Gebetriemen, die dem samtenen Säckchen entnommen, mit Spruch und Kuß begrüßt, den Arm auch gleich einzuwickeln strebten und ihn von der Achselhöhle bis zum jüngsten Glied des Mittelfingers in vorgeschriebenen, zu Worten des Gebets genau ausgezählten Windungen im Nu umspannten. Ein zweiter Gebetriemen umfaßte sogleich in einer Schlinge den Kopf und krönte mit einer pergamentenen Kapsel, die in Sprüchen der heiligen Schrift den Bund des Volks mit Goft bezeugt, die Stirne. War dann das blauseidene Kopfstück des Gebetmantels darüber gezogen und der Mantel seitwärts geschultert, stand Neb Welwel da: wie Gottes Noß, angeschirrt zum Gebet. Er sang nun dem Ewigen viele Lieder. Alte, uralte Gesänge. Uralte, alte und neue Melodien. Oie uralten waren düster und von einer schweren Feierlichkeit. Es sind die Melodien der Gebete, die f-lr den Wochentag so streng wie für den Sabbat, wie für den höchsten Feiertag gelten. Oie alten waren mitunter von einer hüpfenden bizarren Fröhlichkeit. So sind meistens die Melodien, welche die Gebete gleichsam für den Sabbat anlegen. Oie neuen waren auch nicht neu. Sie schienen es nur neben den uralten und alten. So sind die Melodien des' Alltags. Oie Kleiber der Gebete für den gewöhnlichen Arbeitswochentag. Sie sind wie die Kleider der Fuden dieses vielgeschmähten Landes. Diese Kleider haften an ruhelosen gedemütigten, unterernährten Körpern, in denen altes, stolzes Blut rollt; sie sind nach altfränkischer Sitte eines fernen Landes zugeschnitten, mit ihren Farben, Falten, Täschchen, Flicken und Flecken, dennoch in der siavischen Trauer dieser Landschaft so beheimatet, daß sie von ihrem Bilde nicht wegzudenken wären. Oer Beter sang die Melodien, wie das Volk seine Lieder singt. Er faßte die Gesänge nicht bei ihrem Ton, er nahm sie beim Wort. Denn diese Melodien sind bescheiden und demütig wie das Volk; die Worte des Gebetes aber, als ein Teil Gottes, sind groß und gewaltig. So manche Melodie schien von der Glon'e des Wortes geblendet; sie tappte im Licht, seinen Sinn nicht erlangend »Einst wird kommen für Zion der Erlöser und für die in Fakob