Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 2 (15.1.1936)
- Date
- 1936-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Religiontgemeinde Dretden Nr. 2 Werke seiner jüdischen Gemeinschaftzu nutzen versucht. Aus dem Unterricht seiner Kinder erwuchs ihm die deutsche Bibelübersetzung, zu der grad in unseren Tagen wieder manch Einer griff, weil sie schlicht und treu geformt isi wie der Mann, der sie prägte. Und in zwei Werken seiner letzten Fahre stellte er dann seinen Zeitgenoffen das Judentum selbst dar, wie es sich in ihm spiegelte: als eine Religion, der bei der größten (Sicherheit und Unverbrüchlichkeit für ihn selbst doch die weiteste Duldsamkeit gegenüber anderen Religionen innewohnte. - Das waren die Vorreden zur .Rettung der Juden" von Manaffeh ben Fsrael, dem Amsterdamer Rabbiner aus dem 17. Fahrhundört, dessen eindrucksvollen Kopf uns Rembrandt zu wiederholten Mal wiedcrgegeben hat und sein großes Werk ^Jerusalem oder über religiöse Macht und Fudentum". Sarin verlangt er, weit noch über die Forderungen für seine Glaubensgenolscn hinausgehcnd, grundsätzlich Trennung von Kirche und (Staat, Senk- und Glaubensfreiheit mit allen ihren Konsequenzen. Hier ist er wirklich seiner Zeit .um mehr als ein Menschenalter vorausgeeilt". Nach seinem Tode aber erst beginnt die Tragik dieses ganzen von reinstem Wollen erfüllten iebens deutlich zu werden. Als Moses Mendelssohn icarb, da . . . starb ein Zeitalter mit ihmdas Zeitalter der Aufklärung mit seinem kindlich grenzenlosen Glauben an den (Sieg der Vernunft. Von ferne sah man nun schon phantachsch und mit gepsiügelter Sohle die Gestalt der Romantik auftauchen; und sie hat ein gut Teil nicht nur von Mendelssohns Philosophie, sondern auch von Mendelssohns jüdischem Lebenswerk vernichtet. Jetzt ergab sich, daß seine Nächsten und Liebsten selbst den Inhalt seiner jüdischen Äotschaft nicht verstanden hatten - oder vielleicht nicht stark genug waren, sein schweres Werk zu vollenden. Während Moses Mendelssohn. selber der staunenden Umwelt das Bild eines Mannes vorgelebt hatte, der sich im deutschen Vildungskreis mit vollendeter Sicherheit bewegte - ein Kant rühmte ja seine deutsche Schreibweise - und dabei doch nichts, nicht die kleinste Sitte und nicht den geringsten religiösen Gebrauch von seinem Fudentum preisgegeben hatte. Bekannt ist die schöne und ergriffene Schilderung, die der Pädagoge Eampe von dem Freitag- Abend im Hause Moses Mendelssohns uns hinterlassen hat. Aber seine Kinder hatten - diese Boffchast nicht verstanden. Wir wissen alle, daß seine Töchter Dorothea und Henriette zum Katholizismus übertraten; und auch sein Sohn Abraham, der Vater des Komponisten Felir Mendelssohn, führte seine Kinder dem Christentum zu, „weil es die Glaubensform der meisten gesitteten Menschen ist.". Oas ist die posthume Tragik von Moses Mendelssohns Leben. Wir heutigen verstehen heute klarer die Grenzen, die persönliche Anlage , und Zeitbedingtheik diesem selten Manne gezogen hatten. Mit der ihm eigenen gewinnenden Offenheit hat er sebst zu wiederholten Malen bekannt, daß ihm nichts zeit ffeines Lebens so fremd geblieben sei wie die Geschichte. Za - er sucht diesen Mangel selbst mit der damaligen Lage der Juden zu erklären, die ja kein eigenes Staatswesen hätten, also nur zum Dulden, nicht zum geschichtlichen- Handeln mehr bestimmt wären. Einmal schrieb ein Unbekannter, DAS JCIDI1 .Das Jüdische Fahr" nennt Rabbiner Or. Manfred Swarsensky, der Dresdner Gemeinde bekannt durch eineiz Gemeindevortrag in der Synagoge im vorigen Fahr über „Die religiöse Haltung der Gegenwart", sein soeben (im Verlag Ernst Köstenbackm, Berlin) erschienenes Buch. Swarsensky gibt einen Überblick über den Ablauf des religiösen Fahre». ,Fuf die Kreisfläche des jüdischen Jahres sind gleichsam dreitausend Fahre jüdischen Geschichtserlebens projiziert. Wer sich von diesem Rhythmustragen läßt, wer fein ganzes Leben, von der Wiege bis zum Grab, und innerhalb dieser Fahrzehnte, die dem Menschen zubefiimmt worden sind, das ganze Fahr von seinem Anfang bis zum Niederlegen jüdisch erfüllt. ein „Mann vom Stande", einen geheimnisvollen Bn'ef an ihn, der uns nicht erhalten ist — wir können aber mit ziemlicher Bestimmtheit in diesen Briefen das Projekt eines Fudenstaats vermuten, das damals nicht selten auftauchte - vielleicht sogar schon mit der Wendung nach Palästina hin. Mendelssohn bekennt in seiner ablehnenden Antwort seine eigene Unfähigkeit zu politischhistorischem Denken, die er als ein Erbteil der Leidensgeschichte seiner Nation betrachtet, wie folgt: .Die Kühnheit meines Geistes, wenn ich anders etwas davon besitze, erstreckt sich bloß auf spekulative Dinge. Fm praktischen bin ich stets in einer allzu engen Sphäre eingeschränkt gewesen, als daß ich die Fertigkeit hätte erlangen können, mich zu großen Dingen zu erheben und über gemeine Schwierigkeiten hinweg zu sehen. Wer kann seiner Größe eine Spanne zukrgen? Oie größte Schwierigkeit, welche mir dem. Projekte im Wege zu stehen scheint, ist der Eharakter meiner Nation. Sie isi nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas Großes zu unternehmen. Oer Druck, unter welchem wir seit so vielen Fahrhunderten leben, hat unserem Geiste alle vigueur benommen. Es isi nicht unsere Schuld,- allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns aste Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verwandelt und äußerst sich bloß im Beten und Leiden, nicht im Wirken ...' Wer diesen Brief recht zu lesen versteht, der kann aus ihm das Geheimnis von Mendelssohn historischer Tragik verstehen lernen. Gewiß, der Philosoph lehnt das Fudensiaatsprojekt ab; aber nicht ohne die Größe des planes anzuerkennen und sich schmerzvoll seiner eigenen Unfähigkeit, .sich zu großen Dingen zu erheben" und - was ihm noch wichtiger ist und für seinen psychologischen Scharfblick zeugt - der Unfähigkeit seiner Nation „sie ist nicht vorbereitet, etwas Großes zu unternehmen" - bewußt zu werden, daß aber eine solche Hoffnung, wie sie wohl im Herzen eines jeden unverbildeten und ganzen Fuden aller Zeiten schlummerte, auch in seinem Herzen tief innen ihre Heimat fand, das zeigt - deutlicher vielleicht als er selbst es wollte - der Schluß des Briefes. Nach allen diesen von ihm dargestellten Schwierigkeiten, die sich für jetzt "dem Projekt in den Weg stellen, führt er in überraschender Weise fort: .Alle diese Schwierigkeiten ungerechnet, scheint mir ein solches Projekt nur alsdann ausführbar zu sein, wenn die größten Mächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind . . ." Hier zeigt sich plötzlich mit der ganzen Wucht, eines ungewollten Selbstbekenntnisses, daß der Kluge und Verzichtende im Grunde seines Fudenherzens trotz aller Vernunft und trotz aller bewußt gezügelter Empfindungen dennoch ein Fudenstaatler ist. Dies Wort, das ihm wie unwillkürlich entschlüpft, erscheint in unseren Tagen wie eine Prophezeiung und hat in den Tagen des Weltkrieges ungeahnte Verwirklichung gefunden. Daß auch der moderne Zionismus, daß eine Gestalt zvie Theodor Herzl ohne Moses Mendelssohn nicht möglich gewesen wäre - das ist ost anerkannt worden. Aber daß in diesen Worten nichts Geringeres als die Balfour-Oeclaration von Mose» Mendelssohn voraus gesehen worden ist, das macht den bescheidenen Mäyn aus Dessau nicht nur zum Fürsprecher seiner Nation, sondem geradezu zum Prophetey. B. B.-St. CHE JAHR weiß um bas Glück des Fuden, dem seine wahre Kraft zuflrömt durch die Einscnkung seiner Wurzeln in den tausendjährigen Boden seiner Gemeinschaft. Oie Vergangenheit weist ihm die Richtung für die Zukunft. Über Zeiten und Zonen sprechen Fahrtausende zu ihm mit ihrer ewig gegenwärtigen Sprache und künden ihm von seinem Gott und seinem Volk, dem Ewigen und Seinem ewigen Volk". Oas Buch isi in einem sehr flüssigen Stil geschrieben und ansprechend ausgestattet. Aus dem Vorwort, betitelt Jüdisches Volk — Jüdische Religion bringen wir folgenden Ausschnitt: