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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-01-15 · 2 (15.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
2 (15.1.1936)
Date
1936-01-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 OemcinbeBIattfeet Israelitische» Reli>io«I-emei»de Dttlben Sette S H I» Allerdings, eine Rückkehr zur Orthodoxie ist den meisten, auch wenn man spürt, daß bei ihr viel urwüchsiges Iudentum ausgehoben liegt, dennoch nicht möglich. Hier geht es nicht um eine willensmäßige Entscheidung. Ebenso ist aber auch andererseits die llngebundenheit und Verdünnung des Liberalismus, seinVationa» lismus, seine Gleichsetzung von Religion und Ethik, sein uferloser Individualismus höchst unbefriedigend für ein Zeit, die nicht Anpassung und Farblosigkeit, sondern Eigentümlichkeit, Farbe und Tönung liebt, die wieder Sinn für spezifisch religiöse und irrationale Werte hat und vor allem wieder nach Bindung durch die Gemeinschaft verlangt. Noch befinden wir uns zu sehr im Anfangssiadium einer Entwicklung, als daß wir schon im einzelnen ihren Weg bestimmen könnten. Doch dürfte dies heute schon klar sein, daß die Vichtung des neuen Weges jenseits der nicht mehr zureichenden Formeln von Orthodoxie und Liberalismus verlaufen wird. Das wird wiederum an der neuen Einstellung zum „Gesetz" deutlich, wie sie besonders in Kreisen der Iuaend immer stärker hervortritt. Oie „Gemeinschaft", nicht das „Gesetz" bindet heute in erster Linie den Iuden. Oie alte Begründung: „es steht geschrieben, darum mußt du tun", reicht nicht mehr aus, um den Iuden zu jüdischem Leben zu verpflichten. Aber die Gewißheit, daß jeder Jude seinem Schicksal und seiner Bestimmung nach unlösbar als Glied in die Weltgemeinde Israels, den „K'lal Iisroel", eingefügt ist, bas empfinden auch heutige Iuden als einen Verpflichtungsgrund gegenüber allem, was.jüdisch ist, auch wenn wir die Tassache, daß wir Erben des liberalen Zeitalters sind und daher das Gesetz der Entwicklung auch innerhalb des religiösen Brauchtums anerkennen, nicht verleugnen können. Gerade im Hinblick auf das sich neuformende jüdische Leben in Palästina wird das Verhältnis von jüdischem Volkstum und jüdischer Veligion von besonderer Bedeutung. Oie Religion, in dem Sinn, den sie zumal innerhalb der westeuropäischen Iudenheit gewonnen hat, scheint dort kaum eine nennenswerte Volle zu spielen. Palästina wird mit den säkularen Kräften Europas und Amerikas gebaut. Wie weit die jüdische Veligion außerhalb der kleinen orthodoxen Kreise der paläflinensichen Iudenheit ein bestimmender Faktor des Gemeinschaftsleben werden wird, läßt sich heute noch nicht übersehen. So berechtigt gewiß vielfach die Klage über die Areligiosität im klassischem Lande der Veligion auch ist, so läßt sich eine Entwicklung doch nicht herbeizwingen und vorwegnehmen, da Veligion sich nicht anbefehlen läßt. Sie muß vielmehr natürlich wachsen. Vielleicht muß Palästina auch erst durch die Kinderkrankheiten des Atheismus und Materialismus hindurchgehen, die Europa schon überwunden hat. Unsere stille Hoffnung aber bleibt, daß auf dem Boden des Heiligen Landes, auf dem die in der Diaspora nicht vorhandenen Voraussetzungen dafür vorhanden sind, daß Veligion nnd Leben organisch zusammenwachsen, auch unsere Veligion neue Kraft gewinnt, die, wie einst ZIONISTISCHE ORTSGRUPPE, DRESDEN Sonntag, 26. Januar 1936 pünktlich abends 8 Uhr im Neuen (Jemeindesaal, Zeughausstr. I b spricht: Dr. Rabinowitz, Leipzig über: MendeleMocher Seforim anläßlich seines lOOsten Geburtstages Die Wran-taltung wird v.-n fies-änzen der Singgemeinsch.rft des Herhajo*, untei l.citon; von Wal er (ioldmann, umrahmt. Karten /um i'rri** von RM I.«- und 50 Pfcnn g * nd im Vorve Lauf l»ei der Hcc'ihandlune Sna-iLi und im Sekretariat der Zionitti.srhrn Ort«grt!|>pe, Grnnaer Straße .M, rh he* eben. IN vergangenen Tageg das jüdisch-religiöse Leben in den Ländern der Welt befruchtet und eine schöpferische Polarität zwischen Palästina und Diaspora schafft. Mancherlei Anzeichen lassen-heute schon diese Erwartung als nicht unbegründet erscheinen. Es ist unrecht, wenn Iuden, die selbst in ihrem eigenen Leben der Veligion fernsiehen, dem gegenwärtigen Palästina seine religiöse Indifferenz'zum Vorwurf machen. Für manchen ist Veligion nur ein Schlagwort, hinter dem sich Inhalte verbergen, die oft recht wenig m-'t wahrer Veligion zu tun haben. Innerhalb des Oiaspo.ra'Iudentums spielt die „Vel-aion" als solche eine ungleich größere Volle, auch als Kraft, die den Iuden jüdisch bindet, ja das ganze Iudentum tritt hier mehr in seinen religiösen Gehalten in Erscheinung als in Palästina, wo schon 'das Land, bas Milieu, die Atmosphäre des Alltags, mit einem Wort, das ganze Leben den Iuden jüdisch bickbetr^ Diese Tatsache darf aber keinesfalls zu der irrigen Meinung verleiten, als ließe sich aüs dem Iudentum ein Volk „wie die Völker" machen, das in sein Volksleben den unjüdischen Grundsatz einführt: „Veligion ist Privatsache". Wo solche Gedanken aufkonimcn, sind sie nichts anderes als eine neue Assimilation an dem Nationalismus der Völker, die nicht weniger gefährlich ist als die alte Art der Assimilation an dem Konsessionalismus der christlicheuropäischen Umwelt. Wohl läßt sich Nicht verkennen, daß in der Gegenwart, von deren geistigen Strömungen wir Iuden in gleicher Weise wi^ alle andern Menschen dieser Zeit ergriffen werden, Fragen der Gemeinschaft als vordergründig gegenüber religiösen Problemen empfunden. Es ist darum begreiflich, daß die vielfach neu erwachte Hinwendung zum jüdischem Brauchtum oft mehr dem Sehnen nach gemeinschaftlichen als nach religiösen Bindungen entspringt. Dennoch wird der Gedanke an die so viel berufene Gefahr der Säkularisierung des Iubentums den nicht beunruhigen können, der weiß, daß der Weg zu Gott stets über den Weg zu den Menschen führt, daß Israel übet den Weg zu seiner Gemeinschaft immer wieder den Weg zu seinem Gott gesunden hat. 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