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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-02-15 · 4 (15.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
4 (15.2.1936)
Date
1936-02-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Gemriadeblatt der Israelitische» Religton-gemetnd« Dresden Leit« S Heine und wir (Zur so. Wiederkehr seines Todestages am 17. Februar 1936) Don ©r. Kurt Freudenthal Heine? Verhältnis zum Judentum ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen gewesen und vielen ist eS letztlich unerhellt geblieben, ©er Widerspruch im Wesen deS ManneS, der sich innerlich dem Judentum tief verbunden fühlte, ja eS verehrte, der dennoch durch daS Nehmen der Taufe ihm zu entfliehen suchte, ohne sich dem Gefühl der Zugehörigkeit jemals entziehen zu können, mochte manchem nicht zu Nären erscheinen. Und doch konnte eS nur äußerlich gesehen sein.»- HetneS ©riefe, vor allem an den „Erzfreund" MoseS Moser, den vielgeliebten Mann, dem er sich wirklich ohne Vorbehalt und Verbrämung „im Negligö-Gewand" gibt, lassen einen tiefen Einblick tun in daS Geheimnis deS inneren Zwiespaltes, in die tragische Diskrepanz zwischen geheimer Liebe und der Kraft ihr zu leben. ©enn seine Liebe gehört dem Judentum. Wenn auch im Stillen nur, so darum nicht minder heiß. Von allen Gestalten, denen seine ©ichterkrast Leben gab, steht die deS Vacharacher Nabbi seinem Herzen am nächsten. Mit besonderer Sorgfalt betreibt er die geschichtlichen und milieukundlichen Vorstudien gerade zu diesem Werk, mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit gibt er seinen Vertrauten laufend pt Vericht über daS Fortschreiten dieses LieblingSkindeS seiner Muse, von dem er an Moser schreibt: „Mit unsäglicher Liebe trage ich daS ganze Werk in der Ärust. Ist eS doch ganz auS der Liebe hervorgehend, nicht auS eitel Nuhmgier. Im Gegenteil, wenn ich der Stimme der äußeren Klugheit Gehör geben wollte, so würde ich eS gar nicht schreiben. Ich sehe voraus, wieviel ich dadurch verschütte und Feindseliges herbeirufe. Aber eben weil eS auS der Liebe hervorgeht, wird eS ein unsterbliches Vuch werden, eine ewige Lampe im ©om GotteS, kein verpraffelndeS Theaterlicht." - Alü Märtyrer für daS Judentum fühlt Heine sich, wenn er sich mit Eohen wegen der Hamburger Tempelreform überwirst und nun Anfeindungen der Gegner auSgesetzt ist wegen einer Cache - so schreibt er - „für die ich die größten Opfer gebracht habe und lebenslang geistig bluten muß. Mich, mich muß man erbittern! Just zu einer Zeit, wo ich mich ruhig hingesiellt habe, die Wogen deS Judenhasses gegen mich anbranben zu lassen." Wie aber sieht dieses Judentum auS, vor daü Hejnc sich hinzustellen bereit ist: Nicht wie er eS sehen möchte, eine Gemeinschaft deS Fortschrittes und deS EmporsticgeS, keine eleganten und wehrhasten Streiter wie er, sondern eine entrechtete Klaffe von PartaS, „Krämer und Schacherjuden" ein Spott der Gaffe. Sin fc „jüdisches Heer", in dem mitzumarschieren nahezu die Grenzendes erträglichen überstieg. „Ich habe nicht die Kraft einen Äart zu tragen und mir Iudenmauschel Nachrufen zu lassen", schreibt er an Wohlwill, ©abei ist eS gerade ihm klar, daß eS nicht möglich sein werde, dieses Iudentum nach dem Nezept deS „Kulturvereins" durch VerufSumschichtung und Einpauken westlicher Äildung umzuprägen. Gleichwohl sieht er beim Iudentum, wenn auch nicht alS „Enthusiast für die jüdische Neligion", so doch „enthusiastisch für die Rechte der Iuden und ihre bürgerliche Gleichberechtigung", die im Zeichen der Reaktion in immer weitere Ferne zu rücken scheint. Und alS, in schlechtesten wirtschaftlichen Verhältnissen und im Hinblick auf die Notwendigkeit sich später sein Ärot verdienen zu müssen, die Notwendigkeit der Taufe in Erwägung gezogen werden muß, schreibt er an den Vertrauten Moser: „Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich. Und dieser' Ich ist sehr eigensinniger Natur. AuS meiner ©enkungSart kannst ©u eS ©ir wohl abstrahieren, daß mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist. daß ich ihn auch symbolisch nicht wichtig erachte und daß er in den Verhältnissen und auf der Weise, wie er bei mir vollzogen werden würde, auch für andere keine Äedeutung hätte. Für mich hätte er vielleicht die Vedeutung, daß ich mich der Verfechtung der Nechte meiner unglücklichen StammeSgenoffen mehr weihen würbe. Aber dennoch halte ich eS unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe." So schreibt kein Mann, dem die Stammes- Betr. Altersversorgung Wir weisen darauf hin, daß Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung Ihrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeifete Vorschläge für Leibrentenversicherungen. 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Hier liegt letztlich die Tragik deS Heineschen LebenS begründet, ©aß er es nicht vermochte, sich offen zu dem zu stellen, dem er innerlich zugetan war, nicht vermochte sich selbst die Treue, zu halten und so im Äewußtsein der inneren Unwahrhastigkcit die ©istanziierung wählte, wo Annäherung geboten schien. So erfüllt sich an ihm daS Schicksal, des Menschen, des Juden ohne Heimat: Bereits wenige Monate nach der Taufe schreibt! er: „Ich bin jetzt bei Ehrist und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft Hab''. Ich sehe noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei, im Gegenteil, ich habe seitdem nichts alS Unglück." Und weiter unten: „Ist eS nicht närrisch? Kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrieen." Und ein Iahr nach dem GlaubcnSwechsel wird mit übermächtiger ©eutlichkeit das Gefühl der Unsicherheit erkennbar, in die ihn die Flucht vor sich selbst gebracht hat, wenn er, der von sich sagt, daß, ihm dyS Deutsche LebenSelement sei, nunmehr erwägt, diesem Lande den Nücken zu kehren mit der Vegründung: „ES ist aber ganz bestimmt, daß es mich sehnlichst drängt, dem deutschen Vaterland Valet zu sagen. Minder die Lust deS WandernS, alS die Qual persönlicher Verhältnisse (z. Ä. der nie abzuwaschende Jude) treibt mich von hinnen." „Heine und wir" haben wir Mer diese Äetrachtung geschrieben und wir fühlen auch unausgesprochen die Aktualität und daS Prinzipielle dieses jüdischen LebenS: ©aß eS außerhalb deS Kreises seiner Äesiimmung sich letztlich nicht erfüllen konnte, ©aß eS sich im Glauben der Erkenntnis der Fehler deS Volkes auS ihm herausstellte, anstatt in ihm zu wirken. Wir wissen gerade heute um die Sehnsucht nach einer jüdischen Gemeinschaft vom Gepräge, tn die sich einreihcn zu können, Erfüllung bedeutet. Und daher sind wir heute mehr denn je fähig, auch in deS abtrünnigen Heine'S Stimme die echte, unerlöste, jüdische Sehnsucht nach der Zukunft, die daS Zurück bringen soll, zu vernehmen.

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