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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-02-15 · 4 (15.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
4 (15.2.1936)
Date
1936-02-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblalt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorsiandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Fraelltische Religionsgemeindr Oresden-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternllcht, Oresben-A. 19, Gtübel-Allee 33 / / Ruf 34183 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / Vle 4Mal gespaltene 4S»mm'Zelle kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Om»: A. Gruhnert, Dresben-A. l, Ammvnstr. 61 | XII. Iahrg. \ Dresden, den 15. Februar 1936 Nummer 4 | SEELISCHE WINTERHILFE Ein altes jüdisches Wort sagt: »Größer ist die Wohltat, die ■ der Arme dem Besitzenden erweist, als die der Besitzende am Armen tut/ Das ist ein merkwürdiges Wortaber es bringt genau die Stimmung zum Ausdruck, aus der heraus mancherlei Derordnungen und Mahnungen des Judentums bezüglich des Verhaltens dem Armen gegenüber getroffen wurden. Schon zur Zeit des biblischen Judentums war das Recht des Armen gesichert. ES gab im alten Judentum eine Reihe von Gesehen, die der Verarmung Grenzen setzten. In einer Zeit der Bedrückung und der staatlichen Rot, wie sie unter der Römekyerrschastemtrat, verlor man das Vertrauen zum Besitze. Im Armemden schon früher jüdisches Gesetz und Lebensgewohnheit als gleichberichmgten Menschen anerkannt hatte, sah man den Bruder, ln dessen Lagemgn selbst jeden Tag kommen konnte. Eine psychologische AnmerkunL die man machen kann, ist vielleicht nicht zu weitgehend. Indem man den Armen half, war im Unterbewußtsein das Empfinden, sich/selbst zu helfen, baß man gewissermaßen die Hilfe, die man selbst einmal brauchen könnte, jetzt schon erteilte. So ist es zu verstehen, daß man mit dem Armen fast einen gewissen Kult trieb. Es werden rührende Beispiele von Fürsorge für die Armen erzählt. Ein Lehrer gab für die Armen jedes Mal so viel aus, als er für sich selbst ausgab. Von einem A Gelehrten wirb erzählt, daß er sein ganzes Vermögen an die Armen verschenkt habe. Oie übertriebene Mildtättgkeit führte zu einem eigenartigen Beschluß, der ln anderen Zeiten und Verhältnissen kaum verständlich ist: Es sollte keiner mehr als den 5. Teil seines Vermögens bei Lebzeiten verschenken dürfen. Es leuchtet ein, daß eine solche Gesinnung der Gebenden dem Armen daS Empfinden der Oemüllgung nahm, das normalerweise der haben muß, der auf milde Gaben angewiesen ist. Oer Arme nahm seinen Tell in dem Bewußtsein, baß er ein Recht auf die Gabe besitze. Mllbtätigkeit wurde so im Iudentum empfunden, als eine der Pflichten, die der Mensch zu erfüllen hat. »Aus drei Dingen ruht der Bestand der Welt: Auf Lehre, Dienst und Mildtätigkeit/ Wer eine dieser Pflichten nicht erfüllt hat, hat einen Teil seiner menschlichen Aufgabe vernachlässigt. Man unterscheidet allerdings zwischen der pflichtmäßigen Gabe, die man entrichten muß, und der Hilfe, die man darüber hinaus, aus freiem seelischen Antrieb leistet. Den pflichtmäßigen Anteil, den jeder Jude geben muß, um die Rot zu steuern, nennt das Iudentum Zebokoh — Gerechtigkeit. Er ist gefordert aus dem Prinzip ausgleichender Gerechtigkeit. Was darüber hinaus geht, fällt unter den Begriff Gemiluch Lhaffodim, dessen Bedeutung man freilich kaum in einer anderen Sprache verdeutlichen kann. Doch wird der Sinn klar aus der Gegenüberstellung ln einem jüdischen Worte, das lautet: In drei Dingen ist Gemlluth Ehaffodim größer als Zebokoh. Zedokoh übt man mit seinem Gelbe, Gemiluth Ehassodim mit seiner Person. Zebokoh übt man an Armen, Gemiluth Ehaffodim auch an Reichen. Zebokoh übt man an Lebenden, Gemiluth Ehaffodim auch an Toten. - In der Erweisung von Gemiluth Ehaffodim zeigt sich die jüdische Seele. Man Hilst den Menschen nicht allein durch Geld, vielmehr auch durch persönliche Anteilnahme. Unter den Begriff Gemiluth Ehassodim fällt die Hilfe, die man durch das Mitempfinden leistet. Man besucht Kranke, tröstet die Trauernden, man leistet alleinstehenden Menschen Gesellschaft, man erweist den Toten letzte Ehre. Gemiluth Ehaffodim ist sehr verschieden von dem Almosen, das man den Armen gibt. Gemiluth Ehaffodim kann nur üben, wer eine Seele hat. Oer seelische Gewinn von Gemiluth Ehassodim kommt den Gebenden nicht weniger zugute als den Empfangenden. Wie im Iudentum Mizwoh -- Gebot nicht die strenge Pflicht ist, die man erfüllen muß, sondem als die Gelegenheit aufgefaßt wird, eine religiöse Handlung ausüben zu können, so wird auch Gemiluth Ehaffodim nicht als eine Forderung der Wohltätigkeit gewertet, die harte Opfer von uns fordert,, sondern als die Betätigung unseres Menschentums, die uns seelisch beglückt und erhebt. Zwischen reich und arm bildete sich ein Band der Brüderlichkeit, der seelischen Gemeinschaft. Auf solcher seelischer Gemeinschaft ruhte jahrtausendelang der Bestand der jüdischen Gemeinden. Oie Betätigung der Liebespfltcht gegenüber dem hilflosen Bruder hat wesentlich zum Bestand, und zur Organisation der jüdischen Gemeinden im nachexilischen Iudentum beigetragen. Wenn wir noch heute den Gemeindevorsteher als pameß bezeichnen, so zeigt dieses Wort, das Ernährer bedeutet, wie eng die Fürsorge für bas materielle Wohl verknüpft war mit dem gemeindlichen Leben überhaupt. Da auch das Armenwesen einer gewissen Organisation bedurfte, bildete der pameß die Mittelsperson zwischen reich und arm. Er nahm, von anderen fteilich unterstützt, Wohltätigkeitsspenden entgegen und überwachte die Verteilung an die Armen. Daß die jüdischen Gemeinden, vor allem im Mittelalter, solche Rötgemeinschaftrn waren, in denen der Eine für den Anderen eintrat, hat viel dazu beigetragen, das Iudentum zu erhalten. Oer Arme konnte sein Los ertragen, weil er mit untrüglicher Sicherheit wußte, daß er nicht verlassen sei, und weil jeder Besitzende keine heiligere Pflicht kannte als die der Hilfe für den verarmten Bruder. Es war üblich, den zehnten Teil des Einkommens für die Armen abzusondern. Aber auch der Arme selbst legte, wie in vielen Berichten überliefert ist, von seiner Gabe, die er erhalten hatte, wieder den zehnten Teil weg, weil auch er auf die Mizwoh, einem Anderen zu helfen, nicht verzichten wollte.

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