Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Neligtontgemeinde Dresden Nr. l Sin jüdischer Maler erlebt Palästina „Mein ganzes Leben - Mein stärkstes jüdisches Erlebnis?" - Ich stnne und sinne schwer;u beantworten! Denn wo Erinnerung um Erinnerung heraufsteigt—, welche wohl/oll ich auswählen? Oa lese ich vom .Glück des IudesemS", und so will ich erzählen von der Stunde, die mir, sofort bewußt, und auch so bisher, als die höchste meines Lebens erschienen ist: von der Einweihung der Hebräischen Universität in Jerusalem. ES bedurfte 1925 nur der Nachricht von der bevorstehenden Feier, um allen Widerständen zum Trotz meine langersehnte Palästina-Reise änzutreten. Ich sah mir nicht Italien an—, ich verweilte in Ägypten nicht länger alS bis zum nächsten Zuge nach El Kantara, der Grenzstation - trieb mich doch die Angst: eS könnte mir vielleicht, wie einst Mose, nicht mehr vergönnt sein, daS Heilige Land zu betreten. So fuhr ich und fuhr. Und dort, auf dem Bahnhof in El Kantara, widerfuhr mir etwas EeltsameS: Ich sah darin einen hebräischen Anschlag, und alS ich ihn studierte, fand ich: es war der Fahrplan - auf hebräisch! Oa durchzuckte mich, wie ein Blitz, daS vorher Unfaßbare: Palästina, daS jüdische Palästina, war mehr als eine Verheißung: eS war Wirklichkeit geworden! Und damit begann für mich eine Zeit, die ich wie trunken durchlebte: Monate, zwei Fahre, in denen ich, nach den Demütigungen deS Galuth, ganz ich-felbff fein durfte: ganz Iude, ganz als Mensch, nur lebend den eigenen Idealen, nur gehorchend den tiefsten Stimmen der Seele. Also eS begann: mit dem Auszug auS Mizrajim; und wie ich so die Nacht hindurch durch die Wüste fuhr, da zogen mit mir herauf all meine Väter, da begleitete mich daS ganze verfolgte Volk, daS mit glühenden Augen den Sinai suchte und die Berge der Verheißung. Und alS wir im Morgengrauen auf der ersten Station in Erez hielten, da konnte ich mich nicht halten -, da stieg ich auS, siel nieder und - jawohl, ich, ein moderner, erwachsener Mensch dieses MaschinenzeitalterS, ich - küßte den heiligen Boden der Väter, der wieder unser werden sollte! Hier kann man solches Erlebnis kaum verstehen,-, drüben, m einem Leben gesteigerter Innigkeit, kommt dergleichen wie ein Zwang. Oer Zug fuhr weiter. In dem heraufsteigenden Morgen kamen, nach der Wüste, nach den urzeitlichen Ansiedlungen der Araber, die ersten, üppiggrünenden jüdischen Siedlungen; davor, daS Gewehr im Arm, jung, kraftstrotzend, der erste Schomer. Und dann ging die Sonne auf und tauchte die Berge IudaS in kristallische, nie gesehene Farben. Aber wie schwelgte erst mein Malerherz, als ich dann, vom Karmel auS, den weiten Blick über daS Land, die Bucht von Haifa, das unbeschreiblich schöne Meer, den noch nie so blau gesehenen Himmel hatte! Oa fühlte ich: Dieses Land war daS Land GotteS, in dem man Psalmen dichten mußtet Und diese Erkenntnis wuchs, je mehr man von dem Lande kennen lernte, und die Liebe zu ihm wuchs, je. länger man dann verweilte. AlS ich nach einigen Wochen nach Ieruscholajim hinauffuhr, wir aste, die wir in dem Mietsauto unS erst kennen gelernt hatten: eine jung» Engländern, ein greises Breslauer Iuwelier-Ehepaar und ein rumänischer Arzt, uns fühlten wie Geschwister, die sich nach langer Trennung wiedersahen, daß wir in einer unS bisher oft verborgenen Sprache sprachen: der Sprache der Herzen -, und daß wir, alS endlich Ierusalem austauchte, übermütig wie die Kinder immer wieder die Hattkwah sangen, obwohl wir schon Parfümerien, Drogen, Farben, Photo, Waschmittel, Kempinski-Weine Qualitätswaren preisgünstig. Photo. cjWedununj freie Zusendung/Tel. 26266/Eugeba, Galeriestraße 11 auch auf telefonische Bestellung. zwischen Altmarkt, Neumarkt ein jüdisches Erlebnis" lange keine Kinder mehr waren; aber wir waren eS wieder geworden in der Minute, als wir wieder zu unserer Mutter helmgefunden hatten. Und so: in einem Rausch, der daS ganze Land erfaßt hatte, war dann, einige Tage später, die Eröffnung der Universität. Ich hatte ein Lager in einem Keller erhascht -, aber waS machte daS?! - Denn eS gab kein freies Bett mehr in der ganzen Stadt, war doch ein Tourisienstrom in sie hereingebrochen, wie noch nie zuvor. WaS Namen, Rang und Geld hatte, in Ägypten, Syrien, dem Irak, - ganz zu schweigen von den Tourisienschiffen auS Amerika usw. - traf sich hier. Und welches Glück durchpulste alle Zehntausende von Teilnehmem, alS Sir Herbett Samuel, der erste jüdische siigk-Lommisrionor deS Völkerbundes, Weizmann, an der Spitze der Abordnungm von 50 Universitäten, daS Podium der llniversitätS-Arena bettat, wo er. von den Oberkommiffaren von Sytten, dem Irak, den Herrschern von Ägypten, den Oberbefehlshabern, den Engländem, den Gesandten aller Mächte empfangen wurde, die so die Bestätigung, gaben, daß das jüdische Volk wieder alS vollwertig ausgenommen war unter die anderen Völker; - alS Ch. Weizmann, als der . Führer dieses Volkes, zu ihnen redete, in hebräischer Sprache, 1 alS Lord Balfour hinwieS auf das einzigattige Panorama um UNS her, wo von den fernen Bergen von Transjordanien, vom Iordan unter unS und dem wie ein Iuwel heraufleuchtenden Toten Meere bis hin zum Mittelmeer jeder Stein von schicksalsschwerer Geschichte, von jüdischer Geschichte redete: — und alS Sir Herbert Samuel seine Rede schloß mit dem: „Schehediejonuh. da wußten wir, daß wir Zeugen gewesen waren eines ganz unvergleichlichen Wunders: Oer Auferstehung eines Volkes von den Toten! War daS hier Geschilderte auch mein glücklichstes, so war eS doch durchaus nicht das stärkste Erlebnis! Das stärkste Erlebnis, daS war eS nicht mehr und nicht minder, als wenn ich irgendeine Seite der jüdischen Geschichte auffchlage oder irgendeine Zeile in einer jüdischen Zeitung lese. Denn: Gewohnt von Kindheit an, mein Iudesein zu bekennen und zu vetteidigen, lebe ich, wie in der Gegenwatt, so auch lebendig in der Vergangenheit; und ob, mein Bruder in irgendeinem Lande verfolgt, gequält, verhöhnt und gehetzt wird: mir, mir geschieht eS! Ich war eS, der mit , Moses, mit den HaSmonäern, auf den Mauern IerusalemS, mit Bar Kochba oder mit Trumpeldor kämpfte, blutete und starb, ich war eS, den die Indiquisttton, der Iudenhaß, verbrannte und vernichtete. Und ob ich nun auch persönlich für mein Iudentum geopfett habe, ob ich nun manche heiße Liebe mir auS dem Herzen riß, um ganz ungeteilt Iude bleiben zu können, ob ich als SechSjähttger Kaddisch um meinen seligen Vater sagte, - ob ich bei meinem ersten Lehrer Auerbach lernte: GuteS hinter mich zu werfen inS Meer der Vergessenheit; - oder ob ich unserem Kantor Hofstein - einem großem Künstler deS GebeteS - lauschend folge auf dem Wege zu GotteS Höhen -, ob ich, während der galizischen Offensive 1917 hinter den Russen her in die brennenden, verwüsteten jüdischen Städtchen einrückte, ln denen die Tscherkeffen kein Fenster ganz, kein Bett unaufgeschnitten, kein Geschirr heil gelassen -, oder ob ich mein Gesicht berge in die Runzeln der Quadern der Klagemauer; - ob ich mit den Ehaluzzyim am Sttanb von Tel-Awiw oder in den Bergen ObergaliläaS Horrah tanze, -- oder ob ich die Kinder Palästinas Bäume pflanzen sehe, ob ich die unvergeßliche peffachfeier ln Baranowitschi 1916 mitmachte immer ist eS ein gleichstarkes Erlebnis, und Gott bewahre mich davor, daß ich .mein stärkstes jüdisches Erlebnis" jemals haben werde. DaS wird auch nicht sein, wmn ich einmal mein Leben für mein Iudentum geben müßte, denn mein ganzes Leben ist ein einziges starkes jüdisches EttebntS. AlfonS Brock (Dresden). Lrock'S Ausstellung in den Räumen Dtorlhstraße 1 d Ist noch bl< zum 10. Januar unentgeltlich zu beflchttgen.