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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-01-15 · 2 (15.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
2 (15.1.1936)
Date
1936-01-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblatt -er Israelitischen Heligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden ./ Verlag: Israelitische Neligionsgemeinde Dresden-A. l, Zeughausstraße 3 / Auf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Fac. Sternlicht, Dresben-A. 19, Etübel-Allee 35 / / Ruf 34185 ✓ / Annahmestelle ffir Inserate ebenda / Dir 4 mal gespaltene 48-mm'Zeilr kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt /, Druck: A. Sruhnert, DreSden-A. i, Ammonstr. 61 | XII. 3at>xg. [ Dresden, den 15. Januar 1936 Nummer 2 Moses Mendelssohns Gegenwartsbedeutung Zur ISO. Wiederkehr seines Todestages am 4. Januar 1936 Moses Mendelssohn als Philosoph ist heute tot und oergeffen. Sein philosophisches Hauptwerk »phaedon', das ihm einst den Namen des »deutschen Plato' einbrachte, liest heute kaum einer mehr, sind seine scharfsinnigen literarisch-ästhetischen Urteil«, denen einst selbst ein Lessing manche Anregung,zu seinem Laokoon verdankte, sind nur den Fachgelehrten noch bekannt» und von ihnen werden sie heute zum großen Teile abgclehnt. Nein, es muß dabei bleiben: was seine Zeit einst an dem Sohne des Thoraschreibers aus Dessau feierte, das ist für uns versunken und vergessen. Lebendig aber - vielleicht sogar gefährlich lebendig nahe bleibt uns das Äild des Iuden und des Menschen Moses Mendelssohn. * * * Die Gestalt, des buckligen und schwächlichen Mannes, der sich aus den dürftigsten Lebensumständen zu einer Existenz in der Welt des freien Geistes herauszuarbeiten verstand und dabei doch dem altererbten und von Jugend auf erlebten und durchforschten Väterglauben von ganzer Seele treu blieb, ist ohne Gleichen in ihrer Zeit und in ihrem Iahrhundert. Nicht nur weil er einen Lessing zum Freund seines Lebens erwählt hatte und von ihm in durchsichtiger Verkleidung zum Dolmetsch seiner eigenen innersten Gedanken über Menschheit und Menschlichkeit gemacht wurdesondem weil zu diesem bescheidenen Iuden, der in seinen erfolgreichsten Fahren doch nichts anderes war als ein Seidenwarenhändler in Äerlln, ein jeder fast pilgerte, der ein philosophisches oder weltanschauliches Leid mit sich trug oder eine Frage au' dem Herzen hatte. Nicht nur Philosophen wie Herber und Hamann wenden sich an den philosophischen Äruber - sondem, was viel verwunderlicher und merkwürdiger ist: Männer des praktischen Lebens, Offiziere, Geistlich«, Mediziner, Landwirte gingen ihn an, wenn sie in theologischen Zweifeln oder in Gewissensnöten befangen waren. Ia, sogar der Äenediktinermönch Philipp Winkopp sendet ihm aus seinem Kloster auf dem peterSberge wahre Äekenntnisbriefe. Oer Briefband der neuen Mendelssohn-Ausgabe liest sich wie eine Heerschau der Zweifelnden und Äedrängten in allen Ständen vom Landgeistllchm bis zum Forstmann. Als Mendelssohn starb - jetzt vor 1S0 Fahren - da stand in der Berlinischen Monatsschrift zu lesen: »Fm Anfang dieses Fahres entriß ihn der Tob seinen Freunden, unserer Stadt, den Wissenschaften, der Menschheit ... Sr war der Stolz und k»'e Zierde unserer Stadt . . .' * * * Den Weltruhm des Aufttämngsphilosophen werden wir heute nicht mehr ins Leben zurückwfen - ja, vlesteicht auch nicht mehr zurückrufen woNen. Mzu sehr sind wir uns seitdem der Grenzen menschlicher Vernunft bewußt geworden. Aber die Kämpfe' des Menchen und Fuden - damals vielleicht nur einem kleinen Kreis Eingeweihter in ihrer tragischen Bedeutung bekanntdie sprechen heute lauter zu uns als jemals zuvor. Dabei ist es - das sei gleich vorweggenommen - von gar keiner Bedeutung, ob wir daS Ziel, dem Moses Mendelssohn mit aller Kraft seines Lebens zuflrebte, die Vereinigung von Fudentüm und Deutschtum für uns selbst bejahen oder ablehnen. Denn die Kämpfe dieses jüdischen Lebens gelten seltsamerweise sober vielleicht: bezeichnenderweise?) gar nicht diesem Ziele. Sondern in ihnen geht es um die Grundwahrheiten, um den Lebenskern jüdischen Glaubens überhaupt. Der junge Schweizer Diakon F. E. Lavater, Goethes »Prophet«' und schwärmerischer Genosse auf der Nheinreis«, kannte Mendelssohn schon von einem Besuche in Berlin und verehrte ihn glühend,- als er nun des Genfers Äonnet »Untersuchung der Beweise für das Ehristentum' ins Deutsche überseht, widmet er das Werk Moses Mendelssohn und fordert ihn in der Widmung öffentlich auf, »entweder die Schrift zu widerlegen oder zu tun was Sokrates getan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte.' Für Mendelssohn war diese Herausforderung gleichsam ein Erwachen aus dem messianischen Traume der Fugend. - Aber seine Antwort ist bestimmt genug.. .. »Ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, Ihrem und meinem Erschöpfer und Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschrift beschworen haben, daß ich bei meinem Grundsätzen bleiben werde, so lange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt.' Fm Grunde war ihm diese Auseinandersetzung über die Grundbedingungen seines jüdischen Seins nicht unwillkommen. Sehr lebendig zeigt er das in seinen Äriefen. »Wollte Gott! ich bekäme wieder eine solche Gelegenheit, so tue icl) wieder, was ich dieses Mal getan habe... Wenn ich bedenke, was man zur Anerkennung der Heiligkeit unseres Glaubens zu tun schuldig ist, so begreife ich gar nicht, wie manche unserer Glaubensgenossen immer schreien, ich solle um des Himmels willen nicht mehr davon schreiben . . .' Von nun an widmet er alle Kraft der Wirksamkeit für Fuden und Fudentum. Wenn man heute Fosels von Noßheim wieder dankbar gebentt, deS Fürsprechs für seine Glaubensbrüdereine ganz ähnliche Nolle hat Moses Mendelssohn unter den Fuden seiner Zeit gespielt. Wenn in der Schweiz, in Königsberg, in Kursachsen oder sonstwo Fuden vertrieben, beschimpft oder ange« Nagt werden: immer ist es der Philosoph von Berlin, der für sie eintritt. Er ist es, der den Kriegsrat Dohm zu seiner epochemachenden Schrift »Über die bürgerliche Verbesserung der Fuden' veranlaßt. - Darüber hinaus aber hat Moses Mendelssohn durch posittv jüdische

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