Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 4 (15.2.1936)
- Date
- 1936-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 4 ©emetnlellatt der Israelitische» Heltj.tonigtmttnfcc Dtciben 3n solcher Lebensauffassung und Gemeinschaft bildete sich die jüdische Seele voll Liebe und Barmherzigkeit. Oie großen Gemeinden der Neuzeit haben aufgehört, seelische Gemeinschaften im Sinne der alten Kehilloth zu sein. Oas Judentum hat damit eine seiner wertvollsten Kräfte eingebüßt. Nur in kleineren Organisationen innerhalb der Großgemeinden, wie den Heilgen Brüderschaften (Ehewro kadischo), den Betvercinen, auch den Brüderschaften der Äne Äris lebt noch etwas vom alten Geiste der Kehilloth. Oa kennt einer den anderen, und jede Not wird zu einer Sorge für die Gemeinschaft. Oa empfindet man auch noch etwas von seelischer Beglückung der gegenseitigen Stütze und des Helfendürfens. Wenn heute Beauftragte der Gemeinde in jedes jüdische Haus kommen, um für die Winterhilfe Spenden zu erheben, so ist damit eine neue Möglichkeit, ein Ansatz gegeben, um im Großen der Gemeinde wieder etwas vom alten Geiste der Kehilloth lebendig werden zu lassen. Oer einzelne Mensch, der Neiche wie der Arme, tritt in persönliche Beziehung, zur Gemeinde, ihren Sorgen und ihren Aufgaben. Ss wäre ein großer seelischer Gewinn, wenn die Äezirksleiter der Winterhilfe in dauernder Verbindung blieben mit den Menschen ihres Fürsorgebereiches, so daß sie gewissermaßen die Vertrauensmänner würden für die Gemeinde, zugleich aber auch für alle Menschen, die innerhalb ihres Bezirkes wohnen. Sie sollten Bescheid wissen über Not und Elend, über Krankheit und Sorge, aber auch über die frohen Ereignisse, die eintreten, und sollten persönlich teilnehmen an allen Ereignissen, den frohen und den ernsten, die sich in ihrem Kreise abspielen. Durch ihre Berichte müßte bi? Gemeinde in allen ihren Organen, Vorstand, Nabbinat, Verwaltung, Armenpflege, Krankenfürsorge, über alles Wissenswerte in der Gemeinde unterrichtet werden. Durch eine solche Organisation könnte, wenn sie recht verstanden und auf rechte Weise durchgeführt wird, die Gemeinde aus einer starren Körperschaft zu einem beseelten, lebendigem Ganzen werden. Oie seelische Hilfe, die aus diese Weise geleistet werden könnte, wäre sicherlich noch -wertvoller, als die materielle Hilfe,, die jetzt schon den Menschen zuteil wird. Es gibt, wie im Verlaufe der Jahre, so auch im Laufe der Geschichte Zeiten sommerlicher Freude und winterlicher Sorge. Oie Kraft der Seele hat dem Judentum die Fähigkeit gegeben, die winterlichen Zeiten seiner Geschichte zu überwinden. Wenn wir unsere Winterhilfe zur seelischen Winterhilfe in dem angedeuteten Sinne umgestalten, wenn jedes Mitglied unserer Gemeinde sich persönlich angesprochen fühlt, wenn die sich schämen, dle bisher ihre Pflicht noch nicht erfüllt haben, und die anderen echte Freude über ihre Pflichterfüllung empfinden, braucht /ins nicht bange sein um die Seele und die Zukunft des Judentums. Nabbiner Or. Albert Wolf. Winterhilfe in der jüdischen Schule zu Dresden Alles hilft mit! Viele Juden sind jetzt in großer Not. Sie haben nichts zu essen, keine Kleider und kein Geld.' Aber keinerdarf hungern und frieren. Auch wir Kinder wollen opfern. Auf unserer Opserkasse steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! So wollen wir es auch halten. Helga Lenkewitsch, Klasse 7. Oas Judentum gebietet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" und erklärt dieses, alle Menschen umfassende Gebot der Liebe als Hauptgrundsatz der jüdischen Neligion. „Wer für seinen Nebenmenschen kein Mitgefühl hat, zählt", nach dem Ausspruch unseres Gesetzeslehrers Naw „nicht zu den Nachkommen Abrahams". Nicht früh genug kann daher die Erziehung in Elternhaus und Schule mit der Gewöhnung des Kindes zur Hilfeleistung für andere be^ ginnen. Oas Kind muß zu der Erkenntnis gebracht werden, daß jeder Jude als Glied einer Gesamtheit gleichberechtigt ist und auch gleiche Pflichten zu erfüllen hat und daß Liebe zum Nächsten sich darin zeigen muß, daß man dessen Wohl fördert, sei es materiell oder seelisch. Mit einer seelischen Hilfeleistung hat die jüdische Schule in Dresden ihre Winterhilfe begonnen. Wir besuchten das Henriettenstist anläßlich des Suckothfesies und erfreuten die Insassen desselben, indem wir ihnen halfen die Suckah behaglich auszuschmücken und ihnen hebräische und andere- Lieder vortrugen. Unvergessen bleibt mir das auf dem Heimweg zur Schule belauschte Gespräch zweier Mädchen, die als Auswirkung dieses Besuches beschlossen, einige alte Damen des Stiftes mit Blumen zu beschenken. Groß war die Freude der Kinder auch, als sie dem Kinderhort von ihren eigenen Spielsachen und ihren Spargroschen etwas selbst überbringen dürften. Keiner wollte zurückstehen, als es dann galt, besonders bedürftigen Mitschülern zu einem pausenfrühstück zu verhelfen und oft mußte der Lehrer seine ganze Beredsamkeit aufbieten, um die Kinder zu überzeugen, daß man schließlich dem Mitschüler nicht zumuten könne, die Butterbrote der ganzen Klasse zu verzehren. Solche und andere kleine gegenseitige Liebesbetätigungen wiederholten sich im Unterricht, bei Wanderungen und Schulfeiern und als dann die große Winterhilfe der Gemeinde einsehte, war es ein Selbstverständliches, daß sich auch die jüdische Schule opferwillig in den Dienst der Sache stellte. Als eine Klasse zum Geburtstag ihrer Lehrerin als Ablösung für eine Blumenspende eine Mark der Winterhilfe überwies und die Wohlsahrtsstelle in einem Schreiben der Klasse mifteilte, daß dies der erste Winterhilfsbeitrag aus der Gemeinde überhaupt gewesen sei, waren die Kinder sehr stolz darauf. Ohne besondere Aufforderung durch die Lehrer wurden in den einzelnen Klassen Opferkaffen angefertigt, mit sinnigen Aufschriften und Zeichnungen versehen und regelmäßige kleine Pflichtbeiträge, die auch von den ärmsten Kindern gezahlt werden müssen, zeigen den Schülern die zwingend^ Notwendigkeit des pflichterfüllens des Einzelnen gegen Alle: Oie Tage in der Ehanukkawoche - so recht geeignet zum Geben und Erfreuen - bildeten den Höhepunkt unserer Winterhilfe. Nach vorausgegangenem Besuch der Wohlfahrtsstelle und der Mittelsiandsküche - eine Vorstandsdame der Zentralwohlfahrtsstelle war zufällig auch zugegen - gab die Leitung der jüdischen Winterhilfe den einzelnen Klassen einen umfassenden Überblick über das gewaltige Hilfswerk der Gemeinde. Im großen Gemeindesaal lagen, mit viel Geschick zusammengestellt, auf langen Tischen Lebensmittelpakete und andere Dinge, die zu Ehanukka verteilt wurden. Wie lauschten die Kinder den Vorträgen der Herren Schapira und Notholz und als sie sich dann selbst zum Winterhilfswerk äußem dursten, da war des Fragens kein Ende. Woher weiß man, wer zur Winterhilfe beitragen kann und wo diese Leute wohnen; wie werden die Spenden eingesammelt und verteilt, wie muß man es machen, daß keiner beschämt wirb? Einer wollte wissen, wie die Büchsen geleert werden, ob denn auch alle Juden gerne geben, verlangte gleich eine Büchse für seine Klaffe und gab sofort sein Echerflein. Andere folgten seinem Beispiel. Ein Kind fragte, ob auch Spielzeug angenommen würde und ob die Schule im Werkunterricht vielleicht leichtbeschädigtes Spielzeug wieder in Ordnung. bringen könnet Immer und immer wieder mußte den Kindern geantwortet werden und schließlich fand die starke Gemütserregung der Kinder ihre Auslösung in dem Gesang der Ehanukkahymne. Alle Kinder waren hochbeglückt und der Lehrer hatte die Gewißheit, daß diese Stunde mehr war als eine Stunde Gesinnungsuntern'cht im Schulzimmer. Wenn wir der „Winterhilfe" zu besonderem Dank verpflichtet sind, so ist es deshalb, weil sie mitgeholfen hat, der Jugend eindringlich den Mischnafatz ins Herz einzuprägen: „Zebakah und Werktat der Nächstenliebe wiegen alle Gebote auf". Bl. Günstige Gelegenheitskäufe gebrachte? Schreibmaschinen Saliy Mayer, Lültichaustr. I Ruf 12045 Reichbalt. Auswahl In Kolfermascbiaen wie Erika Mercedes, Remission, Torpedo Unterwool uiw.uaw Hiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiimii 4 4