Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 23 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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S«ite 2 (Bcmetnletlatt btt Israelitische« Neligionlgemeind« Dresden Nr. n .Staun sich jcntanb, der Rilkes „Itundcnbuch" kennt, hier * eines Lächelns erwehren -' Hört er nicht diese unendliche Melodie: Tu bist der raunende Verrußte, auf allen £fen schläfst du breit. Tas Wisien ist nur in der Zeit, Tu bist der dunkle Unbewußte van Ewigkeit zu Ewigkeit. Tu bist der Bittende und Baiige, der aller Tinge Sinn beschwert, Tu bist die Tilde im Gesänge, die immer zitternder im Zwange der starken Trimmen wiederkchrt. Tiese Umschreibung des Gottesnamens von Rainer Maria Rilke ist zweifellos ganz deutsche Tichlung. Wenn man nun über diese, unveränderte Melodie den Titel „Ahasver" schreibt, ist das dann jüdische Dichtung? Nein, bestimmt nicht. Und ich glaube, wir können im vollen Tinne des Wortes jüdische Tichtung in deutscher Tprache heute gar nicht haben. Wie ist denn die Situation? Das -Wesen einer Literatur wird ja fast ganz und gar vom Wesen und von der Geschichte der Tprache bestimmt. Man denke doch an den Tchillerschen Tpruch: Weil ein Bers dir gelingt in einer gebildeten Tprache, die für dich dichtet und denkt glaubst du schon Tichter zu sein? Weit mehr als llü Prozent aller poetischen Literatur beslclP aus solchem Tich-wciler-Dichten der Tprache in empfindsamcn aber uneigencn und unkritischen Geistern. Nur in den seltenen Fällen von schöpferischem Genie wird die Tprache ungebilde: und zu neuen, erschütternden Leistungen aufgcrufcn. Als die Juden vor fünf Generationen den produktiven Verkehr mit der deutschen Tprache aufnahmen, wurden sie natürlich sehr häufig Literaten, für die diese Tprache „dichten und denken" mußte. Ein paar Fälle von schöpferischem Genie sind allerdings auch bei ihnen aufgetaucht, und wie weit das, was diese Autoren nun in der deutschen Tprache zu neuer Entfaltung brachten, seinem Wesen nach „jüdisch" war, das ist eine unendlich viel umstrittene Frage, die wir hier im Augenblick nicht untersuchen wollen. Tatsache aber ist, daß dieses Genie, das eigene neue Wesenskraft zum Einsatz bringt,, immer etwas ganz Tellenes ist, und daß die große Mehrheit, die unendlich große Mehrheit aller Tchreibendcn innerhalb der Grenzen bleibt, die bestehende Tprache für das Dichten und Tenken gesetzt har. ES ist also eigentlich selbstverständlich, daß die erregten jungen und älteren Leute, die jetzt in deutscher Tprache spezifisch jüdische Themen behandeln, durchaus nurdeutsche Tichtung produzieren, denn die Tprache dichtet und denkt für sic — weil sie eben keine Genies sind! Man verstehe mich recht: ich behaupte durchaus nicht, daß die Autoren, die jetzt die jüdischen Ttoffe behandeln, im Drama, in der Erzählung, im Gedicht, Konjunktur,'äger sind. Es mag auch solche unsympathischen Gestalten unter ihnen geben, aber die meisten werden sicher von einem echten und ernsten Gefühl zu diesen Themen geführt. Ich behaupte auch gar nicht, daß diese Literatur unnütz oder überflüssig sei. Tie Hinführung zu diesen Stoffen hat gewiß ihren Wert. Wenn sic auch durchaus nicht Lache der Tichtung zu sein brauchte und wahrscheinlich in belehrender Form gründlicher erfolgen könnte, so ist doch die poetische Form für Menschen, die nicht gerne lernen, eine nützliche Verführung, sich gleichsam unbewußt Kenntnisie anzueignen. Nur ist es nicht ungefährlich, wenn die jungen Tichter sich vielleicht einbilden, diese gute und nützliche Poesie wäre neue jüdische Tichtung, und wenn daS Publikum derlei von ihnen verlangt und erwartet. Tenn erstens einmal stiftet das Verwirrung sowohl über den Begriff der Poesie wie des Jüdischen. Poesie ist nicht Mitteilung bestimmter Ttoffe, sondern Gestaltung des Lebens in einer bestimmten, unvergleichlichen Haltung, die vielleicht das Ergebnis dieser Historie ist. In seinen großen Hymne«, aber auch in gewissen ganz intimen lyrisch.» Parfümerien, auch auslindiacha. Kempinski-Weine Qualitätswaren preisgünstig. 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Es ist auch sehr wahrscheinlich, dag jene Scheidung der Fuden vom allgemeinen deutschen Leben, die seil zwei Fahren eingesetzt hat und die unsere Besinnung auf jüdisches Wesen notwendig verstärkt, solche Fälle häufiger machen, und die Entwicklung einer eigentlich ,üdischen Literatur deutscher Tprache beschleunigen wird. Aber „beschleunigen" heißt hier noch immer: ein sehr langsamer Prozeß. Wenil man nicht mit der Übermittlung jüdischer Stoffe zufrieden ist. wenn ipan wirklich auf eine dichterische Form jüdischer Art wartet, würde es nicht Fahre, sondern Fahrzehntc, za wahrscheinlich Mcnschcnalter dauern, bis man ein so tiefgreifendes Ergebnis erwarte» kann. Tic zweite Gefahr aber liegt in der Hast, in der Unruhe, in oer Unsicherheit, die dieses Verlangen nach einer im Augenblick gar nicht möglichen Tichlung erzeugt, Leo Vacck hat eben jetzt ,ehr gute Worte darüber gesagt, daß die entstandene „Bildungsenge" mehr Gewinn als Schaden für die deutschen Fuden bedeuten kann. Sicherlich war ihre Gefahr, die oft sinnlose Hast, mit der sie alles "Neue, alles Interessante, alles irgendwo Bewegliche sich anzueignen suchten — eine Hast, eine Uberfüllung, die sie an wirklicher Besitzergreifung und Vertiefung hinderten.. Wahre Bildung entsteht in dem Augenblick, wo der erworbene Stoff zur formenden Kraft wird — das ist wahrscheinlich die beste Definition, die man vom Wesen des viel mißbrauchten Wortes „Bildung" bisher gegeben hat. Aber das Entstehen dieser echten Bildung setzt Ruhe, ja Langsamkeit voraus. Es besteht die Gefahr, daß diese hastige Jagd nach einer neuen jüdischen Tichtung deutscher Sprache auf eine neue Weise diese Sammlung und diese Ruhe gefährdet. Wer dichterische Kraft innerhalb der deutschen Fuden zu spüren glaubt, der möge dichten von den Tingen und in der Art, die seine Natur ihm eingibt; aber er möge Geduld und Ehrfurcht vor der eigenen Natur haben, er fordere ihr nicht mit gewaltsamem Entschluß vorschnell unmögliche Leistungen ab. Etwas so Neues und Bedeutsames wie eine jüdische Tichtung in deutscher Sprache kann vielleicht wachsen. Aber es kann ganz bestimmt nicht gemacht werden. Geschenke ^Türkisch 8